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StartseiteBüchermarkt"In Deutschland ist Selbstkritik möglich"17.03.2021

Elisa Diallo: "Französisch verlernen""In Deutschland ist Selbstkritik möglich"

Deutschland sei das Land in Europa, das "noch am ehesten den antirassistischen Kampf gewinnen könne", schreibt Elisa Diallo in ihrem Essay. In Frankreich und in den Niederlanden zum Beispiel hat die Tochter eines Guineers den Rassismus als viel tiefer verwurzelt erlebt.

Elisa Diallo im Gespräch mit Dina Netz

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Die Autorin Elisa Diallo und das Cover von "Französisch verlernen" (Cover Berenberg Verlag / Portrait Elisa Diallo (c) privat)
Elisa Diallos Essay ist persönlicher Erfahrungsbericht und politische Analyse zugleich (Cover Berenberg Verlag / Portrait Elisa Diallo (c) privat)
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Elisa Diallo wurde 1976 in Paris geboren und ist dort aufgewachsen. Sie hat Geschichtswissenschaften in Paris studiert, anschließend Niederlandistik und Literaturwissenschaft in den Niederlanden. Heute lebt sie in Mannheim und arbeitet in der Verlagsbranche. Sie hat die französische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Dies alles klingt erst einmal nach einer nicht ungewöhnlichen europäischen Biografie. Dass diese Ortswechsel aber doch mehr impliziert haben als nur Kistenpacken, davon erzählt Elisa Diallo in ihrem im Berenberg Verlag erschienenen Essay "Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland". Denn Elisa Diallos Vaters stammte aus Guinea, und ihr Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit Rassismus in Europa. 

"Erst nachdem ich länger im Ausland gelebt hatte, ist mir klar geworden, wie viele Schwierigkeiten ich schon immer mit der französischen Identität hatte", sagt Elisa Diallo. Als sie anfing, sich mit der deutschen Staatsbürgerschaft auseinanderzusetzen, löste das bei ihr vieles aus. So kam ihr die Idee zu ihrem Essay "Französisch verlernen". Sie habe immer das Gefühl gehabt, "nicht ganz dazuzugehören" und habe sich nie ganz berechtigt gefühlt, sich Französin zu nennen, sagt Elisa Diallo. Die ständige Frage "Wo kommst du her?", die ihr schon als Kind immer wieder gestellt wurde, sei ebenso Signal dafür wie Erfahrungen von Alltagsrassismus. Auch wenn die Frage freundlich und neugierig gemeint sei, impliziere sie, dass das Kind woanders herkomme. Elisa Diallo empfindet diese Identitäts- und Zugehörigkeitsfragen als Tabuthema in Frankreich.

Persönlicher Erfahrungsbericht und politische Analyse

Elisa Diallos Essay ist persönlicher Erfahrungsbericht und politische Analyse zugleich. Im Gegensatz zu Deutschland sei Frankreich blind gegenüber dem Rassismus im eigenen Land, schreibt Diallo zum Beispiel. Das liege daran, dass der Rassismus durch die französische Kolonialzeit die Gesellschaft geprägt habe und danach nicht verarbeitet wurde. In der Schule, bei der Polizei, im Gesundheitssystem würden Menschen ungleich behandelt. Elisa Diallo bezeichnet den Rassismus in Frankreich sogar als "politische Strategie", denn wenn man nichts ändere, profitierten immer die Privilegierten davon.

Über Deutschland schreibt Elisa Diallo, es sei das Land in Europa, das "noch am ehesten den antirassistischen Kampf gewinnen" könne. In Frankreich und den Niederlanden stehe das Narrativ von der offenen, demokratischen Gesellschaft, die alle ihre Bürger gleich behandle, der Selbstkritik und der konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Rassismus in der eigenen Gesellschaft im Weg. "In Deutschland ist Selbstkritik möglich, weil der nationale Stolz nach dem Zweiten Weltkrieg schon einmal dekonstruiert wurde", sagt Elisa Diallo. Ihre Wahrnehmung sei selbstverständlich subjektiv und ihr sei klar, dass auch in Deutschland immer noch ein weiter Weg hin zu einer tiefgreifenden Selbstkritik an der nationalen Geschichte zurückzulegen sei, "aber ich sehe da mehr Möglichkeiten als in zum Beispiel Frankreich".

Elisa Diallo: "Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland"
Aus dem Französischen von Isabel Kupski
Berenberg Verlag, Berlin. 160 Seiten, 14 Euro.

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