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StartseiteHintergrundKinderwunsch auf Eis13.03.2019

Eizellen einfrierenKinderwunsch auf Eis

Immer mehr Frauen in Deutschland lassen ihre Eizellen einfrieren. Manche wollen ihre Fruchtbarkeit verlängern, bis sie den richtigen Partner für die Familiengründung gefunden haben. Andere tun es, bevor sie durch eine Krebsbehandlung unfruchtbar werden. Doch wirft diese Möglichkeit viele grundsätzliche Fragen auf.

Von Nele Rößler und Sophia Wagner

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Illustration zur Befruchtung einer Eizelle. (imago / Science Photo Library)
Eizell-Konservierung, auch Social Freezing genannt, ist eine Methode zur Vertagung des Kinderwunsches (imago / Science Photo Library)
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Die Diagnose Darmkrebs bekam Claudia Neumann, da war sie gerade 28 Jahre alt. Die Krankheit veränderte ihr Leben: Operationen, Chemotherapie, Strahlenbehandlung. Narben und künstlicher Darmausgang, Haarausfall, Übelkeit. Eine weitere Nebenwirkung der Krebs-Behandlung: Sie wird keine Kinder mehr bekommen können.

"Das ist jetzt so ein richtig einschneidendes Erlebnis in meinem Leben, dass mir diese Entscheidung einfach genommen wurde, dass ich nicht selbst entscheiden kann, möchte ich Kinder oder möchte ich sie nicht."

Unfruchtbar durch Chemotherapie

Heute ist Claudia Neumann 31 Jahre alt. Vom Krebs hat sie sich erholt. Zirka 9.000 Frauen und 6.000 Männer zwischen 18 und 39 Jahren erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Die Prognose der jungen Erwachsenen mit Krebs ist grundsätzlich gut, 80 Prozent dieser Erkrankungen können heutzutage geheilt werden. Doch die Behandlungen wie Chemo- oder Strahlentherapie können wie bei Claudia Neumann zu Unfruchtbarkeit führen.

"Im Moment ist es so, dass ich mich sozusagen, was die Fruchtbarkeit angeht, in dem Status einer post-menopausalen Frau befinde, sprich ich bin durch die Wechseljahre durchgegangen. Rein körperlich sind alle Organe erhalten, aber die Hormone sind eben nicht so, dass man davon ausgeht, dass ich nochmal Kinder bekommen kann."

Durch eine Krebsbehandlung unfruchtbar zu werden, noch bevor man überhaupt mit der Familienplanung begonnen hat, das ist für viele Patienten ein Schock. Eine neuere reproduktionsmedizinische Entwicklung kann in solchen Fällen helfen: das so genannte "Medical Freezing". Dies bedeutet, dass Eizellen, Eierstockgewebe oder Spermien eingefroren werden, bevor die keimzellschädigende Krebstherapie beginnt. Diese so genannte Kryokonservierung kostet schnell einige tausend Euro. Ab Mai soll das für gesetzlich versicherte Krebspatienten eine Kassenleistung sein.

Kryokonservierung als Krankenkassen-Leistung

"Es geht darum, dass insbesondere auch Frauen, die durch die Krebsbehandlung etwa die Fähigkeit, die Möglichkeit verlieren, Kinder bekommen zu können, Eizellen einfrieren können, um später eben tatsächlich diesen Wunsch zu erfüllen. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen wie emotional wichtig das in dieser Situation ist", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU.

"Das ist vielleicht nur eine kleine Regelung in diesem Gesetz, aber eine wichtige für jede einzelne Betroffene und jeden einzelnen Betroffenen."

Das Gesetz, das in dieser Woche den Bundestag passieren soll, sieht vor, dass krebskranke Frauen bis zum 39. Lebensjahr und Männer bis zum 50. Lebensjahr die Kryokonservierung als Versicherungsleistung der gesetzlichen Krankenkassen in Anspruch nehmen können. Auch Patienten, die bereits Eizellen oder Sperma haben einfrieren lassen, bekommen die künftigen Lagerungskosten erstattet. Privat versicherte Krebspatienten können sich die Kosten für die Kryokonservierung teilweise schon heute erstatten lassen, allerdings nur nach einer genauen Einzelfallprüfung.

Kosten von 4.000 Euro

Claudia Neumann, die sich in der Deutschen Stiftung junge Erwachsene mit Krebs engagiert, ist froh über das neue Gesetz. Auch wenn nicht alle jungen Krebspatientinnen davon profitieren werden – häufig muss eine Chemotherapie schnell beginnen, dann ist keine Zeit mehr für Hormonbehandlung und Eizellenentnahme. Auch bei ihr selbst hatte die Krebsbehandlung Priorität vor der Fruchtbarkeitserhaltung.

"Bei mir war das damals so, dass zum Zeitpunkt der Diagnose die Erkrankung schon so weit fortgeschritten war, dass in dem Moment keine Zeit mehr gewesen ist."

Kassetten mit eingefrorenen Eizellen lagern am 09.12.2014 in einem Labor im Universitätsklinikum in Tübingen (Baden-Württemberg) in einem Stickstoffbehälter. (picture alliance / Sebastian Kahnert)Die Lagerung von eingefrorene Eizellen ist kostspielig (picture alliance / Sebastian Kahnert)

Die Kosten für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen liegen bei etwa 4.000 Euro. Bei Männern kosten Entnahme und Einfrieren der Spermien etwa 500 Euro. Hinzu kommen jährliche Kosten von rund 300 Euro für die Lagerung im Stickstofftank. Sebastian war 25 Jahre alt, als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Er hat damals seine Spermien einfrieren lassen.

"Ich musste damals das einmalige Einfrieren bezahlen und alle halbe Jahr die Lagerung. Das war schon - in Anführungszeichen - eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, was ich zu diesem Zeitpunkt an Einkommen hatte."

Auch andere Patientinnen profitieren

Zur Zeit der Krebsdiagnose war er mitten in der Ausbildung, er lebte von seiner Halbwaisenrente und Kindergeld. Sein Depot löste Sebastian zwei Jahre später auf. Eine Untersuchung hatte gezeigt, dass er wieder zeugungsfähig ist. Ob eine Krebsbehandlung tatsächlich unfruchtbar macht, ist schwer vorauszusagen, erklärt der Onkologe Mathias Freund.

"Weil natürlich unterschiedliche Chemotherapien und unterschiedliche Dosen von Bestrahlung, also unterschiedliche Mengen, und unterschiedliche Orten auch in unterschiedlichem Maße die Fruchtbarkeit schädigen."

Manche Therapien schränkten die Fruchtbarkeit nur ein, so Freund:

"Da wäre es vielleicht so, dass das Risiko, dass man keine Kinder mehr bekommen kann, nur 10 Prozent wäre. Das Problem in der Medizin ist immer, dass man nur nicht vorher weiß, wer zu diesen 10 Prozent gehört."

Deshalb sei das "Medical Freezing" so eine wichtige Vorsorgemöglichkeit für junge Krebspatienten, sagt der Medizin-Professor. Die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, in der sich Mathias Freund engagiert, hat in der Öffentlichkeit und bei Bundestagsabgeordneten dafür geworben, dass die Kryokonservierung zur Kassenleistung wird. Von der Gesetzesänderung könnten in Zukunft auch andere Patienten profitieren, sagt die SPD-Gesundheitspolitikerin Sabine Dittmar.

"Das sind zwar meistens onkologische Patientinnen und Patienten, also die an Krebs erkrankt sind, aber es gibt auch andere Erkrankungen, zum Beispiel rheumatologische Erkrankungen."

Jährliche Kosten für die Kassen: 20 bis 30 Millionen

Damit aus eingefrorenen Samen- oder Eizellen tatsächlich eine Schwangerschaft wird, ist eine künstliche Befruchtung notwendig. Daran beteiligen sich die Kassen bereits jetzt – allerdings in unterschiedlicher Höhe und auch nicht unbegrenzt oft. Auch viele Bundesländer haben finanzielle Hilfsprogramme für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Die Kosten für das "Medical Freezing" sind für die Krankenkassen vergleichsweise gering: Experten rechnen mit einem jährlichen Volumen von etwa 20 bis 30 Millionen Euro. Zum Vergleich: im Jahr 2017 gaben die gesetzlichen Krankenkassen insgesamt rund 230 Milliarden Euro aus. Das Einfrieren von Eierstockgewebe bezahlen die Krankenkassen seit einem Urteil des Bundessozialgerichts im Jahr 2012 für junge Krebspatientinnen schon heute.

"Das wird folgendermaßen gemacht. Man macht eine Bauchhöhlenspiegelung und kann dann die Eierstöcke aufsuchen und kann dann von den Eierstöcken kleine Stücke mit einer Spezialzange abknipsen und diese Stücke, die werden dann eingefroren."

Erklärt der Mediziner Mathias Freund von der Deutschen Stiftung junge Erwachsene mit Krebs. Wenn die Patientin wieder gesund ist, kann das Eierstockgewebe eingesetzt werden. Sie kann dann auf natürlichem Wege schwanger werden – eine künstliche Befruchtung ist im Idealfall nicht notwendig. Allerdings eignet sich dieses Verfahren nur dann, wenn das Eierstockgewebe frei ist von Krebszellen. Grundsätzlich hat diese Variante einen großen Vorteil im Vergleich zum Einfrieren von Eizellen:

"Dass dafür eine Hormonstimulation nicht notwendig ist, deswegen kann man das praktisch auch gleich machen, also man braucht nicht so viel Zeit, das lässt sich schnell realisieren. In zwei, drei Tagen, vielleicht auch vier."

Denn bevor einer Frau Eizellen entnommen werden können, muss sie sich über Wochen Hormone spritzen. Kostbare Zeit, die viele Krebspatientinnen nicht immer haben.

Wobei die Hormontherapie selbst kein größeres Risiko darstelle, sagt Katrin van der Ven, Gynäkologin und Reproduktionsmedizinerin in Bonn.

"Für die Mehrzahl der Krebserkrankungen ist das eigentlich kein Thema, weil diese nicht Hormone abhängig sind also Lymphome zum Beispiel, das sind Lymphknotenkrebse, die haben mit dem Hormonhaushalt eigentlich nichts zu tun, die reagieren auch nicht auf Hormone."

Auch bei Tumoren, die auf Hormone reagieren, sei die Behandlung kein größeres Risiko.

Junge Eizellen - aufbewahrt für eine spätere Nutzung

Methoden der Kryokonservierung werden bei Krebspatientinnen seit bald fünfzehn Jahren angewendet. Samenzellen werden schon wesentlich länger tiefgefroren aufbewahrt, in Deutschland seit den 80er Jahren.

Das Medical Freezing funktioniert im Wesentlichen genauso wie das so genannte Social Freezing: Gesunde Frauen lassen sich Eizellen entnehmen und einfrieren, um zu einem späteren Zeitpunkt schwanger werden zu können. Es geht also um eine Verlängerung der natürlichen Fruchtbarkeit.

Auch in die Kinderwunsch-Praxis der Gynäkologin Katrin van der Ven kommen Frauen, die sich für das Verfahren interessieren.

"Social Freezing ist die Gewinnung und Kryokonservierung von Eizellen junger, gesunder Frauen mit dem Zweck diese später im Leben zu nutzen, und zwar zu einem Zeitpunkt, wenn die eigene Fruchtbarkeit vielleicht nachgelassen hat oder der richtige Zeitpunkt für eine Familiengründung da ist.

Das Logo der Firma Apple an einem Apple Store in New York. (imago / photothek)Apple und auch Facebook zahlen ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen (imago / photothek)

Breitere Bekanntheit erhielt die Methode vor fünf Jahren, als die US-Unternehmen Facebook und Apple erklärten, zukünftig ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen. So wollten sie ihren Angestellten die Karriereplanung erleichtern. Seitdem interessieren sich auch in Deutschland immer mehr Frauen für die Konservierung ihrer Fruchtbarkeit. Eine von ihnen ist Barbara.

"Ich war in einer, ich nenne das mal schwierigen Beziehungskonstellation zu der Zeit. Der Mann hatte aus einer anderen Beziehung noch gerade ein Kind erst bekommen und wollte nicht ein zweites draufsetzen mit mir. Und da dachte ich, ich komme ihm auch noch entgegen und sichere mir lieber meine Eizellen, ja, für den späteren Tag 0." 

Vor drei Jahren, da war Barbara 37 Jahre alt, ließ sie sich Eizellen entnehmen und einfrieren. Für die Klinik in Süddeutschland, in der sie den Eingriff machen ließ, sei das damals noch eine neue Methode gewesen. Wie viele Frauen in Deutschland ihre Eizellen aus nicht-medizinischen Gründen einfrieren lassen, ist unbekannt - offizielle Statistiken gibt es nicht. Die Gynäkologin und Reproduktionsmedizinerin Katrin van der Ven sagt, die Zahl der Frauen, die nach Social Freezing fragen, sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Im vergangenen Jahr hätten allein in ihrem Kinderwunschzentrum etwa 50 Frauen Eizellen entnehmen und einfrieren lassen.

"Ich kann jetzt nicht sagen, dass wir eine Steigerung um 50 Prozent haben, aber ich denke so um 10 bis 20 Prozent pro Jahr nimmt das schon zu, so gefühlt, ohne konkrete Zahlen."

Die Nachfrage steigt

In Großbritannien führt die Human Fertilisation and Embryology Authority eine offizielle Statistik. Demnach hat sich die Zahl der Frauen, die ihre Eizellen dort aus nicht-medizinischen Gründen einfrieren lassen, seit 2013 verdoppelt und lag im Jahr 2016 bei über 1.000 Frauen. Insgesamt lagerten damals im Vereinigten Königreich mehr als 10.000 Eizellen auf Eis. Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Kryokonservierung lag bei 38 Jahren. Ähnlich ist es in den USA und in Deutschland.

"Für uns wäre ideal, wenn die Patientinnen unter 30 wären, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Das hat einfach den Hintergrund, dass die Eizellen dann qualitativ am hochwertigsten sind und auch die Schwangerschaftschancen am höchsten wären. Das entspricht aber nicht der Realität, weil die meisten Patientinnen erst Ende 30 auf die Idee kommen, oder es sich auch nur leisten können, das Einfrieren zu bezahlen."

Die Kosten für Social Freezing und Medical Freezing sind gleich hoch. Sie liegen bei etwa 4.000 Euro pro Zyklus. Je älter eine Frau ist, desto mehr Zyklen sind nötig, um eine ausreichende Zahl an Eizellen zu gewinnen. Dazu kommen, genau wie beim Medical Freezing, die jährlichen Kosten von rund 300 Euro für die Lagerung der Zellen.

"Also dafür ist schlicht und ergreifend die Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen nicht zuständig."

Karriereplanung entschleunigen

Sagt die Gesundheitspolitikerin Sabine Dittmar von der SPD. Social Freezing muss man selbst bezahlen - die eigene Fruchtbarkeit aus individuellen Beweggründen zu verlängern ist also auch eine Frage des Geldes. Kritiker sprechen deshalb von einem Privileg für die ohnehin schon Privilegierten. Allerdings ist die Investition riskant, denn die Kryokonservierung der Eizellen ist keine Garantie dafür, später tatsächlich ein Kind zu bekommen. So liegt etwa in Großbritannien die Rate der erfolgreichen Schwangerschaften nach künstlicher Befruchtung mit aufgetauten Eizellen bei nur 18 Prozent.

"Also wenn sie mit 30 bis 34 eingefroren haben, sind ihre Chancen pro Eizelle zu einer Geburt zu kommen so etwa bei acht Prozent. Und wenn sie es viel später machen, Anfang 40 oder sowas, ist es vielleicht zwei bis vier Prozent."

Sagt die Gynäkologin Katrin van der Ven. Barbara, die vor einigen Jahren ihre Eizellen einfrieren ließ, kennt diese Zahlen. Sie weiß, dass die elf Eizellen, die sie am Ende der Behandlung einfrieren konnte, keine Garantie für Kinder sind.

"Mir ging es mehr um diese Entscheidung, ich behalte es irgendwie in der Hand. Ich möchte mir später nicht vorwerfen können, ich habe nichts getan und bin da in mein Unglück irgendwie gelaufen ohne irgendwas versucht zu haben."

Befürworter des Social Freezings nennen immer wieder das Argument, dass es um einen selbstbestimmten Umgang mit Fruchtbarkeit und Kinderwunsch gehe. Kritiker wenden ein, Frauen schöben das Kinderkriegen vor allem aus Karrieregründen auf – mit ungewissem Ausgang.

Mariacarla Gadebusch Bondio, Professorin für Medizingeschichte und -Ethik in Bonn, widerspricht dem Klischee von der karrierebesessenen Akademikerin.

"Wenn man sich jetzt aber ansieht, welches Zielpublikum diese Angebote wahrnimmt, dann muss man feststellen, dass es sich meistens um jüngere Frauen handelt, die noch nicht den richtigen Partner gefunden haben und eben diese Option offenhalten möchten, später das erste Kind zu bekommen."

Eizellen einfrieren - oder kinderfreundliche Arbeitsmodelle?

Die meisten Frauen, die sich für die Kryokonservierung ihrer Eizellen interessieren, sind gut ausgebildet und: alleinstehend. Auch Barbara hat ihren Kinderwunsch nicht verschoben, um sich im Beruf zu verwirklichen, sondern weil sie den passenden Partner für die Familiengründung noch nicht gefunden hat. Allerdings haben Beruf und Partnersuche offenbar etwas miteinander zu tun: In einer US-Studie aus dem Jahr 2017 über die Motivation, Social Freezing in Anspruch zu nehmen, gaben 65 Prozent der Befragten ein unausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben als Faktor für ihre Beziehungssituation an. In diesem Zusammenhang sprechen Soziologen auch von der Rushhour des Lebens: Wenn Frauen erst mit Ende 20 ins Berufsleben starten, wird die Familiengründung tatsächlich oft in die Zukunft verschoben. In dieser Phase könne Social Freezing eine Möglichkeit zur Entschleunigung darstellen, sagt die Medizinhistorikerin Mariacarla Gadebusch Bondio.

"Also ich würde schon sagen, dass Social Freezing eine Möglichkeit ist, die Optionen anbietet. Das heißt man kann tatsächlich die so genannte biologische Uhr damit manipulieren. Aber wie die meisten Sachen haben wir hier zwei Seiten der Medaille und die Frage die sich gleich auftut ist, ob ein gesellschaftliches Problem, nämlich die Harmonie von Beruf, Karriere und Familie, nicht anders gelöst werden könnte."

Eine Frau im Businesskostüm  (Picture Alliance / Patrick Pleul)Den Kinderwunsch aufschieben um erstmal in den Beruf einzusteigen - dabei hilft Social Freezing (Picture Alliance / Patrick Pleul)

Im Fachmagazin der Canadian Medical Association aus dem Jahr 2016 heißt es zu diesem Thema:

"Ich glaube dass man einfach nicht abstrakt von einer gegebenen Autonomie sprechen kann. Und ich glaube dass man tatsächlich sehr kontextuell aufpassen muss, eben auf Rollenbilder oder auch Selbstbilder, Erwartungen."

Barbara ist mittlerweile 40 Jahre alt. Von ihrem Partner hat sie sich getrennt. Sie ist sich unsicher, ob sie ihre Eizellen überhaupt noch nutzen wird. Eine künstliche Befruchtung ist für alleinstehende Frauen in Deutschland ohnehin schwierig. Zwar hat die Bundesärztekammer ihre Richtlinie, alleinstehenden oder lesbischen Frauen die künstliche Befruchtung zu verweigern, mittlerweile gestrichen. Trotzdem nehmen viele Kinderwunschkliniken keine alleinstehenden Frauen als Patientinnen an. Barbara kann sich trotzdem noch nicht von ihren Eizellen trennen.

"Ich möchte meine Eizellen weiter noch ein bisschen eingefroren lassen, weil ich glaube, wenn ich irgendwann sage, 'Vernichtet die', dann gebe ich auch meinen Kinderwunsch damit komplett auf, dann ist es finito. Und diese Entscheidung möchte ich jetzt irgendwie noch nicht treffen. So ist klar, ein Rest Hoffnung bleibt."

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