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StartseiteForschung aktuellEintönig Essen24.04.2013

Eintönig Essen

Abnehmende Vielfalt des Speiseplans könnte zu Mangelernährung führen

Einst hatte der Mensch rund 2500 Pflanzen auf dem Speisezettel. Mittlerweile ist unser Essen eintöniger geworden. Allein Reis, Mais und Weizen bilden zusammen 50 Prozent der Kalorienmenge, die ein Durchschnittsbürger zu sich nimmt. Eine so geringe Nahrungsvielfalt ist allerdings nicht ungefährlich.

Von Franziska Badenschier

Gut 100 Arten an Obst, Gemüse und Getreide: vielfältiger ist gesundes Essen heute nicht mehr. Das war einmal anders.  (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
Gut 100 Arten an Obst, Gemüse und Getreide: vielfältiger ist gesundes Essen heute nicht mehr. Das war einmal anders. (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
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Michael Hermann schlendert über einen malaysischen Wochenmarkt, entdeckt chinesische Äpfel, holländische Zwiebeln und südamerikanische Kürbisse. Der deutsche Agrarwissenschaftler ist der globale Koordinator von Crops for the Future, einer internationalen Organisation, die vernachlässigte Kulturpflanzen fördert. Auf dem Markt südlich der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur sucht Hermann an diesem Tag etwas Bestimmtes für die eigene Küche: Maniok – eine Pflanze mit stärkehaltigen Wurzelknollen, die ursprünglich aus Brasilien kommt und auch Kassava genannt wird.

"In Brasilien speziell wird sehr viel Kassava gegessen. Das ist ja die Grundlage der indianischen Bevölkerung gewesen, der ist es immer noch."

"Die Wurzel reiben und dann bei einigen Varietäten den giftigen Saft abpressen. Das wird dann sonnengetrocknet und dann geröstet. Und dann ist es lagerbar als fariña."

Fariña bedeutet Mehl. Damit will Hermann einen Kuchen backen, so, wie ihn seine brasilianische Schwiegermutter immer gemacht hat: aus Kassavamehl, Kokosnussmilch und Zucker.

An einem Stand ein paar Schritte weiter wird Hermann tatsächlich fündig: Drei Sorten Süßkartoffeln liegen auf dem Tisch – und Maniok. Doch die Vielfalt auf dem Markt, die täuscht!

"Es gibt schätzungsweise 2500 Kulturpflanzen, die vom Menschen domestiziert worden sind in den letzten 8000 bis 10.000 Jahren. Und einige haben sich davon durchgesetzt, die sind global, von globaler Bedeutung."

Gut 100 Arten an Obst, Gemüse, Getreide: Mehr sind es nicht mehr, die die Menschen weltweit essen. Und zu den Grundnahrungsmitteln zählen noch weniger:

"Man schätzt, dass etwa die Hälfte aller Kalorien von drei Kulturpflanzen nur stammen, und zwar in der ganzen Welt: Reis an erster Stelle, Weizen und Mais."

Die Folgen dieses eintönigen Speiseplans: Kulinarische Traditionen gehen verloren. Mancherorts sorgen die wenigen Grundnahrungsmittel für Mangelernährung, weil Vitamine oder Mineralstoffe fehlen. Vor allem aber machen sich die Menschen von den wenigen Arten abhängig.

Zu was die geringe Artenvielfalt auf dem Teller führen kann, das hat die Historie bereits gezeigt. Zum Beispiel, als 1845 in Irland eine Kartoffelkrankheit ausbrach und daraufhin jeder achte Ire verhungerte.

"Kartoffeln waren im Wesentlichen die Grundlage für die Ernährung: für die Kalorien, für den Proteingehalt und auch für Minerale und für die Vitamine. Und da kam eben diese Krankheit, diese Kartoffelkrautfäule, die Phytophthora infestans. Das ist also eine Pilzkrankheit und die gelangte irgendwie nach Irland und ... führte dann dazu, dass ein Großteil der Ernte zerstört wurde. Und das führte zu entsetzlichen Hungersnöten, die dann zu diesen Auswanderungswellen führten. Und viele Iren sind in dieser Zeit just nach Amerika ausgewandert."

Heutzutage ist der Weizen bedroht: Ein Rostpilz wird dem Getreide gefährlich. Deswegen werden in der ganzen Welt neue, resistente Weizensorten gezüchtet. Derweil tut sich ein neues – ein viel größeres – Problem für die Welternährung auf: der Klimawandel. In manchen Gebieten wird es feuchter werden, in anderen trockener und vor allem wärmer. Das kann den drei wichtigsten Grundnahrungsmitteln zum Verhängnis werden. Reis, Mais und Weizen sind nämlich nicht gerade die robustesten Pflanzen.

"Weizen würde zum Beispiel auf gewissen Böden völlig scheitern, überhaupt keinen Ertrag liefern."

Und beim Mais gibt es zwar durchaus verschiedene Sorten, die an bestimmte Standorte angepasst sind. Aber besonders hohe Temperaturen ertragen auch sie nicht: Außergewöhnliche Hitze stört nämlich die Samenbildung. Retter in der Not könnten vernachlässigte Pflanzen sein. In Afrika und Indien könnte zum Beispiel Hirse helfen:

"Das sind Pflanzen, die sehr viel robuster sind, die sehr viel besser an trockene und heiße Bedingungen angepasst sind, wo also schon Mais-Erträge sehr stark leiden."

Crops for the Future hat indischen Frauen gezeigt, wie sie Hirse auf dem Subkontinent populärer machen können und dabei Geld verdienen. Inzwischen backen die Inderinnen aus Hirsemehl kleine Fladen und verkaufen diese auf dem Markt. Das bringt mehr Geld ein, als wenn sie den reinen Hirsesamen verkaufen.

Solche Projekte sind entscheidend: Denn selbst wenn es Dutzende, ja Hunderte Pflanzen gibt, deren Potenzial für den Speiseteller noch nicht ausgenutzt ist: Ohne eine größere Nachfrage bleiben sie vernachlässigte Pflanzen.

Links ins Netz:

Zur Webseite von "Crops for the Future"

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