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StartseiteEine WeltElternglück - Kinderelend14.07.2007

Elternglück - Kinderelend

US-Amerikanische Paare entdecken Guatemala als Adoptionsland

Kinderlosigkeit wird ein immer größeres Problem und die Adoption damit immer attraktiver. Viele US-Bürger fliegen ins nahe Guatemala, um dort ihr Kind zu finden. Aber das Glück der Adoptiveltern verdeckt oft das Leid der leiblichen Mütter, die meist aus dem indigenen Teil der Bevölkerung stammen. Denn in Guatemala ist Adoption ein lukratives Geschäft. Ruth Reichstein berichtet.

In Guatemala ist Adoption ein lukratives Geschäft.   (AP Archiv)
In Guatemala ist Adoption ein lukratives Geschäft. (AP Archiv)
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Der Swimming-Pool des Fünf-Sterne-Luxus-Hotels Camino Real im Zentrum der Hauptstadt Guatemalas liegt geschützt vor neugierigen Blicken im Innenhof der Hotelanlage. Palmen wiegen sich im Wind, Kinder plantschen im angenehm warmen Wasser. Kellner in schwarz-roten Uniformen bringen den Gästen Cocktails und kleine Snacks

Tessy aus Houston, Texas, liegt auf einem Liegestuhl am Poolrand. Auf ihrem Bauch sitzt ein acht Monate altes, dunkelhäutiges Mädchen und spielt mit einer gelben Rassel.

Sie sei alleinstehend und habe das Mädchen gerade erst adoptiert, erzählt Tessy. Interviews sind nur mit verstecktem Mikrofon möglich, denn gegenüber Journalisten schweigt Tessy - wie alle anderen Adoptiveltern hier im Camino Real. Es sei ihre einzige Möglichkeit gewesen, überhaupt an ein Kind zu kommen, sagt Tessy. Auf natürlichem Wege habe es nicht funktioniert.

Die Frau in den Vierzigern hat es in China versucht, in Aserbeidschan, aber nirgendwo sind allein stehende Frauen als mögliche Adoptivmütter zugelassen. Guatemala macht da eine Ausnahme. Hier kann praktisch fast jeder ein Kind adoptieren - er muss nur einen entsprechenden Preis bezahlen. In der Regel liegt er zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Für die erfolgreiche Geschäftsfrau Tessy war das kein Problem.

250 Kilometer nördlich vom Luxushotel in Guatemala-Stadt liegt Chioya, ein Dorf in der Nähe der Provinzhauptstadt Cobán. Hier lebt Adela Xol-Tut mir ihrer Mutter und den neun Geschwistern. Ihr Vater ist zum Arbeiten fast immer unterwegs. Die Familie wohnt in einer einfachen Holzhütte mit Blechdach. Geschlafen wird auf dem Lehmboden. Der Mais, der um das Haus herum wächst, ernährt die Familie mehr schlecht als recht.

Adela, 29 Jahre alt, sitzt auf einer Holzbank und blickt ins Leere. Vor eineinhalb Jahren wurde sie von einem Mann aus einem Nachbardorf vergewaltigt und wurde schwanger. So fing ihr Leidensweg an, sagt die junge Frau in ihrer regionalen Maya-Sprache Q'eqchi:

"Als ich ungefähr im achten Monat schwanger war, kam der Mann, der mich vergewaltigt hatte, hierher und hat mir Hausarbeit in einem Nachbardorf angeboten. Er hat mich bedroht und mich gezwungen, mit ihm zu kommen. Ich habe in seinem Dorf nur eine Nacht verbracht. Danach haben sie mich nach Guatemala-Stadt gebracht. Und dort haben sie mich später auch operiert, um mein Kind zur Welt zu bringen. Ich habe mein Kind nie gesehen. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich wusste nicht einmal, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hatte."

Adela war in die Klauen der guatemaltekischen Adoptionsmafia geraten. In dem zentralamerikanischen Land werden Adoptionen nämlich nicht über staatliche Stellen vermittelt, sondern mithilfe von Anwälten, die sich daran eine goldene Nase verdienen - rund 200 Millionen Dollar im Jahr.

"Ein Telefon kaufen, ein Auto kaufen - das ist das gleiche. Es ist ein stinknormales Geschäft - ich gehe zu einem Anwalt, sage ihm, ich will ein Kind und er verkauft es mir. Es ist eine Transaktion und der Staat hat keine Kontrolle darüber,"

sagt Rossana de Gonzales von der "Mesa de las Adopciones", einer halbstaatlichen Organisation, die sich für strengere Kontrollen bei internationalen Adoptionen einsetzt. Die Anwälte verkaufen die Kinder meistens nicht direkt an Privatpersonen, sondern an Agenturen, die die Kinder dann weitervermitteln, häufig in die USA.

Natürlich gibt es in Guatemala auch legale Adoptionen, bei denen die Familien ihr Einverständnis geben, ohne bedroht zu werden. Aber die große Mehrheit wird gezwungen, sagt Alfredo, der seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen lieber verschweigt und der für die deutsche Entwicklungshilfe-Organisation GTZ arbeitet:

"Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Die Leute überreden die Mutter, dass ihr Kind in Amerika ein besseres Leben hat. Sie entführen das Kind oder - und das ist eine der schlimmsten Formen - die Leute zwingen die indigenen Frauen, sich in der Hauptstadt in bestimmten Restaurants zu prostituieren oder sie vergewaltigen sie. Die Frauen werden zu Sexualobjekten und das einzige Ziel ist, sie zu schwängern. Und danach sagen die Leute dann, dass sich das doch nicht gehört und versprechen der Frau, sich um ihr Kind zu kümmern."

Im Camino Real Hotel in Guatemala-Stadt ist eine ganze Etage für Adoptionsfamilien reserviert. Im Geschenk-Shop in der Hotellobby gibt es neben Kaffee und bunten Tüchern auch Babyflaschen und Windeln zu kaufen.

Die meisten Opfer sind indigene Frauen. Die Banden profitieren von ihrer schlechten Bildung. Die meistens können nicht einmal lesen und schreiben. Adela erzählt:

"Nach der Geburt haben sie mich gezwungen, fünf Blanko-Dokumente zu unterschreiben. Ich musste auch meinen Fingerabdruck darunter setzen. Sie haben mir gesagt, ich muss das machen, um mein Kind wieder zu bekommen. Sie haben mir alles mögliche versprochen. Also habe ich unterschrieben."

Aber Adela hatte Glück: Ihre Peiniger hatten sich verrechnet. Eine Unterschrift fehlte noch, um ihre Tochter ganz legal zur Adoption frei zu geben. Also tauchten die Entführer ihrer Tochter nach einigen Wochen wieder bei ihr auf:

"Sie haben gesagt: Wir wollen, dass dieses Kind in die USA kommt, aber es fehlt noch eine Unterschrift von Dir. Sie haben mir Geld angeboten. Mein Vater hat gefragt, wie viel sie mir geben würden. Sie haben gesagt: So viel Du willst, Geld ist genug da. 15.000 oder 20.000 Quetzales. Aber mein Vater hat gesagt, dass dieses Kind nicht zu verkaufen ist."

Adela kämpfte um ihre Tochter gemeinsam mit ihrer Familie und Menschenrechtsorganisationen aus Cobán. Weil ihre Unterschrift fehlte und sie den Entführern zusicherte, keine Anzeige zu erstatten, bekam sie ihre Tochter, Anna-Rosa, nach sieben Monaten zurück. Aber Menschenrechtsorganisationen zählen dauernd neue Fälle. Anna-Rosa, Yaquelin, Juan Carlos, Ana-Alicia, Herlinda ... die Liste der allein in Cobán verschwundenen Kinder ist lang.

Vor kurzem hat das Parlament in Guatemala Stadt nun die Konvention von Den Haag ratifiziert. Das UN-Abkommen regelt internationale Adoptionen weltweit und schreibt staatliche Kontrollen im Adoptionsprozess vor. 2008 soll die Konvention in Guatemala in Kraft treten. Aber Alfredo von der GTZ befürchtet, dass auch das an den grausamen Adoptionspraktiken nichts ändern wird:

"Das Problem ist, dass der Prozess am Ende völlig legal ist. Die Mütter unterschreiben Dokumente, ohne zu wissen, was sie da eigentlich unterschreiben. Sie glauben zum Beispiel, dass das eine Quittung ist, aber es sind genau die Dokumente, die die Anwälte für eine legale Adoption brauchen. Und meistens wird auf die Mutter so starker Druck ausgeübt, dass sie am Ende zu allem ja sagt. Und so erscheint die Adoption dann ganz legal."

Tessy aus Houston will von all dem nichts wissen. Sie sonnt sich am Hotel-Pool und träumt von ihrer Rückreise in die USA mit ihrer neuen Tochter. Die biologische Mutter sei mit der Adoption einverstanden gewesen, sie habe Fotos und entsprechende Dokumente gesehen, sagt die Amerikanerin. Alles andere interessiere sie nicht. Und außerdem: Angelika, ihre Adoptivtochter könne sich über ihre Adoption doch nur freuen:

"Sie wird zur Schule gehen. 60 Prozent der Mädchen hier in diesem Land können nicht zur Schule gehen, was sehr traurig ist. Sie wird also ein anderes, ein besseres Leben haben. Das wird gut für sie sein. Und sie macht mich damit so glücklich. "

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