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StartseiteKultur heuteElizabeth Price erhält den Turner Prize 201204.12.2012

Elizabeth Price erhält den Turner Prize 2012

Die britische Künstlerin überzeugte die Jury mit einem gesellschaftskritischen Video-Tryptichon

Mit Elizabeth Price wird erstmals eine reine Videokünstlerin mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet. Ihr energetisches Video-Tryptichon "The Woolworth Fire of 1979" über einen Warenhausbrand gilt unter Kritikern als stärkster Beitrag in diesem Jahr.

Von Matthias Thibaut

Die britische Künstlerin Elizabeth Price (dpa/Tate Presse Office)
Die britische Künstlerin Elizabeth Price (dpa/Tate Presse Office)
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Die Kunst der Langsamkeit

Elizabeth Price ist die erste reine Video Künstlerin, die den Turner-Preis gewinnt – seit dem inzwischen zum Filmemacher mutierten Preisträger von 1999, Steve McQueen. Ihr Sieg im Wettbewerb ist gerechtfertigt, vergleicht man mit den Mitbewerbern: Luke Fowler, dessen Dokumentarfilm über den Psychiater R.D. Laing trotz aller Idiosynkrasien einfach nicht in eine Kunstgalerie gehört – auch wenn das Kunstmuseum ja, wie der Turnerpreis zeigt, endlos in alle Bereiche expandiert. Die Performance von Spartacus Chetwyn, so löblich es war, eine Perfomance Künstlerin zu nominieren, war dann doch eher Mummenschanz und Schülertheater – Karnevalismus, ohne rebellischen Biss, ganz abgesehen davon, dass niemand verstand, worum es geht. Und der Zeichner Paul Noble hätte den Preis vor allem für akribischen Fleiß verdient, der heute ja weniger gefragt ist: Seit 15 Jahren sitzt er in der Stube und zeichnet mit dem Bleistift die negative, satirische Utopie seiner imaginären Stadt Nobson Newtown.

Elizabeth Price' 20 Minuten Video hat Energie, Rhythmus und war technisch perfekt. Die Jury lobte die "verführerischen Qualitäten", die das Publikum in Bann zogen – wenn auch manche vor dem Soundtrack mit den Shangri-Las flüchteten, einer Bad Girl Band der siebziger Jahre. Price war selber einmal Popsängerin: In der Gruppe Talulah Gosh schlug sie das Tambourin, hatte damit vier Singles in der Hitparade, das war 1986. Nun hat Price, inzwischen 45, das Vokabular des Popvideos erweitert und fusioniert mit der Semantik des Volkshochschulvortrags per Power Point, des Dokumentarfilms, des Lehrfilms für die Feuerwehr, der Werbung, des Propagandafilms. Es ist eine Trilogie oder ein Triptychon - der erste Teil beginnt als Vortrag über mittelalterliches Chorgestühl und Chorbauten in Kathedralen, dann kommen die Shangri Las und ihre Disco und zum Schluss geht es um ein Kaufhausfeuer 1979 in Manchester: Der Titel des Werkes: The Woolworth Choir of 1979 ersetzt das Wort Fire - für Feuer -durch Choir - für Chor - Substitution semantischer Elemente ist auch visuell die Methode von Price. Eine nicht nur verführerisches, sondern auch energisches, wuchtiges und selbstsicheres Video.

Aber ist es ein Turner-Preis? Seit Grayson Perry 2003 und Martin Creed 2001 hat kein Künstler mehr gewonnen, der eine wirklich tragende Karriere gehabt hätte. Der Turner-Preis ist eher eine Momentaufnahme des Kunstschaffens, er belohnt Momente der Hoffnung, künstlerische Versprechungen, nicht reife Leistungen und karrierefähige Ansätze. Der Preis bringt Aufmerksamkeit und Rummel in die Tate Britain und macht zeitgenössische Kunst populär. Aber er ist mehr und mehr auch ein Instrument der wachsenden Loslösung der Kunst von ihrer Verantwortung als System kultureller Kommunikation. Channel 4, der TV Sender, der den Preis sponsert, brachte gestern Abend eine Auswahl an Publikumsreaktionen und es war eigentlich verheerend: Buchstäblich niemand konnte mit den Kunstwerken etwas anfangen oder erklären, was es damit auf sich haben könnte. Sprachlos und verständnislos wie das Publikum sind auch die Kritiker, die wenig Erleuchtendes über die Kunst zu sagen wissen: Der Turner Preis ist das Propagandainstrument für eine Kunst und einen Kunstbetrieb, der Kriterien der Bewertung, Erwartungen an formale Kohärenz, Kommunikationsbereitschaft, die Kraft, Emotionen zu bewegen, Empathie zu erregen, das Publikum in den Raum alternativer Imaginationen hineinzuziehen mysteriös suspendiert.

Der Kunstbetrieb steht natürlich voll hinter dem Turner-Preis als einem wichtigen Werbeinstrument. Aber es wachsen auch die Stimmen, die denken, man könnte es bei einer Preisverleihung vielleicht alle zwei Jahre belassen. So viel große Künstler haben die Briten auch wieder nicht.

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