Dienstag, 18.06.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteThemaWorum es bei der Neuregelung der Organspende geht01.04.2019

Einwilligung versus WiderspruchWorum es bei der Neuregelung der Organspende geht

Organspender wird bislang in Deutschland nur, wer sich ausdrücklich dazu bereit erklärt. Die Einführung einer Widerspruchsregelung würde alle Bürger zu potenziellen Spendern machen. Ein Überblick über die aktuelle Regelung und mögliche Veränderungen.

Ein Portemonnaie mit verschiedenen Personaldokumenten, darunter ein Organspendeausweis (picture alliance/ Imagebroker)
Wer einen Organspendeausweis hat, dokumentiert damit eindeutig seinen Willen zur Organspende. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. (picture alliance/ Imagebroker)
Mehr zum Thema

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Informationen zur Organspende

Wie ist die Organspende derzeit geregelt?

Eine Organspende ist in Deutschland dann möglich, wenn der Hirntod eines Menschen festgestellt wird, sein Herz aber noch schlägt. In diesem Fall entscheiden Ärzte, ob die Organe eines Verstorbenen sich als Spenderorgane eignen. Organe entnehmen dürfen sie nur, wenn der Verstorbene dazu sein Einverständnis gegeben hat, zum Beispiel in einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung. Gibt es diese nicht oder wird kein Ausweis gefunden, werden die Angehörigen nach einer Entscheidung gefragt.

In einem Organspendeausweis kann man sein Einverständnis generell erteilen oder auch nur für bestimmte Organe oder Gewebe. Es gibt auch die Möglichkeit, die Entscheidung einem bestimmten Angehörigen zu überlassen. Ein unterschriebener Ausweis ist verbindlich, die Entscheidung zur Organspende wird aber nirgends offiziell registriert. Man ist auch nicht dauerhaft darauf festgelegt. Wer seine Einstellung ändert, vernichtet einfach die alte Erklärung und füllt gegebenenfalls einen neuen Ausweis aus. Schon Minderjährige können sich einen Organspendeausweis zulegen. Eine obere Altersgrenze gibt es nicht - entscheidend ist allein der Zustand der Organe. 

Organspende 
Wie tot ist ein Hirntoter?

Interview mit Transplantationsmediziner Eckhard Nagel
"Das Hirntodkonzept ist über 40 Jahre alt"

Welche Probleme gibt es?

Es gibt in Deutschland viel zu wenige potenzielle Organspender. Das hat verschiedene Gründe: Viele Menschen scheuen schlichtweg die Auseinandersetzung mit dem Tod. Andere hält die diffuse Angst vor möglichem Missbrauch oder Organhandel ab - oder sie fürchten, dass im Ernstfall nicht mehr alles medizinisch Notwendige für sie getan wird. Umfragen zufolge haben aber auch längst nicht so viele Menschen einen Ausweis wie erklären, nach ihrem Tod Organe spenden zu wollen. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation sterben statistisch gesehen täglich drei schwer kranke Patienten, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist. 

Organspende
Nur wenige Deutsche spenden

Anforderungen an Kliniken 
Für den Tod fehlen Zeit und Raum

Stiftung Organtransplantation 
"In Kliniken ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit über Organspenden zu leisten"

Was soll sich bei der Organspende verändern?

Um die Zahl der möglichen Spender und damit der Organtransplantationen zu erhöhen, hat eine Gruppe von Abgeordneten um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die aktuelle Einwilligungsregelung umdrehen würde: Statt wie bisher nur durch ausdrückliche Zustimmung zum Organspender zu werden, wäre demnach jeder Bürger von vornherein potenzieller Spender. Man müsste dann künftig ausdrücklich widersprechen, wenn man dies nicht möchte. Daraus erwächst praktisch eine Pflicht, sich mit der eigenen Haltung zur Organspende zu beschäftigen und sich zu entscheiden.

Der Entwurf sieht die Einführung eines Registers vor, in dem jeder Bürger eintragen lassen kann, ob er der Organentnahme widerspricht oder ob er spenden will. Meinungsänderungen sollen auch hier noch jederzeit möglich sein.

Liegt kein Eintrag vor, werden die Angehörigen gefragt, ob der Verstorbenen Organe spenden wollte oder nicht. Um eine Organentnahmen abzulehnen, müssen sie dann glaubhaft machen, dass der Verstorbene kein Spender sein wollte, dies aber nicht dokumentiert habe. Ist das nicht der Fall, können Organe entnommen werden. Wegen der Abfrage der Angehörigen werden die Pläne als "doppelte Widerspruchslösung" bezeichnet. Ein Veto-Recht haben die Angehörigen aber nicht. Daran gibt es Kritik. Der Theologe und Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock bezeichnete dies im Deutschlandfunk als "Übergriffigkeit". Der Charakter einer Spende sei mit der Widerspruchslösung nicht mehr gegeben.

Einen Konkurrenzentwurf zur Widerspruchsregelung haben die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger angekündigt. Sie schlagen vor, dass künftig alle Bürger bei der Ausstellung ihres Personalausweises zu ihrer Spendebereitschaft befragt werden sollen. Die Entscheidung bliebe dabei wie jetzt freiwillig.

Theologe Peter Dabrock 
"Widerspruchslösung bei Organspenden unnötig und schädlich

Otto Fricke (FDP)
"Man kann einen Bürger nicht zu einer bestimmten Entscheidung zwingen"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk