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StartseiteHintergrundEinzeltäter oder Kinderschänderring?17.06.2004

Einzeltäter oder Kinderschänderring?

Das Urteil im Fall Dutroux

<em> Wenn das Ergebnis gut ist, dann sieht der Bürger, dass die Justiz wenigstens ein bisschen funktioniert. Wenn es ein schlechtes Urteil gibt, dann bestätigt das alles, was wir schon vorher wussten. Ich erwarte, dass alle vier Angeklagten bestraft werden, nur das. Alle Vier sollen verurteilt werden. Ich habe keine Zweifel, dass sie schuldig sind. </em>

Von Alois Berger

Marc Dutroux bei seiner Gerichsverhandlung in Arlon, Belgien (AP)
Marc Dutroux bei seiner Gerichsverhandlung in Arlon, Belgien (AP)
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Für die Menschen vor dem Gerichtsgebäude in Arlon war der Fall seit langem klar. Sie haben auf die Urteilsverkündung gewartet wie auf eine Erläsung. Und nicht nur sie. 80 Prozent der Belgier wollten alle vier Angeklagten hinter Gitter sehen. Das Urteil soll endlich einen Schlussstrich ziehen unter die Affäre Dutroux.

Seit Montag beraten die 12 Geschworenen in der nahen Bastin-Kaserne in Stockem über Schuld und Unschuld von Marc Dutroux, seiner Exfrau Michelle Martin, seinem drogensüchtigen Handlanger Michel Lelievre und dem zwielichtigen Finanzbetrüger Michel Nihoul.

Die Affäre Dutroux: Mindestens sechs Mädchen zwischen acht und 19 Jahren hat Marc Dutroux zwischen 1995 und 1996 entführt. In einem eigens ausgebauten Kellerverlies hat er sie wochenlang, einige sogar monatelang gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt. Nur zwei Kinder überlebten, vier wurden auf den heruntergekommenen Grundstücken des Autoschiebers Dutroux ausgegraben. Daneben noch die Leiche des Komplizen Bernard Weinstein. Den habe er lebendig begraben, brüstete sich Dutroux damals.

Aber es war nicht nur die Grausamkeit der Verbrechen, die das Land erschütterte. Es war die Geschichte hinter den Verbrechen. Und je mehr davon ans Licht kam, desto mehr erschraken die Belgier über ihr eigenes Land.

Denn der einschlägig vorbestrafte Vergewaltiger Dutroux wurde im Polizeicomputer schon seit der ersten Entführung als Hauptverdächtiger geführt. Er war die ganze Zeit über von den Behörden beobachtet worden, mehrfach hatte man seine Häuser durchsucht. Einmal hörten die Polizisten sogar die im Keller versteckten Kinder, suchten aber dann nicht weiter. SPRECHER B:
Für die Mehrheit der Belgier gab es keine Zweifel: Dutroux konnte die Mädchen so lange gefangen halten, weil Polizei und Justiz absichtlich wegsahen. Doch warum? Noch heute glauben viele Belgier, dass wichtige Persönlichkeiten in den Fall verwickelt sind, dass es ein Netzwerk gibt, einen Pädophilenring, dem Dutroux die Mädchen zulieferte.

Das Gericht in Arlon hat keine Hinweise auf ein solches Netzwerk gefunden. Aber es hat auch keine Antworten gefunden auf viele Fragen, die immer noch offen sind. Paul Marchal, der Vater der ermordeten Eefje, ist nach wie vor davon überzeugt, dass Dutroux kein Einzeltäter war.

Wenn man sieht, dass hier Dutroux und Lelièvre und Weinstein und Nihoul und Martin ganz sicher mit dabei waren, dann hat man schon ein Netzwerk, einen kleinen Pädophilenring, immerhin. Wenn man dann noch bedenkt, dass Dutroux einen Keller hatte, in dem zwei achtjährige Mädchen saßen, Julie und Melissa, und er zugleich im ersten Stock eine siebzehnjährige hatte, meine Tochter, und Eefje, die neunzehn war - vier Kinder zur gleichen Zeit mit dem Problem, sie alle gefangen zu halten, dass keine weglief, das war mehr als nur Spielzeug. Dafür würden zwei reichen, und wenn die nicht mehr interessant sind, dann sucht man sich zwei neue.

Hinzu kommt, dass die Achtjährigen, die Dutroux gefangen hält, etwas anderes sind als siebzehn- oder neunzehnjährige Mädchen, und dann entführt er eine Zwölfjährige und schließlich eine Vierzehnjährige. Wer sexuell an Kindern interessiert ist, hält sich in der Regel an eine bestimmte Altersgruppe. Dutroux ist anscheinend an allen interessiert - oder er hat Kunden, von denen einer an Siebzehnjährigen interessiert ist, der andere an Achtjährigen, der dritte an Vierzehnjährigen. Das sind meiner Ansicht nach doch ein paar Anhaltspunkte, die darauf hinweisen, dass das Netzwerk deutlich größer ist als das, was inzwischen bekannt geworden ist.


Paul Marchal hat den Prozess in Arlon von Anfang an verfolgt, Tag für Tag. Andere Eltern von ermordeten Mädchen haben sich geweigert, den Gerichtssaal auch nur zu betreten. Man wolle sich nicht für ein Spektakel hergeben, meinten Gino und Carine Russo, die Eltern der toten Julie, die Justiz habe die Wahrheit acht Jahre lang absichtlich verschleiert. Jetzt sei sie nicht mehr zu ermitteln. SPRECHER B:

In der Tat hat der Prozess wenig Neues zu Tage gefördert. Die lange Ermittlungszeit hat der Wahrheit offensichtlich nicht gut getan, im Gegenteil. Selbst die 1996 so offensichtlichen Verbrechen des Marc Dutroux scheinen heute nicht mehr sicher. Ronny Baudewijn, der Strafverteidiger von Dutroux, sah nach 15 Prozesswochen einen großen Teil der Taten in Frage gestellt.

Das betrifft beispielsweise die Entführung von Julie und Melissa, den Mord an An und Eefje und Bernard Weinstein.(...) er hat gesagt, von Anfang an, dass er mit der Entführung von Julie und Melissa wie auch mit der von An und Eefje nichts zu tun hat, und auch nicht mit dem Tod von An und Eefje, von Anfang an hat er das gesagt. Und da ist es für ihn ganz schwierig, zu sagen, was passiert ist, weil er gesagt hat, ich war nicht dort, ich weiß es nicht.

Acht Jahre lang hat Marc Dutroux im Gefängnis das Dossier studiert und auf Schwachstellen abgeklopft. Seine Teilgeständnisse von früher hat er zurückgezogen und alles abgestritten, was nicht ohnehin bewiesen ist. Die Entführung und die Vergewaltigungen von Sabine Dardenne und Laetitia Delhez hat er zugegeben. Es hätte auch wenig Sinn gehabt, diese Taten zu leugnen. Die beiden Mädchen haben überlebt und traten in Arlon als Zeugen auf.

Die anderen vier Mädchen hatte Dutroux zwar wochen- und monatelang in seinem Haus eingesperrt, dafür gibt es Beweise. Doch wie sie in seinen Keller gekommen sind, wie sie gestorben sind, darüber hat Marc Dutroux im Laufe der Jahre unterschiedliche Versionen geliefert. Vor Gericht hat er nun seine Exfrau Michelle Martin beschuldigt. Sie allein kenne die Wahrheit.

Der Anwalt Jan Fermon hält das für Unsinn. Michelle Martin sei zwar nicht die Unschuld vom Lande, als die sie sich dem Gericht dargestellt hat. Aber auch nicht die Drahtzieherin.

Das Problem bei Michelle Martin liegt meiner Ansicht nach darin, dass sie eine Reihe kleiner Dinge zu verantworten hat, die für sich genommen nicht dramatisch klingen. Sie hat sich zum Beispiel die Betäubungsmittel verschreiben lassen, die Dutroux benutzt hat. Sie hat den Kindern Essen gebracht, sie hat beim Bau des Kinderverlieses geholfen. Wenn man alles zusammen nimmt, dann erkennt man, dass Marc Dutroux ohne ihre Hilfe nicht das hätte machen können, was er getan hat. Wenn man an seine Verbrechen in den achtziger Jahren denkt, da hat sie sogar den Lieferwagen gesteuert, während er die Mädchen von der Straße weg verschleppte. Im aktuellen Fall ist sie auch bei Entführungsversuchen beteiligt gewesen. Sie selber hat zugegeben, dass sie die Tür vor dem Verlies von Julie und Melissa verschlossen und dermaßen verbarrikadiert hat, dass die Kinder ihrem sicheren und grausamen Tod nicht entgehen konnten. Das reicht vollkommen aus, um zu sagen, dass Michelle Martin eine unersetzliche Rolle in dieser Geschichte gespielt hat.

Jan Fermon vertritt zusammen mit Georges Henri Beauthier die überlebende Laetitia Delhez. Die beiden haben als Nebenkläger den Prozess geprägt, sie haben ihn zeitweise in die Hand genommen. Sie haben entscheidenden Anteil daran, dass die Mehrheit der Belgier heute der Meinung ist, dass der Prozess in Arlon ernsthaft nach der Wahrheit gesucht hat. Dass die Justiz in Arlon nicht einfach weitergemacht hat wie in den Jahren zuvor.

Das Dossier des Untersuchungsrichters Jacques Langlois spielte schon nach wenigen Tagen keine Rolle mehr. Langlois hatte in den vergangenen acht Jahren zu beweisen versucht, dass Dutroux ein isolierter Psychopath mit zwei Handlangern war. Aber dass es keine gesellschaftlichen Verwicklungen gebe. Alle Ermittlungen, die zu irgendwelchen Hintermännern hätten führen können, hat Untersuchungsrichter Langlois wenige Wochen nach seinem Amtsantritt stoppen lassen.

Das Gericht in Arlon nahm den Bericht zur Kenntnis und begann von vorne. 450 Zeugen wurden vernommen. Manchmal bekamen die Geschworenen einen drastischen Eindruck, wie die Behörden den Fall zuvor behandelt hatten. Als ein Polizist erklären sollte, warum eine offensichtlich vorher bekannt gewordenen Hausdurchsuchung ohne Ergebnis verlief, da sass plötzlich der Vorgesetzte dieses Fahnders auf der Zuschauerbank. Der Polizist entdeckte seinen Vorgesetzten und konnte sich auf einmal an nichts mehr erinnern.

Die Pannen der Polizei, die Rivalitäten der Behörden, die Gleichgültigkeit, auch die Unfähigkeit einiger Ermittler, vielleicht sind sie der Grund dafür, dass die Justiz immer noch vieles verschleiert, wie Kritiker monieren. Dass hinter Dutroux das große Netzwerk stand und die Justiz dieses Netzwerk deckt, das glaubt heute nicht einmal mehr der Nebenkläger Jan Fermon:

Ich halte diese Diskussion für absurd. Alles was wir wissen, weist auf etwas ganz anderes hin: Nicht auf das Netzwerk mit Papst und Kardinälen, aber auch nicht auf den isolierten Einzeltäter, sondern auf eine ganze Reihe von Menschen, die bei einem schrecklichen, zerstörerischen Abenteuer mitgemacht haben und die nur an eine einzige Sache gedacht haben: auf einfache Art und Weise ein bisschen Geld zu verdienen.

Das Bild, das in den dreieinhalb Monaten des Dutroux-Prozesses von den Angeklagten entstand, war vor allem das Bild einer Clique verwahrloster Menschen in einer verwahrlosten Umgebung. Einer Clique von Menschen, die auf Schrottplätzen mit gestohlenen Autos dealten, die in heruntergekommenen Häusern in einer tristen Industrievorstadt hausten und denen sämtliche moralischen Masstäbe abhanden gekommen sind. Das könnte fast reichen, um das Unfassbare zu erklären.

Aber im Panzerglaskasten des Gerichtssaales von Arlon sass noch ein vierter Angeklagter, Michel Nihoul, und an ihm entzündet sich die ganze Polemik.

Der inzwischen 63jährige ehemalige Geschäftsmann aus Brüssel wirkt anders als die drei aus Charleroi. Er ist charmant, kontaktfreudig und umtriebig. Er sucht die bessere Gesellschaft und will alles in Geld ummünzen. Neunmal wurde er wegen verschiedener Delikte verurteilt, einmal hat er einen Spendenfonds für hungernde Kinder in der Sahelzone gegründet und das Geld aufs eigene Konto geleitet. Früher erledigte er gelegentlich die Schmutzarbeit für politische Parteien, Erpressung, Falschaussage, Schwarzgeldkurier. Später, in den 80ern, hat er Sexparties mit Prominenten veranstaltet und sie dabei heimlich fotografiert. Als Nihoul 1996 mit Dutroux festgenommen wurde, da sagte er den Ermittlern, dass sie ihn wegen seiner Kontakte ohnehin bald wieder freilassen müssten: "Meine Arme sind so lang wie die Donau."

Dieser Nihoul ist die Schlüsselfigur des Prozesses. An ihm scheiden sich die Geister. Der Staatsanwalt, die meisten Eltern der Opfer, die Mehrheit der Belgier sehen in Nihoul das Scharnier zwischen dem Provinzkriminellen Dutroux und irgendwelchen Hintermännern. Nicht an eine solche Vernetzung glauben der Untersuchungsrichter, weite Teile der Polizei und die oberen Etagen der Justiz. Ohne Nihoul gibt es kein Netzwerk, keine weiteren Pädophilen, die verwickelt sein könnten, und keinen Grund für weitere Nachforschungen. Deshalb wollen die einen Michel Nihoul um jeden Preis verurteilt sehen, die anderen erhoffen seinen Freispruch. Michel Bouffioux hat die Affäre bereits seit der ersten Entführung vor mittlerweile neun Jahren beobachtet. Selbst die meisten Zeitungen haben sich frühzeitig auf die Unschuld Nihouls festgelegt.

Ich glaube nicht, dass es darum ging, Kinderschänder oder Prominente zu schützen. Ich glaube, dass es während dieser Affäre in diesem Land eine gewisse Zeit gab, wo es vor allem darum ging, die Leute zu beruhigen nach den Traumatisierungen der Affäre mit all ihren Auswirkungen, dem Weißen Marsch der Hunderttausende von Bürgern, der parlamentarischen Untersuchungskommission, die das Versagen von Polizei und Justiz offenbar machte. Das ging von den staatlichen Behörden aus, aber die Medien haben da auch mitgespielt, nach dem Motto: Ja, in dieser Affäre sind Fehler begangen worden. Die haben aber letztlich nicht verhindern können, dass in dieser Affäre Enormes aufgedeckt wurde. Fehler also in einer Affäre, die in der Zeitung unter "Vermischtes" steht: Schrecklich, aber eben nur eine Sensationsgeschichte, mit nichts Wichtigem dahinter.

Das erklärt auch die Vehemenz, mit der im Gerichtssaal von Arlon um Schuld oder Unschuld von Nihoul gestritten wurde. Nicht nur die Verteidiger von Nihoul, auch der Untersuchungsrichter Jacques Langlois wiederholte immer wieder, es gebe keine Beweise gegen Nihoul. Nebenkläger Jan Fermon ist anderer Ansicht.

Natürlich gibt es Beweise. Es gibt Zeugen, die Nihoul in den Stunden vor der Entführung in Bertrix gesehen haben. Es gibt eine bis heute nicht geklärte finanzielle Transaktion über einen entscheidenden Betrag, der genau der Summe entsprach, die Marc Dutroux vorher für die Entführung eines Kindes verlangt hatte. Vor jedem Versuch, Mädchen zu entführen, gibt es enge Kontakte zwischen Nihoul und den anderen Mitangeklagten. Das sind Beweise, die in allen Gerichten dieser Welt für eine Strafe ausreichen. kürzen: Herr Nihoul antwortet auf diese Beweise mit einem unendlichen Schwall von Lügen. Das ist sein Recht, aber wenn er keine glaubwürdigen Erklärungen bietet für seine Beteiligung, dann dürfen die Geschworenen getrost den Zeugen vertrauen und nicht den Lügen von Michel Nihoul.

Am Tag nach der letzten Entführung hat Nihoul bei Dutroux eine größere Menge Drogen vorbei gebracht. Mit der Entführung habe das nichts zu tun, meint sein Verteidiger Frederic Clement de Cléty, das Datum sei rein zufällig.

Zudem habe die entführte Sabine Dardenne in 80 Tagen nur Dutroux zu Gesicht bekommen. Das spreche für die Unschuld Michel Nihouls, sagt sein Verteidiger.

Es hat sicher kein Netzwerk gegeben. Sabine war 80 Tage im Kellerverlies, wo war da das Netzwerk? Wenn man für ein Netzwerk arbeitet, muss man sofort liefern - aber Dutroux hat nicht geliefert. Sabine, die Arme, hat über 80 Tage in ein und demselben Loch vegetiert.

Nihoul und Dutroux hatten sich 1995 zufällig kennen gelernt und danach immer wieder getroffen. Der einschlägig bekannte Autoschieber und der abgestürzte Geschäftsmann sprachen über ein neues Geschäftsfeld: Dutroux sollte Mädchen besorgen, Nihoul die Kontakte mit Sexclubs und Bordellen herstellen. Soweit ist die Geschichte verbürgt. Offen ist, ob nur über erwachsene Prostituierte geredet wurde oder auch über kleine Kinder.

Es ist unwahrscheinlich, dass Nihoul mit der Sache nichts zu tun hat. Aber die Beweislage wurde in acht Jahren immer dünner. Ein Bordellbesitzer aus Charleroi, der Julie und Melissa eines Nachts gesehen haben will und die Eltern anrief, starb kurz danach bei einem Autounfall. Journalisten haben über 20 mysteriöse Unfälle von Zeugen gezählt, doch es waren eben Unfälle, ohne sichtbare Hinweise, dass jemand die Hand im Spiel hatte.

Die Jury muss sich an das halten, was eindeutig bewiesen ist. Im Zweifel für den Angeklagten. Gino Russo, der Vater von Julie, will das Urteil in jedem Fall respektieren:

Die Jury hat die Pflicht, ein Urteil zu fällen und das muss man respektieren. De Jury ist niemandem verpflichtet, sie hat nicht die Untersuchung geführt, nicht den Vorsitz im Prozess innegehabt. Man präsentiert der Jury ein Dossier, man stellt ihr Fragen, sie versucht ungeklärte Punkte zu ergründen. Die 12 Geschworenen repräsentieren die öffentliche Meinung und die Bevölkerung. Allein deshalb finde ich, wenn man etwas respektieren sollte, dann sicher die Geschworenen.

Der Journalist Michel Bouffioux hat die Eltern über die Jahre begleitet. Eine gerechte Strafe sei wichtig, meint er, aber nicht das Wichtigste:

Ich glaube, das Schlimmste an dieser Affäre ist, was die Eltern von Julie und Melissa, von An und Eefje jetzt empfinden. Sie haben jahrelang gekämpft, und trotzdem wissen sie auch nach dem Prozess immer noch nicht, was ihre Kinder wirklich durchgemacht haben als Gefangene von Dutroux. Für sie ist es, so wie ich es erlebe, sehr schwer, mit der Trauerarbeit zu beginnen. Paul Marchal hat das so gut ausgedrückt in seinem Plädoyer, das sehr stark, aber auch sehr hart war: Er erzählte, wie er an Ans Grab stand mit all seinen Fragen und sich schließlich dachte, dass es vielleicht besser sei, dass er niemals erfahren werde, was sie durchgemacht hat, weil es einfach zu schrecklich sei. Diese Eltern müssen nun um ihre Kinder trauern.

Einige der Opfer von Dutroux wollen weiter kämpfen. Sie wollen die Wahrheit wissen und hoffen, dass es einen Folge-Prozess gibt. Gegen alle, die mit Dutroux damals festgenommen aber wieder freigelassen wurde. Gegen Polizisten, die vertuscht haben, gegen Justizbeamte, die nicht richtig ermittelt haben. Doch die Faktenlage scheint dünn.

Die Eltern der toten Melissa glauben nicht, dass bei einem zweiten Prozess noch was herauskommt. Auch Paul Marchal und seine Frau Betty wollen sich zurückziehen. Es werde immer schwieriger, sich verständlich zu machen. Vieles von dem, was vor acht Jahren aufgedeckt wurde, erscheint heute unglaubwürdig. Die ausufernden Sexparties mit Kindern, die Rivalitäten der Polizeistellen, die nicht einmal die Telefonnummern der benachbarten Kollegen hatten, Polizeikommissare, die im Rotlichtmilieu die Orientierung verloren hatten oder bei Autoschiebereien die Hand im Spiel hatten, auch Politiker, die sich über dem Gesetz fühlten und in laufende Ermittlungen einmischten.

Doch Belgien hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Und das hat auch mit dem Schock der Dutroux-Affäre zu tun. Die Behörden wissen, dass sie genau beobachtet werden und sie bemühen sich, das Vertrauen wieder herzustellen.

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