Freitag, 20.07.2018
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteForschung aktuellEiweissmüll im Gehirn17.02.2005

Eiweissmüll im Gehirn

Überreaktion des Immunsystems verschärft Krankheitsbilder

<strong>Medizin. - Das Gehirn hat ein Problem mit der Abfallentsorgung. Bei der Alzheimerschen Krankheit, bei Parkinson oder der menschlichen Form von BSE, beim Veitstanz und bestimmten Formen des Muskelschwundes - bei all diese Krankheiten sammelt sich Eiweissmüll in und zwischen den Nerven an. Bei der Tagung der deutschen Neurowissenschaftlichen Gesellschaft trafen sich Experten für die verschiedenen Krankheitsbilder und versuchten herauszufinden, ob es trotz der verschiedenartigen Symptome gemeinsame Muster beim den Krankheitsprozessen gibt. Eine Verbindung ist offenbar das Immunsystem.</strong>

Von Volkart Wildermuth

Eiweißablagerungen im Gehirn verursachen vermutlich die Alzheimersche Krankheit. (AP)
Eiweißablagerungen im Gehirn verursachen vermutlich die Alzheimersche Krankheit. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Das Immunsystem fährt im Gehirn nur mit gebremster Kraft. Zu groß ist die Gefahr, das es beim Kampf gegen die Erreger das empfindliche Nervengewebe zerstören könnten. Gerade bei der Alzheimerschen Krankheit gibt es aber Anzeichen für eine Abwehrreaktion mitten zwischen den Neuronen. Das hat schon Alois Alzheimer im Gehirn seiner ersten Patientin vor hundert Jahren beschreiben. Wie wichtig diese aktiven Abwehrzellen aber für das Krankheitsbild sind, hat sich erst vor einigen Jahren gezeigt. In großen Studie an Rheumapatienten fiel auf, dass Menschen, die ständig entzündungshemmende Medikamente einnehmen, nicht ganz so häufig an Alzheimer erkranken. Klaus Fassbender, Professor für Neurologie an der Universität Göttingen vermutet, dass die Abwehrreaktion im Gehirn der Alzheimerpatienten auf einen Fehlgriff der sogenannten natürlichen Immunität zurückgeht. Dabei handelt es sich sozusagen um die schnelle Eingreiftruppe des Körpers, die die erste Welle einer Infektion in Schach hält, bis die effektiveren Antikörper der erworbenen Immunreaktion bereit sind. Die Abwehrzellen der natürlichen Immunität greifen an, sobald ihre Rezeptoren, sozusagen ihre Antennen, Strukturen erkennen, die ungefähr wie die Zellwand eines Bakteriums aussehen. Die Immunzellen arbeiten schnell, aber leider auch ungenau. Deshalb reagieren sie auch auf die Ablagerungen der Alzheimerpatienten, denn die ähneln der Struktur der Bakterienhülle, erläutert Klaus Fassbender:

Unsere Hypothese ist eben, dass diese Rezeptoren, die eigentlich dazu da sind, fremd von eigen zu unterscheiden, dummerweise die Aggregate im Hirn die Alzheimer-Amyloid- Aggregate auch als fremd erkennen und dadurch fälschlicherweise Alarm schlagen und aktiviert werden und zu einer Entzündung führen. Und diese Entzündung führt dann eben so wie bei einem Abwehrkampf gegen Bakterien zu einer Freisetzung von toxischen Substanzen und das könnte im Hirngewebe auf die Dauer doch schädlich sein oder zumindest zum Neuronenuntergang beitragen.

Die Abwehrreaktion im Gehirn der Alzheimerpatienten ist zwar viel schwächer als beispielsweise bei einer Hirnhautentzündung, aber dafür ist sie über Jahrzehnte aktiv und kann so die Nerven schädigen. In Experimenten in der Zellkultur und in Versuchstieren konnte Klaus Fassbender belegen, dass die Alzheimerablagerungen tatsächlich Abwehrzellen aktivieren und die in der Folge Nervengifte ausstoßen. Fehlen den Abwehrzellen aber die Rezeptoren zur Erkennung von Bakterien, dann reagieren sie auch nicht mehr auf die Eiweissklumpen aus dem Alzheimergehirn. Solche Ablagerungen gibt es auch bei vielen anderen Krankheiten des Gehirns, beim Veitstanz, bei manchen Formen des Muskelschwundes und bei der menschlichen Variante von BSE und beim Parkinson. Klaus Fassbender ist davon überzeugt, dass in all diesen Krankheiten die Aktivierung des natürliche Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Zumindest für die Schüttellähmung konnte das auch schon belegt werden:

Da sehen wir ganz große Parallelen zu unseren Arbeiten auf dem Gebiet der Alzheimer Forschung. Also bei der Parkinsonkrankheit haben wir gesehen, dass ein kleines Protein bei der Parkinsonkrankheit eine Rolle spielt, das Synnuklein, oder auch Bruchstücke davon, die die Entzündungszellen einschließlich der Mikroglia, die Entzündungszellen des Gehirns sind, aktivieren, und dass die Abwesenheit die genetisch bedingte Abwesenheit des Rezeptors dazu führt, dass die Zellen weniger aktiviert sind.

Auch bei der Parkinsonschen Krankheit wird offenbar das natürliche Abwehrsystem auf den Plan gerufen. Und das nicht nur bei Versuchstieren sondern auch bei menschlichen Patienten. Bei Parkinson wie auch bei Alzheimer gibt es noch andere Wege, wie die krankhaften Eiweissablagerungen die Nerven schädigen können, der Missgriff des natürlichen Immunsystems verstärkt die Zerstörungen aber sicherlich.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk