Freitag, 20. Mai 2022

Elon Musk kauft Twitter
Geballte Meinungsmacht in Milliardärshänden

Dass der reichste Mann der Welt Eigentümer der wichtigsten Diskursarena unserer Zeit wird, sei eine gefährliche Vorstellung, kommentiert Johannes Kuhn. Wohl dem, der stattdessen auf Gesetze verweisen könne - wie die EU mit ihrem Digitale-Dienste-Gesetz.

Ein Kommentar von Johannes Kuhn | 26.04.2022

Das Twitter-Profil von Elon Musk auf einem Handy
Elo Musk kauft den Social-Media-Dienst Twitter für 44 Milliarden Dollar (picture alliance / ZUMAPRESS.com)
Elon Musk hat sich in einem Impulskauf ein neues Spielzeug geleistet. Für die anstehende Twitter-Übernahme geht der Multimilliardär sogar noch persönlich ins Risiko und beleiht einen Teil seiner Anteile am Elektroautobauer Tesla.
Die Geschäftsaussichten können es nicht sein, die ihn anlocken: Twitter ist kein Google, kein Facebook respektive Meta, nicht einmal ein SAP. Mit einem Marktwert von um die 40 Milliarden US-Dollar gehört Twitter in die Kategorie von Adidas, Danone oder Infineon.

Twitter ist die Welt der Entscheider

Der finanzielle Aspekt bildet aber nur einen Teil des Werts ab: Twitter ist eben auch dort, wo Staatsleute und Berufspolitiker, wo Medienmenschen und Fachcommunitys, politisch Interessierte und gesellschaftliche Entscheider sind. Dort werden Schlagzeilen gemacht und verbreitet, Meinungen gebildet und mit allen Mitteln verteidigt.
Musk spricht von einem digitalen Marktplatz. In Wahrheit reden wir eher vom weltgrößten Megafon. Ein Megafon, das oft denjenigen eine Stimme verleiht, die am heftigsten daran zerren oder die sich am überzeugtesten im Besitz der Wahrheit geben. Und die im Umgang mit Gegenmeinungen schlicht am rauflustigsten sind.
Elon Musk ist abgesehen von Donald Trump wahrscheinlich der Mensch, der dieses Megafon bislang am effektivsten genutzt hat. Seine Tweets bewegen die Märkte, schrauben Aktienkurse in die Höhe oder lassen Cryptowährungen abstürzen - je nachdem, welche Laune der 50-Jährige gerade hat.

Sorge, dass Hass und Beleidigung weiter eskalieren

Der reichste Mann der Welt als Eigentümer der wichtigsten Diskursarena unserer Zeit. Als Herrscher über den Raum, in dem zentrale Politik-, Wirtschafts- und Wissenschaftsdebatten stattfinden. Man muss dem überzeugten Libertären Musk keine bösen Absichten unterstellen, um diese Vorstellung gefährlich zu finden.
Entsprechend kursieren auf Twitter diverse Horrorszenarien. Aber auch Jubelarien. In den USA sehen die Trumpisten Musks vages Versprechen von "freier Meinung für alle" als Signal, auf Twitter bald wieder eine größere Bühne zu finden. Auf der anderen Seite besteht die Sorge, dass Hass und Beleidigung nun noch weiter eskalieren. Dass die latente Pressefeindlichkeit des Unternehmers und seine Allergie gegen Kritik auf Twitter durchschlägt. Oder dass autoritäre Regime den Marktzugang für Tesla als Druckmittel verwenden, um bei Twitter eben doch Zensurzusagen zu erwirken.

Neues Gesetz soll in der EU für einheitliche Plattformregeln sorgen

Wohl dem, der stattdessen auf rechtsstaatliche Gesetze verweisen darf. Die Europäische Union hat vergangenen Freitag mit dem Digitale-Dienste-Gesetz einheitliche Plattformregeln auf den Weg gebracht: Wann Hassrede gelöscht werden muss, ist darin ebenso festgelegt wie Einspruchsmöglichkeiten für Nutzer, die sich zensiert fühlen.
Auch wenn Gesetze nicht jeden Einzelfall abdecken können und es immer wieder Graubereiche geben wird: Sich auf das Verantwortungsbewusstsein der milliardenschweren Plattform-Herrscher verlassen zu müssen, wäre die deutlich schlechtere Alternative.
Johannes Kuhn
Johannes Kuhn
Johannes Kuhn, Jahrgang 1979, hat Anglistik und Germanistik in Würzburg und Jyväskylä studiert. Nach der Volontärsausbildung an der Berliner Journalisten-Schule (BJS) arbeitete er zunächst als Redakteur bei ZEIT Online in Hamburg und Berlin. Danach gut zehn Jahre für die "Süddeutsche Zeitung" (Online und Print) tätig, unter anderem zwischen 2014 und 2019 als freier Korrespondent im Westen der USA. Seit Sommer 2019 freier Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios. Schwerpunktthemen: Digitalpolitik und gesellschaftliche Digitalisierung sowie die Partei Die Linke.