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StartseiteKalenderblattEinzelgänger im Exil22.02.2009

Einzelgänger im Exil

Vor 20 Jahren beging der Schriftsteller Sándor Márai Selbstmord

Der Ungar Sándor Márai begann als Journalist und wurde einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes. Seine Werke und Tagebuchaufzeichnungen begleiteten politische Zeitläufe. Den Großteil seines Lebens verbrachte er im Exil. Schicksalsschläge trieben ihn 88-jährig in den Freitod.

Von Christian Linder

Sándor Màrai: "Die Nacht vor der Scheidung", Coverausschnitt (Piper Verlag)
Sándor Màrai: "Die Nacht vor der Scheidung", Coverausschnitt (Piper Verlag)

Als Leser Sándor Márais reist man in eine untergegangene Welt. Es ist die alte Welt Ungarns, gesehen aber im Kontext der Geschichte des alten Europas, die der ungarische Schriftsteller hellsichtig beschrieben hat. Andererseits erzählen seine Bücher vom Leben als einer Reise in die Fremde, ins Exil, von der Flucht vor den Nationalsozialisten nach deren Besetzung Ungarns 1944 und vor den Kommunisten in der Nachkriegszeit.

"Ich habe hin und her überlegt. Ich weiß hier draußen in der Fremde niemanden, weder eine Institution noch eine Privatperson, der man diese Manuskripte getrost anvertrauen kann."

Am Ende stand Sándor Márai mit leeren Händen da. Er wusste zwar, dass sein literarisches Werk überleben würde – und es erfährt seit einigen Jahren eine erstaunliche Renaissance - aber mit den sogenannten "großen Werken" sei das so eine Sache:

"Möglich, dass das einzige wirkliche Werk deines Lebens nichts anderes als die spärlichen Zeilen sind, von denen du glaubst, es wären nur Späne."

Das Leben gesehen als langer flüchtiger Augenblick, den man trotzdem gestalten muss. Nach dieser Devise hat Sándor Márai auch geschrieben. Geboren am 11. April 1900 als Sándor Großschmid de Mára in Kaschau, damals zum Königreich Ungarn, heute zur Slowakei gehörend, wuchs er als Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie auf. Man sprach deutsch, und Márai, wie er sich später nannte, schrieb zunächst auch auf Deutsch. Er studierte in Leipzig und in Frankfurt am Main, wollte Journalist werden und schaffte es schnell, Autor der damals berühmtesten deutschen Zeitung zu werden, der "Frankfurter Zeitung", die er in den 20er-Jahren sogar als Korrespondent in Paris vertrat. 1928 ging er zurück nach Ungarn und begann, nun auf Ungarisch, sein literarisches Werk zu schreiben: Romane, Lyrik, auch Dramen. Es waren, nach einem Romantitel, "Bekenntnisse eines Bürgers".

"Mag sein, dass die Einsamkeit den Menschen zerstört, so wie sie Pascal, Hölderlin und Nietzsche zerstört hat. Aber dieses Scheitern, dieser Bruch sind eines denkenden Menschen noch immer würdiger als die Anbiederung an eine Welt, die ihn erst mit ihren Verführungen ansteckt, um ihn dann in den Graben zu werfen ... bleib allein und antworte ... "

Das Leben in den verschiedenen Exil-Orten zusammen mit seiner Frau Lola, die auch aus Kaschau stammte, hat Márai in seinen Tagebüchern festgehalten, einer Mischung aus privaten Notizen und essayistischen Kommentaren zum Lauf der Zeit.

"Mit 49 in einer Einzimmer-Unterkunft wieder von vorne anzufangen und dabei jede nicht unbedingt erforderliche Ausgabe und Bequemlichkeit zweimal abzuwägen. Ja, alles eher, als sich daheim das gebratene Huhn schmecken zu lassen und die Schmach mitzumachen."

Statt mitzumachen zog er die Position des Außenseiters vor.

"Der Kommunismus ist eine Tragödie, aber der wahre Gegner ist stets die in das "nationale" Kostüm gekleidete heuchlerische und habgierige Rechte."

Sándor Márais Gedanken, wie er sie in seinen Tagebüchern notiert hat, orientierten sich an den Erfahrungen, die er im alten Ungarn, in Deutschland, Frankreich, Italien gemacht hatte. Sie blieben auf das alte Europa auch gerichtet, als er schon längst im amerikanischen Exil lebte, zunächst in New York, dann in Kalifornien, in San Diego. An Rückkehr war nicht zu denken.

"Der Emigrant, der ans "Nachhausegehen" denkt, ist kein wirklicher Emigrant. Man kann nach Hause gehen, aber nur wie Ulysses: um zu sterben."

Als 1986 seine Frau starb und kurz darauf auch der erst 46-jährige Sohn, war Sándor Márai ein gebrochener Mann. Die Tagebücher verraten, dass er keine Erwartung und Hoffnung mehr in sich spürte. Der letzte Eintrag vom 15. Januar 1989 lautet:

"Ich warte auf den Stellungsbefehl, bin nicht ungeduldig, will aber auch nichts hinauszögern."

Am 22. Februar 1989 hat sich Sándor Márai in Kalifornien das Leben genommen.

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