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StartseiteSport am WochenendeFetisovs persönlicher Triumph22.02.2015

EishockeyFetisovs persönlicher Triumph

Vor genau 35 Jahren ging die Mannschaft von Wjatscheslaw Fetisov als Verlierer vom Eis - im legendären olympischen Eishockey-Duell zwischen den USA und der UdSSR. Aber Fetisov sieht sich bis heute nicht als Verlierer, sondern als jemand, der sein eigenes "Miracle on Ice" erlebt hat - 17 Jahre später.

Von Heiko Oldörp

Am 22. Februar 1980 treffen beim olympischen Eishockeyturnier in Lake Placid die USA und die Sowjetuinion aufeinander. Die USA gewann das Spiel, welches als 'Miracle on Ice' in die Geschichte einging, mit 4:3. (Heinz Wieseler / picture alliance / dpa)
Am 22. Februar 1980 waren die US-amerikanischen Eishockey-Spieler zu stark für die favorisierte Mannschaft aus der UdSSR. (Heinz Wieseler / picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Nachruf - Viktor Tichonov gestorben (Deutschlandfunk, Sport Aktuell, 24.11.2014)

Auch 35 Jahre nach der Niederlage gegen eine US-College-Mannschaft hat Wjatscheslaw Fetisov die Bilder der jubelnden Amerikaner noch genau vor Augen. Und er kann immer noch nicht verstehen, warum die Sowjetunion dieses Spiel damals verloren hat.

Doch eines ist für ihn auch klar: er sieht sich im Nachhinein als Gewinner dieser Niederlage. Denn der systemtreue und diktatorische Trainer Viktor Tichonow baut nach Lake Placid eine neue Mannschaft auf - mit jungen Talenten. Sein wichtigster Mann ist Wjatscheslaw, genannt "Slawa" Fetisov - ein aufstrebender, 21-jähriger Verteidiger.

In einer freien Welt würde jemand mit seinen Fähigkeiten schon damals in der nordamerikanischen Profiliga NHL spielen und viel Geld verdienen. Doch für Fetisov sind New York, Toronto oder Los Angeles unerreichbar. Sein Verein ist ZSKA Moskau, der Club der Roten Armee - an den Fetisov 25 Jahre gebunden ist. Sein Trainer in Moskau wie in der Nationalmannschaft: Viktor Tichonow.

Der beste Verteidiger der Welt

Angeführt von Kapitän Fetisov gewinnt die Sowjetunion 1984 souverän Olympia-Gold. Er gilt längst als weltweit bester Verteidiger, der nicht in der NHL aktiv ist. Doch das könnte sich ändern. Michail Gorbatschow ist Mitte der Achtziger Kreml-Chef geworden. Seine Politik der Glasnost und Perestroika hat auch Einfluss auf das Eishockey. Die Sport-Oberen versprechen Fetisov, dass er aus der Armee entlassen werde und in die NHL wechseln könne - wenn die Sowjetunion 1988 in Calgary Olympiagold holt.

Fetisov erfüllt seinen Goldauftrag, erhält den Lenin-Orden für verdienstvolle Leistungen. Es ist die höchste Auszeichnung seines Landes. Im Zuge der Ehrung wird er mit seinem harten Trainer Tichonow vom stellvertretenden Verteidigungsminister in einen Nebenraum gebeten.

"Er sagte mir, ok, Slawa, wir unterschreiben den Vertrag, dass wir dich aus der Armee entlassen. Du hast es dir verdient, es ist Zeit, zu gehen. Dann schaute er zu Tichonow und fragte: nicht wahr Viktor? Zeit zu gehen. Tichonow meinte nur, ich brauche ihn noch für ein Jahr. Er ist mir also in den Rücken gefallen."

Am Jahresende 1988 fliegt Fetisov mit seinem Verein zu Freundschaftsspielen nach Nordamerika. Er bekommt die Zusage, anschließend dort bleiben und für die New Jersey Devils die Saison in der NHL beenden zu können. Doch Devils-Manager Lou Lamoriello ist skeptisch. Man habe ebenso wie Fetisov keinerlei Sicherheit. Alles liege in den Händen der Sowjet-Regierung, erklärt er.

Und tatsächlich - erneut bleibt Tichonow stur, besteht darauf, dass sein Star zurück in die Heimat fliegt. Lamoriello will Fetisov zur Flucht überreden. Doch der lehnt ab. Er ist ein treues Kind des Sowjet-Systems, vor allem aber ist er offiziell Soldat der Roten Armee. Ein Überlaufen zum Feind kommt für ihn nicht in Frage.

Fetisovs bringt den Stanley Cup nach Moskau

Dennoch wagt er eine Revolution. Fetisov erklärt, nicht mehr für Tichonow zu spielen. Die kommunistische Partei ruft zur Aussprache, Tichonow droht seinem Vorzeigespieler mit lebenslanger Sperre. Versprechen und Verdienste interessieren ihn nicht. Doch Fetisov bleibt hart - und gewinnt.

Denn seine prominenten Mitspieler Makarow, Krutov und Larionov - die Stars der ersten Sturmreihe - solidarisieren sich mit ihm, drohen mit einem Boykott der WM 1989, falls Fetisov nicht begnadigt werde. Tichonow knickt ein, holt Fetisow zurück - zusammen werden sie Weltmeister. Anschließend besteht Fetisov auf seiner Entlassung aus der Armee. Trotz wütender Worte erhält er seine Papiere und ist somit der erste sowjetische Staatsbürger, der ein Auslands-Visum bekommt und dennoch so oft er möchte in die Heimat zurückzukehren kann. Der eiserne Eishockey-Vorhang ist gefallen.

Im Sommer 1989 fliegt Fetisov in die USA, spielt für New Jersey und später für die Detroit Red Wings, mit denen er 1997 den Stanley Cup gewinnt. Zum Team gehören vier Landsleute, das Quintett geht als "Russian Five" in die NHL-Geschichte ein. Jeder NHL-Champion darf den Stanley Cup einen Tag mit nach Hause nehmen. Fetisov bringt ihn am 18. August 1997 nach Moskau - und komplettiert sein ganz persönliches Miracle on Ice.

"Du stehst auf dem Roten Platz in Moskau, mit dem Stanley Cup in deinen Händen und siehst die russischen Namen, die in diese großartige Trophäe eingraviert sind. Sie wollen über ein Wunder reden? Das ist ein Wunder!"

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