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StartseiteForschung aktuellElektropulse gegen Schwermut24.04.2007

Elektropulse gegen Schwermut

Bonner Mediziner setzen Hirnschrittmacher bei Depressionen ein

<strong>Medizin. - Herzschrittmacher sind heute Routinehilfen in der Medizin. Solche Taktgeber versprechen aber auch bei anderen Leiden Linderung, etwa bei Hirnkrankheiten wie Parkinson oder Epilepsie. Auch gegen Depressionen lassen sich ihre elektrischen Pulse nutzen, meinen Bonner Ärzte.</strong>

Von Kristin Raabe

Die elektrische Reizung des Belohnungszentrums verbesserte die Symptome bei schweren Depressionen. (unibo.it)
Die elektrische Reizung des Belohnungszentrums verbesserte die Symptome bei schweren Depressionen. (unibo.it)

Elektroden in den Tiefen des Gehirns zu platzieren ist riskant, aber für die Patienten war das die letzte Hoffnung. Nur wer seit Jahren an schweren Depressionen litt und weder durch Medikamente noch durch Psychotherapie Besserung erfahren hatte, kam überhaupt für das experimentelle Therapieverfahren in Frage. Thomas Schläpfer von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bonn erklärt, warum ein Eingriff ins Gehirn bei solchen Patienten gerechtfertigt ist:

"Zwanzig Prozent aller Menschen, die an einer Depression leiden, bringen sich um. In dem Sinne ist es eine tödliche Krankheit. Wir wissen inzwischen auch, dass Depressionen, die Mortalität und die Krankheitshäufigkeit an andere Krankheiten wie Krebs oder Diabetes deutlich erhöht. Es ist also eine sehr bedeutungsvolle Krankheit. Und was wir auch immer wieder vergessen, dass die Lebensqualität dieser Patienten massiv beeinträchtigt ist, so massiv wie bei keiner anderen Erkrankung."

Um beim Einsetzen der Elektroden im Gehirn das Risiko so gering wie möglich zu halten, waren die Vorbereitungen besonders aufwendig: Zunächst wurde das Gehirn der Patienten in einem hochauflösenden Kernspintomographen genau vermessen. Auf den Bildern war genau zu sehen, wo die Blutgefäße im Gehirn verliefen. Diese Gefäße durften die Hirnchirurgen unter keinen Umständen verletzen. Anhand der millimetergenauen Karte verlegten sie die feinen Kabel durch die Großhirnrinde der Patienten. Ihr Ziel: eine haselnussgroße Struktur im Belohnungszentrum des Gehirns: der so genannte Nucleus accumbens. Hier platzierten sie schließlich zwei Elektroden, die die Funktion des Belohnungszentrums wiederherstellen sollten.

"Das Belohnungssystem ist für uns Menschen etwas ganz Wichtiges. Es sagt uns, wenn etwas, was wir tun, für uns gut ist. Viele Verhaltensweisen, wie essen, sexuelle Aktivität lösen das Belohnungssystem aus und verändern dadurch unser Verhalten. Es gibt nun sehr gute Hinweise darauf, dass das Belohnungssystem nicht mehr so gut funktioniert bei schwer depressiven Patienten."

Weil ihr Belohnungssystem nicht funktioniert, sind Patienten mit sehr schweren Depression unfähig, Freude oder Vergnügen zu empfinden. Zwar sind sie noch in der Lage, bei Sonnenschein am Strand spazieren zu gehen, es macht ihnen allerdings keinen Spaß. Das sollen die Elektroden in ihrem Gehirn ändern, indem sie die Zellen im Nucleus Accumbens durch winzige Stromimpulse erregen. Als Quelle für die Impulse diente ein Sender, ähnlich einem Schrittmacher, der im Brustbereich implantiert war. Wie diese Stimulation sich auswirkt, konnte Thomas Schläpfer bei seinem ersten Patienten deutlich beobachten.

"Wir haben dann die Stimulation eingeschaltet und haben dann gefragt, "Was tut sich, was verändert sich?" Der Patient hat gesagt: "Ja, es tut sich nichts, ich fühle meine Depression nach wie vor." Aber dann hat der Patient ganz spontan zum Fenster rausgeschaut und hat gesagt: "Ach, ich bin ja hier in Köln", er hat den Dom gesehen, er kommt aus einer andere großen deutschen Stadt und hat gesagt: "Ich hab den Dom noch nie gesehen, den will ich mir jetzt ansehen." Und dann am gleichen Tag, noch mit den Elektroden, die aus dem Kopf herausschauten, ist er dort den Dom anschauen gegangen, zusammen mit seiner Frau. Und er hat dann auch in den folgenden Tagen ganz viele Aktivitäten unternommen, die er sonst unter der Depression nie unternommen hätte."

Schalteten die Ärzte den Hirnschrittmacher ab, kehrte die Depression unvermindert heftig zurück. Ähnlich gute Ergebnisse erzielten Thomas Schläpfer und seine Kollegen noch bei einigen anderen Patienten. Bislang haben sie das Verfahren an sieben Patienten mit schweren Depressionen getestet. Leider wirkte der Hirnschrittmacher nicht bei jedem. Schwere Nebenwirkungen waren allerdings auch nicht zu verzeichnen. Die Ärzte wollen nun genau untersuchen, bei welcher Patientengruppe der Hirnschrittmacher am besten wirkt.

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