Donnerstag, 29.07.2021
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteMusikjournalOrgel in der Reinigung05.04.2021

Elbphilharmonie HamburgOrgel in der Reinigung

Jedes Instrument braucht regelmäßige Pflegeeinheiten. Die Grundreinigung einer Blockflöte gestaltet sich recht einfach, bei einer Orgel hingegen muss man sich über einen Monat Zeit nehmen. Die Orgel in der Elbphilharmonie ist 25 Tonnen schwer und hat knapp 5000 Pfeifen. Diese wurden beim Frühjahrsputz sauber gemacht.

Von Axel Schröder

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Orgel in der ElbphilharmonieMediennummer:83916727Beschreibung:Die Titularorganistin Iveta Apkalna spielt am 16.09.2016 am Orgelspieltisch auf der Bühne im Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg. (dpa / picture alliance / Georg Wendt)
Iveta Apkalna ist die Titularorganistin an der Elbphilharmonie in Hamburg. (dpa / picture alliance / Georg Wendt)
Mehr zum Thema

Neues Opernhaus in Düsseldorf Die Elphi an der Düssel

Chormusik von Arvo Pärt Doppelter Geburtstag

Raderbergkonzerte 2020/21 Klingende Memoiren

Die Orgel der Elbphilharmonie klingt wie neu. So neu wie noch nie. Denn noch vor der Eröffnung des Konzerthauses vor fünf Jahren hatte sich während der Bauarbeiten im Saal in jeder der über 4.000 silberfarbenen Pfeifen eine Menge Staub abgelagert, erzählt der Elbphilharmonie-Organist Thomas Cornelius.

"Als wir mit dem Orgeleinbau angefangen haben, war auch der Baubetrieb im Saal noch zugange. Es war also keine staubfreie Baustelle. Und alle haben ihr Bestes gegeben, um pünktlich die Elbphilharmonie fertigzustellen. Es war feiner Staub. Es waren aber auch schon, dadurch, dass die Elbphilharmonie ja sehr frequentiert gewesen ist, sehr viele Konzerte, sehr viele Zuschauer. Wir haben Hautschuppen, Textilabrieb, den klassischen Staub, den man auch von zuhause kennt, der sich dann in der Orgel sammelt. Die Orgel kann man eben nicht einfach mal mit dem Staubsauger aussaugen und durchwischen."

4765 Pfeifen wurden einzeln gereinigt

Über sechs Wochen dauerte die Reinigung, erzählt der Organist. Vom Konzertsaal aus ist nur ein Bruchteil der Orgelpfeifen zu sehen. Die meisten liegen versteckt hinter der so genannten "weißen Haut", der Wandverkleidung in der Elbphilharmonie. Eine schmale Tür führt ins Innere der Orgel. Die stammt aus der Bonner Werkstatt von Philipp Klais, erstreckt sich über vier Etagen, ist 15 Meter hoch, 15 Meter breit, drei Meter tief. Ein Labyrinth, in dem sich der Organist Thomas Cornelius bestens auskennt.

"Wir haben 4765 Pfeifen. Jede wurde einzeln rausgenommen, draußen im Saal verteilt. Sah richtig toll aus, wie neue Skulpturen, beinahe wie eine Kunstausstellung. Die haben wir alle einzeln gereinigt."

Mit Staubsauger, Pinseln und Tüchern

Thomas Cornelius führt weiter durch die Eingeweide der Orgel. Vorbei an endlosen Reihen ganz feiner, dann immer dickerer, längerer Pfeifen. Er zeigt das Herz des Instruments, besser gesagt: die Lunge. In der Mitte arbeiten die Pumpen, pressen die Luft in die Bälge, die sie von dort weiter zu den einzelnen Pfeifen leiten. Schmale Luftschächte aus Eichenholz unter der Decke verteilen den Luftstrom über vier Etagen. Cornelius zieht sich dünne, hellblaue Gummihandschuhe über und zieht behutsam eine daumendicke Pfeife aus ihrer Halterung.

"Das ist eine Labial-Pfeife. Hier sieht man das Labium, den Mund. Sozusagen genau wie eine Blockflöte. Wir haben wirklich alles rausgenommen, draußen verteilt, einen Staubsauger hier ans Labium rangehalten und vorsichtig zugehalten. Alles rausgesaugt und mit einem Pinsel den Kern ausgepinselt, mit Tüchern das alles abgewischt und dann wieder zurück."

Frisch geputzter Klang

Nach der Orgelreinigung musste das Instrument neu gestimmt werden. Die Tonhöhen wurden fein justiert, um danach das Zusammenspiel der 69 Register auszutarieren. Sechs Wochen lang dauerten Reinigung, das Stimmen und die Intonation. Danach präsentierte die Titularorganistin der Elbphilharmonie Iveta Apkalna den neuen Klang der Orgel. Drei Dutzend Menschen, vor allem Journalisten und Fotografen und der Erbauer der Orgel Philipp Klais sitzen im Publikum. 

Wie so viele andere Künstlerinnen und Künstler vermisst auch Iveta Apkalna diese Momente, diese Rückkopplung mit dem Publikum.

"Das ist so schwierig, ohne diesen Energieumtausch, ohne dieses Energie-Geben und Energie-Zurückbekommen, zu leben. Denn auch, wenn wir für Kameras spielen oder für den Rundfunk, nur für Mikrofone spielen, geben wir wirklich alles. Wir geben wie immer mehr als hundert Prozent. Aber wir bekommen kaum etwas zurück. 'It’s not just giving!' Es geht auch darum, was zurückzubekommen. Und das fehlt natürlich!"

Eine 69-köpfige Familie

Iveta Apkalna ist jedenfalls sehr zufrieden mit dem Klang der frisch gereinigten Elbphilharmonie-Orgel. Alle 4.700 Pfeifen seien perfekt gestimmt worden. Noch wichtiger sei aber die Intonation der 69 Register des Instruments, sagt die Organistin.

"Viel wichtiger ist, wie diese Register zusammen mit ihren Brüdern und Schwestern, Cousins und Cousinen und Patenonkel und Patentante verschmelzen. Und welche Farben, Möglichkeiten, welche Bandbreite es gibt. Ob die nur einen Charakter haben oder mehrere. Das meine ich: dass diese 69 Register wie eine 69-köpfige Familie sind, wo jeder für sich perfekt sein muss und auch sehr individuell. Aber trotzdem müssen sie zusammen funktionieren."

Aufregung vor dem Konzert

Philipp Klais, der Erbauer der Orgel, gibt zu: Er war mächtig aufgeregt bei diesem ersten zumindest halböffentlichen Kurzkonzert nach der Reinigung.

"Wenn man alles wieder zerlegt hat, jedes kleinste Rädchen, jedes kleinste Teilchen. Diese Mechanik-Teile, die ineinandergreifen. Da muss sich nur irgendwas ein bisschen verdrehen, und dann bleibt es so blöd hängen, dass dann einfach einer dieser großen Töne so stehenbleibt und nicht mehr aufhört… Das ist so eine schreckliche Situation und deswegen war ich wieder schweißgebadet und supernervös."

Philipp Klais ist mit dem Klang der Orgel sehr zufrieden. Hört er den Unterschied zwischen leicht verstaubter und frisch geputzter Orgel?

Kompromisslose Akustik

"Ich kann es hören, wenn ich es weiß. Das gebe ich ganz ehrlich zu! Aber mir ging es weniger um den Klang. Es geht um die Stimmhaltung. Jedes Mal, wenn eine Pfeife anspricht, bläst der Staub hoch, und danach senkt sich der Staub wieder. Aber Sie wissen nicht genau, ob er sich wieder genau an dieselbe Stelle setzt. Und das kann natürlich eine Pfeife, die vielleicht eine klingende Länge von wenigen Millimetern hat, schon extrem beeinflussen."

Und gerade in der Elbphilharmonie würden diese Nuancen sofort aufhorchen lassen, sagt Klais. Denn die Akustik des Saals ist bekannt dafür, den Klang besonders klar in alle Winkel, in alle Ränge hineinzutragen. Philipp Klais ist also glücklich mit dem Resultat der Generalreinigung. Und er weiß: Der nächste Großputz steht erst wieder in fünfzehn Jahren an.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk