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StartseiteTag für TagStreit um evangelisches Medienportal05.12.2017

EKD und "idea"Streit um evangelisches Medienportal

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat der evangelikalen Nachrichtenagentur "Idea" die Mittel gestrichen. Damit würden konservative Positionen vernachlässigt und die innerkirchliche Medien- und Meinungsfreiheit bedroht, kritisieren "Idea"-Anhänger. Unterstützt werden sie dabei von prominenter Seite.

Von Thomas Klatt

Rechtsaktivisten bei der rechten Demo "Ein Jahr nach dem Kölner Silvesterpogrom - kein Vergeben, kein Vergessen" mit anschließendem Zug durch die Kölner Innenstadt. (imago / Future Image)
Rechtsaktivisten bei der rechten Demo "Ein Jahr nach dem Kölner Silvesterpogrom - kein Vergeben, kein Vergessen" mit anschließendem Zug durch die Kölner Innenstadt. (imago / Future Image)
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"Ich bin froh, dass die Finanzen nicht gestrichen worden sind, sondern dass die Finanzen im System der evangelischen Publizistik bleiben."

Sagt Jörg Bollmann, geschäftsführender Direktor des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizisitk (GEP) in Frankfurt am Main. Vor zwölf Jahren noch habe es keine Umverteilungen, sondern drastische Sparmaßnahmen für die evangelischen Medien gegeben.

Jörg Bollmann, geschäftsführender Direktor des Gemeinschaftswerkes der evangelischen Publizisitk GEP in Frankfurt am Main. (imago / epd)Jörg Bollmann, geschäftsführender Direktor des Gemeinschaftswerkes der evangelischen Publizisitk GEP (imago / epd)

"Ich habe in meiner Praxis auch schon andere synodale Beschlüsse erlebt. Ich hab den synodalen Beschluss in Zusammenhang mit der mittelfristigen Finanzplanung der EKD erlebt, das Kürzungsvolumen hatte eine Größenordung von 1,6 Millionen - gleich 27 Prozent des damaligen Gesamtetats."

Zuwachs am evangelikalen Rand

Damals sei die Aufregung gering gewesen. Nun aber rufen Prominente wie der ZDF-Moderator Peter Hahne zur Rettung der innerkirchlichen "Medien- und Meinungsfreiheit" und zu Spenden für das evangelikale Portal "idea" auf. Geleitet wird es noch bis zum Jahresende von ihrem Gründer Helmut Matthies. Er ist von der innerkirchlichen Solidarität überwältigt.

Helmut Matthies, Leiter der evangelikalen Nachrichtenagentur idea. (imago / STAR-MEDIA)Helmut Matthies, Leiter der evangelikalen Nachrichtenagentur idea. (imago / STAR-MEDIA) "Ich hatte nie gedacht, dass wir so viele Freunde haben. Wir haben Reaktionen von Kirchenämtern, Oberlandeskirchenräten und Kirchenräten, natürlich nicht meinen Namen nennen, aber wo dann in Umschlägen Geld steckt, bitte weiter so, wir brauchen euch! Ich bin fassungslos. Wir haben einen enormen Abonnenten-Zuwachs. Uns haben über 30 Leute angeboten, aus der Kirche auszutreten und uns die Kirchensteuern zu geben. Denen habe ich allen geschrieben, dass wir das gar nicht möchten."

Auf keinen Fall wolle "idea" sich jetzt beim EKD-Vergabeausschuss um die Neuverteilung der Mittel bewerben. Die nun gestrichenen und neu zu verteilenden 132.000 Euro seien sowieso ein symbolischer Betrag gewesen, um die Verbindung zwischen evangelischer Kirche und dem evangelikalen Rand nicht abreißen zu lassen. Idea mit seinen gut 50 Mitarbeitenden trage sich wirtschaftlich gut alleine. Leiter Helmut Matthies sieht den EKD-Beschluss als eine Art kirchenpolitische Strafmaßnahme.

"Im letzten Jahr auf der EKD-Synode hat uns die hessen-nassauische Pröpstin Gabriele Scherle vorgeworfen, wir seien islamfeindlich. Da kann ich nur sagen, wir sind nicht feindlich, aber wir sind natürlich islamkritisch. 80 Prozent aller Verfolgten kommen aus dem islamischen Bereich, die kann ich jetzt nicht lobend erwähnen."

"Die Konservativen werden seit Jahren diskriminiert"

Innerkirchlich umstritten ist nicht nur "ideas" Haltung zum Islam, sondern auch der Einsatz für so genannte messianischen Juden, Juden also, die sich zu Jesus von Nazareth als ihrem Messias bekennen. Die daraus resultierende Judenmission lehnen die meisten Landeskirchen wie auch die EKD ab. Zu viel Leid bis hin zur Shoa sei durch die christliche Juden-Mission entstanden. Helmut Matthies aber meint, dass evangelikale Positionen innerhalb der evangelischen Kirche kaum noch diskutiert werden dürfen.

"Es gibt eine enorme Angst in der Pfarrerschaft, Kritik zu üben. Weil in einigen Landeskirchen sofort massiv reagiert wird. Kirche kann nicht ständig sagen, Toleranz sei ein christlicher Wert und es selbst nicht tun. Um der Kirche willen kann ich nur daran appellieren, dass man auch die theologisch Konservativen wieder mit ins Boot holt. Sie sind längst draußen. Die Konservativen werden seit Jahren diskriminiert."

Ideologische Überschneidungen mit der "Neuen Rechten"

Oder ist "idea" in den letzten Jahren zu sehr an den rechten politischen Rand gerutscht, weil zu AfD-freundlich berichtet wurde? Der Soziologe Andreas Kemper beobachtet im rechten Spektrum schon eine gewisse Verwandtschaft zwischen politischen und christlichen Medien.

"Es gibt da deutliche Überschneidungen, wenn man sich eine Kampagne anschaut von der Jungen Freiheit: 'Gender mich nicht voll', heißt die, die antifeministisch aufgestellt ist gegen so genanntes gender-mainstreaming, das ist so ein Kofferwort, wo alles Mögliche reingepackt wird. Das ist eine Kampagne, wo sowohl christlich-fundamentalistische Gruppierungen mitmachen als auch die Neue Rechte der Jungen Freiheit. Da gibt es starke Überschneidungen.

Es gibt auch starke Überscneidungen in der 'Bibliothek des Konservatismus', da gibt es eine Abteilung, die sich konkret mit Abtreibung auseinandersetzt, also gegen Abtreibung. Die sind wiederum sehr verbandelt mit erzkatholischen und evangelikalen Gruppierungen, die auch gegen Abtreibungen sind."

Die Junge Freiheit, Sprachrohr der Konservativen und Neuen Rechten in Deutschland. Broschüre der AfD und die Zeitung Junge Freiheit auf dem Extremismuskongress der AfD in Berlin im März 2017. (imago / IPON)Die Junge Freiheit, Sprachrohr der Konservativen und Neuen Rechten in Deutschland. (imago / IPON)

Die "Junge Freiheit" sei mittlerweile so etwas wie das Sprachorgan der AfD. Die "Bibliothek des Konservatismus" in Berlin gilt als Denkfabrik, in der sich AfD-Politiker, Abtreibungsgegner und Islamkritiker treffen. Medien, die sich selbst als rechts bezeichnen, verbuchen Auflagenzuwächse. Knapp 30000 Exemplare verkauft die Junge Freiheit pro Ausgabe, damit laut IVW-Angaben gut 5.000 mehr als vor zwei Jahren.

Dazu passt allerdings nicht die Meldung, dass die rechtskatholische "Tagespost" aus Würzburg in Not geraten ist. Das bekannte Publizistenpaar Birgit und Klaus Kelle ruft per Blogeintrag zu Spenden auf. Für Andreas Kemper liegt eine Erklärung darin, dass es jetzt im rechten Spektrum zu Flügel- und Verteilungskämpfen kommt. Die einen nennen sich erzkatholisch, evangelikal oder pietistisch, die anderen driften ab in Richtung völkisch und rechtsradikal.

Kemper: "Die ,Junge Freiheit' ist in erster Linie neu-rechts ausgerichtet, ein Sammelbecken von völkisch bis christlich-fundamentalistisch, Thilo Sarrazin ist der Held der Jungen Freiheit. Und Tagespost ist dann deutlicher christlich-fundamentalistisch, auch die Kelles, die sind ja nicht in erster Linie völkisch, sondern in erster Linie geht es da um Erzkatholizismus. Oder auch beim Internetportal kath.net, die haben halt Sponsoren, da muss man keine Sorgen haben, von "Kirche in Not", von Heereman, und auch die Legionäre Christi, ein Sohn von Heereman ist Leiter bei den Legionären."

Bei Nächstenliebe scheiden sich die Geister

Innerhalb der AfD seien die Flügelkämpfe im vollen Gange. Auf dem jüngsten evangelischen Kirchentag sprach Anette Schultner noch für "Christen in der AfD". Sie hat mittlerweile die Partei verlassen. An der Frage, wie völkisch das Christliche sein kann, scheiden sich die Geister.

Dazu Andreas Kemper"Bei diesen Leuten, die jetzt die AfD verlassen, ist es eben so, die Christen in der AfD, die haben eine Teilung, da sind einmal evangelisch evangelikale Menschen, die da mit machen. Auf der anderen Seite erzkatholische. Und momentan ist es so, dass der gesamte evangelisch evangelikale Block quasi abbröckelt. Das ist nicht nur Anette Schultne. Bei den Katholiken sehe ich das noch nicht, aber ich denke, das wird eine ähnliche Tendenz werden. Die AfD wird denen zu völkisch und völkisch passt nur bedingt zusammen mit christlich-fundamentalistisch."

Denn der Trennpunkt im christlichen Selbstverständnis sei der Einsatz für Flüchtlinge und Migranten, wogegen sich die AfD klar ausspricht. So ähnlich sieht das auch Marcus Bensmann vom Rechercheverbund CORRECTIV in Essen.

"'Idea' hat ja was Abtreibung angeht, was das Familienbild angeht, durchaus Überschneidungen mit den rechten Medien. Aber bei der Frage der Flüchtlinge, da ist die christliche Nächstenliebe und der Missionsgedanke ein hoher Punkt. Die völkische Idee trennt im Grunde die rechten Christen von der AfD."

Das Spiel mit dem Feuer

Dass die EKD nun mit ihrem idea-Streichungs-Beschluss das Tischtuch zu Evangelikalen und rechtsgerichteten Christen zerschnitten hätte, sieht Bensmann nicht. Das sei die Reaktion darauf, dass das evangelikale Nachrichtenportal idea sich zu sehr dem rechtsradikalen Lager angebiedert habe.

"'Idea' hat mit dem Feuer gespielt. Die Sehnsucht das alte traditionelle Familienbild durchzusetzen, da hat man die Hoffnung gehabt, etwas in der AfD zu finden. Sie haben mit dem Feuer gespielt und sich die Finger verbrannt. Vielleicht ist es auch mal der Gedanke, mit dem völkischen Gedanken zu kokketieren, für ein christliches Medium nie sinnvoll sein kann. Vielleicht ist das als ein Warnschuss sehen, sich als konservativer Christ neu zu definieren."

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