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StartseiteDlf-Magazin"Vielleicht sollte noch ein altes Schlachtross dabei sein"18.10.2018

Elmar Brok, 72, CDU"Vielleicht sollte noch ein altes Schlachtross dabei sein"

Aufhören, wenn es am schönsten ist? Elmar Brok, dienstältester Europaabgeordneter, lebt nach anderen Prinzipien. Im kommenden Jahr wird der 72-Jährige erneut bei der Europawahl für die CDU antreten. Sucht oder Berufung? Unterwegs mit Elmar Brok.

Von Moritz Küpper

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Brok redet auf dem Podium zu den Delegierten. (imago)
Jede politische Karriere endet mit einer großen Niederlage. Das weiß der CDU-Europapolitiker Elmar Brok (72) - und stellt sich unverdrossen wieder zur Wahl. (imago)
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Vor ihm: gut 70 Menschen, versammelt in kleinen Gruppen in der Aula der Volkshochschule Gütersloh. "Bürgerdialog zur Zukunft Europas", heißt die Veranstaltung, bei der Brok eine kurze Einführung geben durfte. Doch nun, seit mehr als einer Stunde, ist Brok außen vor – stattdessen: Gruppenarbeit am Tisch.

Auf Broks vollem Planungszettel für diesen Tag steht: "Keine Vorbereitung erwünscht". Braucht er auch nicht: Elmar Brok, 72 Jahre alt, CDU, ist das dienstälteste Mitglied des Europäischen Parlaments. Seit der ersten Europawahl 1979 ist Brok, der einst beim Deutschlandfunk volontierte und dann als Journalist arbeitete, dabei – als Kandidat aus dem CDU-Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe. Der Abend in der Volkshochschule Gütersloh ist also ein Heimspiel, bei dem die Moderatorin dann doch noch ein Einsehen hat:

"Ich denke, wir nehmen jetzt einmal Rücksicht auf Herrn Brok. Herr Brok muss morgen früh nach Tel Aviv."

Geduldig nimmt Brok dann die Ergebnisse der Gruppendiskussion mit, steht wenige Minuten später auf dem Hof, vor seinem Auto. Es ist kurz nach 21 Uhr.

Ist es das alles wert?

"Ja. Ich glaube, wenn man sieht, dass 75 Leute kommen, um sich mit dem Thema zu beschäftigen, hier drei, vier Stunden an den Dingen arbeiten, ist das doch eine überwältigende Angelegenheit und das muss man, glaube ich auch, auch ein Stückchen belohnen, auch zeigen, dass man Interesse hat."

Weiter, immer weiter - trotz seiner 72 Jahre

Die Frage, die sich eigentlich grundsätzlich stellt, beantwortet Brok lieber im Hier und Jetzt. Den ganzen Tag hat er sich, schwer erkältet, durch seinen Wahlkreis geschleppt, vom frühen Frühstück beim CDU-Wirtschaftsrat in Bielefeld, zum Truppenübungsplatz in der Senne, wo die Briten mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ihr Engagement in der Region bekräftigten, dann zu einer Tagung der Gedenkstätte Stalag. Am nächsten Tag geht es nach Israel, dann wieder Brüssel.

Weiter, immer weiter – trotz seiner 72 Jahre. Auch im nächsten Jahr, bei der Europa-Wahl 2019, will Brok – dann 73 Jahre – erneut kandidieren.

"Wir sind am Kreuzweg, an einer Weggabelung. Macht man diesen Weg weiter? Erkennt man, dass dieses Europa auch aufgrund der neuen Herausforderungen, die wir vor 20 Jahren so nicht hatten, der einzige Weg ist, das Problem zu lösen? Oder sagen wir: Jetzt holen wir uns die Sicherheit wieder im Nationalstaat, mit all den Konsequenzen der Schreihälse, der Fremdenfeindlichkeit, der ökonomischen Katastrophen."

Also dann, auf ewig, Elmar Brok?

"Hat ein bisschen damit zu tun. Vielleicht sollte noch ein altes Schlachtross dabei sein, das auch diese historischen Entwicklungen noch kennt, darüber noch erzählen kann, da eingreifen kann in bestimmten Phasen. Nicht mit dem Ziel noch hohe Ämter zu erringen."

Warum Brok so unumstritten ist

Anfang 2019 nominiert die NRW-CDU, der größte Landesverband innerhalb der Partei, endgültig ihre Kandidaten für die Europawahl. Die Junge Union? Wird niemanden vorgeschlagen. Die bisherigen acht Mandate wird der Landesverband wahrscheinlich – angesichts der aktuellen Umfragewerte – nicht wieder bekommen. Doch für Elmar Brok ist anscheinend immer Platz.

"Ich habe meine Entscheidung hinausgezögert, dann hat man mich konfrontiert, hat mitgeteilt, dass alle Kreise schon entschieden hatten, obwohl ich mich noch gar nicht angekündigt hatte, und ich bin dann auf dem Bezirksparteitag mit 145 Ja- und fünf Nein-Stimmen gewählt worden – was nach so vielen Jahren nicht so schlecht ist."

Und wer mit ihm einen Tag durch die Heimat fährt, bekommt eine Idee davon, warum. Warum Brok, trotz früherer Lobbyismus-Vorwürfe wegen eines Berater-Jobs bei Bertelsmann, trotz des vielerorts geäußerten Wunsches nach Erneuerung und neuen Gesichtern, so unumstritten ist. Oder: Vielleicht gibt es in Ostwestfalen auch niemand anderes?

"Gibt es bestimmt. Es gibt viele Interessierte und viele, die sich für Europa einsetzen, stark machen, gar keine Frage, aber ich glaube, die engen Beziehungen, die Kontakte, die Elmar Brok in den vielen Jahren aufgebaut hat, tun der Region richtig gut und wenn es das noch ein paar Jahre länger sein kann, dann gerne", sagt Hubert Erichlandwehr, Bürgermeister von Schloß Holte-Stukenbrock bei der Eröffnung der Konferenz in der Dokumentationsstätte STALAG. Hier befand sich einst ein Kriegsgefangenenlager der Nazis, ab 1948 dann ein Flüchtlingslager, in dem auch Broks Frau einst, nach der Flucht aus der DDR, saß.

"Elmar Brok ist ein Phänomen"

Wenig später bei der Eröffnung des 204. Hövelmarktes, freut sich die anwesende Festgesellschaft, "dass Elmar Brok zu uns gekommen ist, unser Europaabgeordneter. Und jetzt ist er auch da. War heute schon in der Senne, mit den Briten zusammen, mit der Verteidigungsministerin. Herzlich Willkommen, Elmar Brok. Wir haben in diesem Jahr auch gesagt, wir wollen eigentlich keinen Wurstebrei mehr bei uns. Aber dann hat Elmar Brok sich angemeldet, dann haben wir gesagt, dann machen wir auch Wurstebrei."

Und wenig später, eben bei Wurstebrei, einem warmen, sämigen Gemisch aus Wurst und Getreide, gibt es erneut Lobeshymnen auf Elmar Brok:

"Es gibt wohl keinen besseren, hier in der Gegend. Der Mann ist hier aus der Nachbarschaft, aus dem Nachbarort, da ist er groß geworden. Wir kennen ihn und er ist einfach nur der Wahnsinn", sagt Udo Neisens, der örtliche CDU-Fraktionsvorsitzende. Und Michael Esken, Bürgermeister von Broks Geburtsstadt Verl ergänzt:

"Also, Elmar Brok ist ein Phänomen. Ich sage immer: Das wichtigste im Leben für einen Politiker ist, man braucht die Handy-Nummer von Elmar Brok, weil ich glaube, es gibt in dieser Welt gar niemanden, der noch nicht mit Elmar Brok irgendwie zusammen war und den er nicht kennt. Und wenn man irgendwo auf der Welt mal ein Problem hat, dann ruft man Elmar Brok an, und der hilft dann. Ich würde manchmal sogar sagen: Das ist wichtiger als die Handy-Nummer der Kanzlerin zu haben."

"Muss ja noch ein Leben vor dem Tode geben"

"Das ist lieb, aber falsch."

Brok sitzt in einer Konditorei in Gütersloh. Mit den Damen am Nebentisch hat er gerade gescherzt, zur benachbarten Kirche eine kurze Anekdote erzählt. Es ist ein kurzer Stopp zwischen zwei Terminen, noch einmal Zeit für die Frage, warum er nicht loslassen kann:

"Ich sehe auch Freunde, die schöne Städtetouren machen, schön ins Theater gehen. Muss ja noch ein Leben vor dem Tode geben."

Doch Broks Leben, so scheint es, ist Europa. Ein halbes Jahr lang habe er sich geprüft, sich ärztlich untersuchen lassen. Dann war klar: Er macht weiter. Dabei war es gerade die Region Ostwestfalen, die in den letzten Wochen gezeigt hat, was passiert, wenn man die Signale nicht hört. Volker Kauder, langjähriger Unions-Fraktionsvorsitzender im Bundestag,– nach einer historischen Kampfkandidatur abgelöst von Ralph Brinkhaus aus Ostwestfalen. Brok fällt dazu ein:

"Ich schätze Ralph Brinkhaus sehr. Der war schon mal Praktikant bei mir in Brüssel, und wir haben hier sehr eng zusammengearbeitet, mein Nachfolger als Bezirksvorsitzender der CDU hier. Ich glaube, dass wir in Berlin noch viel Freude an ihm haben werden."

"Politik endet immer mit einer Niederlage"

Das Prinzip Brinkhaus, es steht aber eben auch für Erneuerung – und das weiß auch Brok:

"Politik endet immer mit einer Niederlage. Die meisten Rücktritte haben ja auch mit der Angst vor einer Niederlage zu tun. Oder Krankheit ist eine Niederlage. De Gaulle hat mal gesagt: Alter ist eine Niederlage. Und insofern gehört das zum Prozess dazu. Irgendwann erwischt es jeden, aus der einen oder anderen Lage. Das muss man, glaube ich, gelassen sehen."

Elmar Brok weiß also, was auf ihn zukommt. Die Frage bleibt nur: Wann?

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