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StartseiteCampus & Karriere"Elternalarm" an Mainzer Hochschulen21.11.2011

"Elternalarm" an Mainzer Hochschulen

Studierende befürchten zunehmende Infantilisierung

Die Mainzer Hochschulen luden die Eltern ihrer Studierenden ein. Sie kamen in Scharen, um an Probevorlesungen teilzunehmen oder sich Labore anzuschauen. Nicht alle Studierende waren über diesen Elternbesuch begeistert.

Von Ludger Fittkau

Blick auf das Hauptportal der Uni Mainz (Hartmann Fotodesign)
Blick auf das Hauptportal der Uni Mainz (Hartmann Fotodesign)

"Unser Sohn studiert hier, im zweiten Semester Chemie und deswegen nehmen wir die Gelegenheit wahr, um dann jetzt hier mal zu gucken."

"Ja, die ganze Anlage hier zu sehen, die Mensa, die Studienräume und Hallen, manche sind ja recht groß."

"Sie bindet uns also in die Ereignisse ein und bietet auch das eine oder andere an, habt ihr Interesse, das wird da gespielt. Wenn ihr Lust habt, seit ihr eingeladen, so nach dem Motto."

Viele hundert Eltern strömen am Wochenende zum "Elternalarm" auf den Campus der Mainzer Gutenberg-Universität. Sie müssen an einem Zelt vorbei, neben dem ein Transparent aufgespannt ist: "Wohnungsalarm". Davor ein Handkarren mit Glühwein-Flaschen, die vorbeischlendernden Eltern sind eingeladen, sich bei einem wärmenden Becher über studentische Wohnungsnot zu informieren. Claudia Troyer gehört zu der Studentengruppe, die das Kontrastprogramm zum offiziellen "Elternalarm" auf die Beine gestellt hat. Sie verteilt Handzettel, mit denen sie die Eltern zu einer "alternativen Campusführung" einlädt – als Ergänzung zum offiziellen Veranstaltungsprogramm der Uni:

"Also ich denke, von der Lehre hier kriegen sie schon eine ganze Menge mit, da gibt es sehr viele Veranstaltungen, die sehr interessant sind und die Uni repräsentieren. Aber was eben im Hintergrund der Uni passiert zum Beispiel das Tierversuchslabor oder der Frauenanteil bei Professoren, ist eben da kein Thema. Und in diese Nischen wollen wir eben rein mit der Führung."

Richard Nicolic nimmt das Flugblatt. Er hat vor 30 Jahren selbst an der Uni Mainz studiert und ist nun mit seinen Sohn Dominic, einem Jurastudenten, auf den Campus gekommen:

"Die Studenten würde ich mal gerne sehen, die überfüllten Hörsäle, von denen man immer liest."

Überfüllte Hörsäle am Wochenende? Sohn Dominic weiß, dass sein Vater beim "Elternalarm" nur wenig von Problemen des werktäglichen Unibetriebes heute mitbekommt:

"Ne, würde ich nicht sagen. Es ist ja nicht mal halb so viel los wie sonst auf dem Campus."

Der Politikstudent Frederik Wilhelmi, der die "alternative Campusführung" mitorganisiert hat, sieht die Einladung der Eltern in die Mainzer Hochschulen ohnehin mit sehr gemischten Gefühlen. Ihn erinnert das doch sehr an frühere Elternabende in der Schule:

"Also das gehört auch zu dieser zunehmenden Verschulung. Ich habe von Leuten gehört, die meinten, das wäre eine zunehmende Infantilisierung des ganzen Unisektors. Es hat diesen unangenehmen Beigeschmack von einem Elternsprechtag. Wo man doch eigentlich ganz froh ist, dass man der Schule endlich entkommen ist und jetzt selbstständig lernt und frei ist sozusagen, und dann organisiert die Uni so eine Veranstaltung, dass auf einmal die Eltern wieder eingeladen sind, dich auf dem Campus zu besuchen. Das kann ganz schön sein, aber das muss man sich auch nicht unbedingt wünschen."

Einigen Studierenden war es dann auch wohl ein bisschen peinlich, gemeinsam mit ihren Eltern über den Campus zu schlendern. Diese Mutter fühlt sich von ihrem studierenden Sohn hier toleriert - mehr nicht:

"Nicht mit großer Begeisterung. Er ist auch gar nicht mitgekommen, er ist in seinem Studentenbüdchen und wir gucken und das an. Heute Abend treffen wir uns, wir gucken uns das an, heute Abend gehen wir zusammen essen."

"Ja, ich sehe das ähnlich. Ich glaube auch, meine Mutter würde sich nicht mit mir hier in die BIB setzen oder sich hier die Uni angucken. Ich halte da ein bisschen Abstand von, es ist ein bisschen komisch."

Andere haben überhaupt keine Probleme, sich gemeinsam mit ihren Eltern am Studienort zu bewegen.

"Ja, um sich mal anzugucken, wie ich hier so wohne. Ich wohne seit einem Jahr hier in Mainz, um mal die Studienbedingungen zu sehen."

In den 1970er-Jahren, als er studierte, sei man auf eine Idee wie "Elternalarm" nicht gekommen, erzählt ein Vater. Schon deswegen, weil am Studienort oft nicht die Bedingungen dafür vorhanden waren, die Eltern mal ein Wochenende zu beherbergen:

"Dann war die Wohnung zu klein, keine Dusche. Also dieser ganze Komfort, den man eigentlich so ein bisschen schon gewohnt war, war allen nicht gegeben und da haben die Eltern gesagt, Du machst das schon."

Du machst das schon – das funktioniert heute an der Hochschule schon rechtlich dann nicht, wenn die Studierenden noch nicht volljährig sind. Das ist vor allem eine Folge von der G8 – also der verkürzten Schulzeit von acht Gymnasialjahren. Müssen den Eltern minderjähriger Studierender wie in der Schule künftig Klausurergebnisse mitgeteilt werden? Auch das ist ein Thema beim Mainzer "Elternalarm". Politikstudent Frederik Wilhelmi bereitet diese Entwicklung Unbehagen:

"Wir haben es damit zu tun, dass viel mehr Minderjährige an die Uni kommen und dementsprechend viel mehr elterliche Genehmigungen brauchen, aber das muss man sich halt auch fragen, ob das ein Zustand ist, der einem freien und selbstbestimmten Lernen an der Universität entspricht."

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