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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Bewusstsein für Sexismus weiter schärfen24.09.2020

Eklat um Publizist TichyDas Bewusstsein für Sexismus weiter schärfen

Sexismus gibt es auch nach #Metoo, das zeigt nicht nur der Fall um den Publizisten Roland Tichy. Doch etwas hat sich geändert: Je dreister die Übergriffe, desto deutlicher artikuliert sich heute der Widerstand, meint Barbara Schmidt-Mattern. So gesehen sind Frauen und Männer auf einem guten Weg.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Roland Tichy am 22.11.2018 in München, Deutschland (Thomas Einberger / imago)
Roland Tichy, der frühere Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, im Kreuzfeuer der Kritik: Sein Magazin wird mit dem Vorwurf des Sexismus konfrontiert (Thomas Einberger / imago)
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Ob sie das Mikrofon mit unter die Dusche nehme, wurde eine Deutschlandfunk-Korrespondentin vor Jahren von einem Christdemokraten gefragt, der mittlerweile Kanzler werden will. Ein paar hundert Meter vom Kanzleramt entfernt wurde eine Berichterstatterin kurz vor Beginn einer Journalistenrunde von einem hohen Repräsentanten dieses Landes von eben diesem angezwinkert, so, als sei man scheinbar vertrauter miteinander. Mutmaßen wir, dass sich der Mann dabei wohl nichts gedacht haben wird, aber genau das ist das Problem.

Auch heute, am Tag nach Bekanntwerden der geschmacklosen Verirrungen in einer Zeitschrift des Publizisten Roland Tichy über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli kursiert im Netz und auch in manchen Redaktionen die Ansicht, dass das alles unterm Strich nicht so schlimm sei. Also "das" mit Lindner, Merz, mit Tichy, und wie sie alle heißen. "Das"… Sie wissen schon: Anspielungen, Wortspiele, die aus Sicht der Empfängerin, manchmal auch des homosexuellen Empfängers, mit Spiel und Spaß nichts zu tun haben.

Sexismus gegen Frauen hat sich gewandelt

Bleiben wir beim Sexismus gegen Frauen: Vielleicht kommt er heute nicht mehr ganz so platt daher wie zu Zeiten eines Rainer Brüderle. Im Jahr 2013 hatte der FDP-Politiker einer Journalistin erklärt, sie könne ein Dirndl wirklich gut ausfüllen. Nur sieben Jahre und eine globale Metoo-Bewegung später, geschieht die Verächtlichmachung von Frauen anders: Entweder drastischer, wie sich am Beispiel von Tweets aus der AfD-Bundestagsfraktion über weibliche Abgeordnete immer wieder belegen lässt.

Der deutsche Publizist Roland Tichy spricht am 09.05.2016 auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig (Sachsen).  (dpa / picture alliance / Jan Woitas) (dpa / picture alliance / Jan Woitas)Nach angekündigtem Rückzug: Tichys Problem ist nicht die Erhard-Stiftung
Roland Tichy will den Stiftungsvorsitz abgeben. Der Publizist war in die Kritik geraten, weil einer seiner Autoren in dem Magazin "Tichys Einblick" eine Politikerin beleidigt hatte. Das Problem ist aber nicht die Stiftung, meint Stefan Fries.

Oder die Belästigung findet auf eine scheinbar subtile Art statt, gentlemanlike sozusagen. Das Paradebeispiel dieser Tage ist der Kalauer von Christian Lindner. Der FDP-Chef hatte auf dem Parteitag am Wochenende erklärt, dass er schon ungefähr 300 Mal den Tag mit seiner Generalsekretärin zusammen begonnen habe. Das ist erstens nicht witzig, und zweitens kein Alt-Herrenwitz, denn natürlich jodeln auch junge oder nicht mehr so junge Männer über solche Entgleisungen.

Kommt jetzt ein "Rollback"?

Dass sie einem Profi wie Christian Linder aus Versehen passieren? Äußerst unwahrscheinlich. Zumal er die gleiche Wortwahl vor drei Jahren schon einmal verwendet hat, damals auf die heutige Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth gemünzt. Manche Kommentatorin schlägt jetzt vor, Care-Arbeit zu leisten bei Männern mit einem Hang oder einer Sympathie für Sexismus.

Zielführend wäre aber eher, das Bewusstsein zu schärfen oder, mehr noch, es erst einmal zu wecken. Und zwar bei allen, die bisher nicht nachvollziehen können, warum die hier zitierten Beispiele von vielen Frauen und Männern als verletzend oder peinlich empfunden werden.

Führende Politikerinnen zweifeln gerade, ob die letzten Tage eher für einen generellen Rollback im Geschlechterverhältnis stehen, oder aber, ob endlich etwas in Bewegung kommt: Nämlich Übergriffe brandmarken, Gerechtigkeit einfordern, Parität herstellen. Je dreister die Übergriffe, desto deutlicher artikuliert sich heute der Widerstand. So gesehen sind wir Frauen und Männer auf einem guten Weg.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

 

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