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StartseiteEuropa heuteSprache als Schlüssel zur Integration24.07.2019

Einwanderer in LuxemburgSprache als Schlüssel zur Integration

Viele portugiesische Frauen arbeiten in Luxemburg als Reinigungskräfte. Madalena Duarte wollte sich damit nicht zufriedengeben. Mit viel Fleiß hat sie Luxemburgisch und Deutsch gelernt - und arbeitet inzwischen in ihren Traumjob als Sozialarbeiterin.

Von Tonia Koch

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Zwei Frauen stehen Arm in Arm auf der Straße (Deutschlandradio / Tonia Koch)
Die Sozialarbeiterin Madalena Duarte (li) und ihr Schützling Nateicia (Deutschlandradio / Tonia Koch)
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Ein zehn Sekunden Telefonat mit ihrem Mann, dann ist geklärt, wer die beiden Kinder abholt. Und Madalena Duarte, portugiesische Sozialarbeiterin in Diensten der Luxemburger Caritas, hat Zeit für ein Gespräch. "Zu keinem Zeitpunkt hatte ich in meiner Lebensplanung vorgesehen, Portugal zu verlassen. Nie, wirklich nie. Und heute sage ich meinen Kindern immer: 'Sag niemals nie'. Denn das mit dem nie, das könnt ihr an mir sehen, das funktioniert nicht."

Familie stand vor der Wahl: Portugal oder Luxemburg

Madalena ist heute 47. Und damals vor zwölf Jahren hatte sie sich vorgestellt, sie werde ein Jahr in Luxemburg verbringen, Erfahrungen sammeln und sich wieder umorientieren. Aber sie sei geblieben. Niemand möge denken, es sei ihr leicht gefallen, im Gegenteil. "Es war richtig hart, und jeden Tag dachte ich, pack die Koffer, geh zurück."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Moseltal statt Atlantikküste – Portugiesen in Luxemburg".

Madalena stand vor der Wahl: Portugal oder Luxemburg. Sie wollte ihre kleine Familie zusammenführen. Der älteste Sohn ihrer beiden Söhne war bereits auf der Welt und favorisiert war zunächst Portugal. Ihr Mann hatte nach einem längeren Aufenthalt in Luxemburg versucht, zu Hause in Portugal wieder Fuß zu fassen, fand aber keine Beschäftigung, die seinen beruflichen Fähigkeiten entsprach.

"Das war frustrierend für ihn, er hat keine Perspektive gesehen."

Jobangebote als Reinigungskraft

So fiel die Wahl doch auf Luxemburg. Und da schon so viele Portugiesen hier waren, dachte sie, die Gemeinschaft fängt sie auf und hilft ihr, der studierten Sozialarbeiterin aus Coimbra, im erlernten Beruf eine Anstellung zu finden. Aber das sei ein Trugschluss gewesen.

"Die Signale, die ich empfangen habe, waren immer gleich. Uh... das ist schwierig, vielleicht findest Du was als Reinigungskraft. Irgendwie habe ich keinen Zuspruch bekommen, der mich aufgemuntert hätte."

Und auch bei der staatlichen Arbeitsverwaltung hätten sie ihre Möglichkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, für äußerst gering erachtet. Ihr fehlte die Landessprache Luxemburgisch und ihr Schulfranzösisch hätte nicht ausgereicht.

Eine Reinigungskraft putzt in einer Halle (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)Viele portugiesische Frauen verdienen ihr Geld in Luxemburg als Reinigungskraft (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)

Von den Behörden sei der Hinweis gekommen, es im Reinigungssektor zu versuchen. Bis heute sind die Büros im Luxemburger Bankenviertel am Abend in den Händen portugiesischer Frauen. Ihr Mann aber habe all das nicht gelten lassen wollen.

"Mein Mann hat viel dazu beigetragen, dass ich nicht den Mut verloren habe. Ich war bereit, mich mit dem Putzfrauen-Job abzufinden. Aber er hat gesagt, das kommt nicht in Frage, Du machst jetzt den Sprachkurs und dann bewirbst du dich erneut, Punkt! Und heute weiß ich, dass man hartnäckig sein muss und nicht die Hände in den Schoß legen darf, sondern erst einmal mindestens eine Landessprache lernen muss."

Es fällt nicht schwer, der zierlichen Frau Stehvermögen zu attestieren. Sie strahlt genau das aus. Und sie rät allen Frauen in der gleichen Situation, sich durchzubeißen, denn das ideale Profil gäbe es ohnehin nicht.

Mit Hartnäckigkeit zum Traumjob

Madalena übt inzwischen ihren Traumjob aus: Sozialarbeiterin bei der Caritas. Sie führt ein weiteres Telefonat. Am Nachmittag trifft sie sich zum Austausch mit Kollegen anderer sozialer Einrichtungen in Esch, einer Stadt im Süden des Landes. Sie verbindet den Aufenthalt mit dem Besuch einer Familie, die sie betreut.

Nateicia ist allein zu Hause, die beiden Kinder sind in der Schule. Im Wohnzimmer läuft portugiesisches Fernsehen und auf dem Tisch stapeln sich Behördenbriefe. Beide beugen sich darüber.

Nach der Trennung von ihrem Partner sei sie psychisch labil gewesen, sagt Nateicia. Alleinerziehend in einem fremden Land ohne ausreichende Französischkenntnisse, da sei sie allein nicht mehr klar gekommen. Madalena sieht Nateicia, die von den kapverdianischen Inseln stammt, auf einem guten Weg.

"Sie ist gut organisiert, und belastbar, sie kümmert sich um die Kinder, arbeitet, ist finanziell weitgehend unabhängig und kann auch ihre administrativen Dinge inzwischen überwiegend allein regeln. Ich arbeite gern mit ihr."

Zwei Länder, ein Europa

Die Portugiesin hat zwei Putzstellen, eine morgens, die andere abends. Nateicia ist froh darüber, dass sie mit Madalena in der Muttersprache kommunizieren kann. Sie würde zwar gerne ihre Französischkenntnisse aufbessern, aber ein Sprachkurs sei nicht drin.

"Ich habe keine Zeit, zur Schule zu gehen."

Nateicia spricht mit den Kindern Portugiesisch und Kreolisch. Sie lebt zurückgezogen. Keine der drei Landessprachen Luxemburgisch, Französisch und Deutsch spricht sie so, dass sie sich mühelos verständigen kann. Madalena hingegen hat mit dem Erlernen von Französisch und Luxemburgisch den Grundstein für ihre Integration im Gastland gelegt. 

"Ich fühle mich hier integriert. Aber ich fühle doch, dass ich nicht in meinem Land bin. Wir haben keine Familie hier, meine ganze Familie lebt in Portugal, deshalb habe ich noch immer einen Fuß in Portugal, aber ich würde sagen, ich bin integriert, ich fühle mich gut."

Sie sei, fügt sie noch hinzu, irgendwie halb-halb, europäisch eben.

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