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StartseiteInterview"Einer, der symbolisch war"28.02.2015

Emordung von Kremlkritiker Nemzow"Einer, der symbolisch war"

In Moskau ist der Kremlkritiker Boris Nemzow erschossen worden. Die russische Oppositionspolitikerin Galina Michailova sagte im DLF, Menschenrechtler in Russland rechneten damit, dass so etwas geschehen könne. Nemzow habe zuvor Todesdrohungen bekommen.

Galina Michailova im Gespräch mit Mario Dobovisek

Schwarz-Weiß-Porträt von Boris Nemzow (picture alliance / dpa/ Maksim Blinov)
Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde in Moskau unweit des Kreml erschossen. (picture alliance / dpa/ Maksim Blinov)
Weiterführende Information

Außenpolitik - "Russland ist eine Bananenrepublik"
(Deutschlandradio Kultur, Tacheles, Interview mit Boris Nemzow, 18.01.2014)

Es sei nicht ungefährlich für Oppositionelle in Russland, "das ist ja klar", sagte Galina weitere. Manche säßen im Gefängnis, andere seien ausgewandert. Es sei aber Aufgabe der Opposition und der Menschenrechtler, jetzt weiterzumachen. "Und wir machen das auch weiter", so Galina.

Wie das russische Innenministerium mitteilte, wurden in der Nacht unweit des Kreml in Moskau aus einem vorbeifahrenden Auto vier Schüsse auf den 55 Jahre alten Nemzow abgegeben. Die Hintergründe sind unklar. Der russische Präsident Wladimir Putin verurteilte die Tat und erklärte, der Hergang deute auf einen Auftragsmord hin. US-Präsident Barack Obama sagte, Nemzow sei ein unermüdlicher Anwalt seines Landes gewesen, der mutig gegen Korruption gekämpft habe. Er forderte Moskau zu transparenten Ermittlungen auf. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ ihren Regierungssprecher mitteilen, sie sei "bestürzt über die hinterhältige Ermordung".Frankreichs Präsident Hollande verurteilte die Tat und würdigte Nemzow als Verteidiger der Demokratie.

Nemzow gehörte zu den prominentesten Gegnern Putins. Er kritisierte die Regierung als ineffizient und die Behörden als korrupt. In einem Interview wenige Stunden vor seiner Ermordung warf er Putin vor, Russland mit seiner "verrückten, aggressiven und tödlichen Politik des Krieges gegen die Ukraine" in die Krise gestürzt zu haben. Ende der 90er-Jahre war Nemzow unter dem damaligen Präsidenten Jelzin stellvertretender Ministerpräsident Russlands.

Das Interview in voller Länge:



Mario Dobovisek: Knapp drei Stunden vor seiner Ermordung hat sich Boris Nemzow ein letztes Mal mit scharfer Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin zu Wort gemeldet. Das gestrige Interview mit dem Radiosender Moskauer Echo, in dem Nemzow Putins Ukraine-Politik heftig verurteilte, wird zu seinem politischen Testament. 45 Minuten lang entwarf der prominente Oppositionelle darin seine Vorschläge, um Russland zu verändern, wie er sagte. In Moskau wurde er am Abend erschossen, mit mehreren Schüssen aus einem fahrenden Wagen heraus. Die Ermittler gehen derzeit von einem Auftragsmord aus. Am Telefon begrüße ich die russische Oppositionspolitikerin Galina Michailova. Guten Morgen, Frau Michailova!

Galina Michailova: Guten Morgen!

Dobovisek: Boris Nemzow ist tot. Gehen Sie von einem politischen Mord aus?

Michailova: Das kann man nie sagen. Bloß - ich habe ihn übrigens vorgestern gesehen, mit ihm auch kurz gesprochen, da sah er lustig und munter aus, hatte auch Putin scharf kritisiert, aber nicht der Einzige, der Putin scharf kritisiert. Was wir wissen aber, dass er schon Drohungen bekommen hat von unterschiedlichen Seiten. Und wir können hier natürlich nicht sagen, ob das ein Auftrag war, ob der Mord aus politischen Gründen passiert ist. Aber diese Zusammenhänge sind schon irgendwie bedrohlich auch. Weil wir wissen, früher gab es mehrere Fälle mit den Journalisten Politkowskaja oder Chordow [unverständlich, Anm. d. Red.] oder Menschenrechtlern wie Estimirowa. Und wir haben bis jetzt nicht erfahren, wer das gemacht hat oder wer dann die Aufträge gegeben hat.

"Er war symbolisch - besonders für die Jelzin-Zeit"

Dobovisek: Sie selbst sind in der Opposition aktiv. Haben Sie Angst?

Michailova: Wissen Sie, wenn wir in unserem Land dann irgendetwas machen, als Menschenrechtler, als Journalisten, als Politiker, rechnen wir damit, dass es passieren kann. Es passiert nicht unbedingt, aber es ist nicht ungefährlich, das ist ja klar. Entweder landest du im Gefängnis oder, wie zum Beispiel bei uns, in unserer Partei, gibt es mehrere Gefangene, und die Liste der politischen Gefangenen wird immer länger, und zum Beispiel Jewgenij Vikischka, der jetzt im Gefängnis sitzt. Manche haben sich schon auf den Weg gemacht, sind ausgewandert, sind politische Aussiedler sozusagen, die um politisches Asyl irgendwo gebeten haben, in Europa oder sogar in der Ukraine. Aber das ist ja unsere Aufgabe, weiterzumachen. Und wir machen das auch weiter. Heute zum Beispiel organisiert unsere Partei Mahnwachen gegen den Krieg, und die anderen machen auch was.

Dobovisek: Wie wichtig war Boris Nemzow für die russische Opposition insgesamt?

Michailova: Ja, der war bekannter, er war eigentlich einer, der auch in den Medien war, der auch symbolisch war, besonders für die Jelzin-Zeit. Unter Jelzin war er unter der Führung des Landes, war Minister und Vizepremierminister. Und dann später, als die Politik sich geändert hat, ist er zu einem Oppositionellen geworden in einer demokratischen oppositionellen Partei.

Dobovisek: Sie haben die Mahnwachen erwähnt. Was bedeutet sein Tod zum Beispiel auch für die morgen geplanten Demonstrationen gegen die Ukraine-Politik des Kremls?

Michailova: Das ist keine Demonstration gegen die Ukraine-Politik, das ist der sogenannte Anti-Krisen-Marsch, Antikrisen-Demo am Rande von Moskau. Und nicht alle waren der Meinung, dass man am Rande von Moskau marschieren soll, und deswegen haben wir gesagt, Antikriegspolitik ist wichtiger und wir machen das anders. Ich meine jetzt meine Partei. Die anderen gehen ja und marschieren.

"Wir sind im Krieg"

Dobovisek: Krise sagen Sie - wie groß ist die Krise, in der sich Russland befindet?

Michailova: Die ist groß und wird noch größer, weil ja auch die Sanktionen gegen - gegen uns sozusagen -, die Regierung hat ja die Gegensanktionen erklärt, und das hat zusammen mit den Ölpreisen dazu geführt, dass viele Lebensmittel viel teurer geworden sind. Einige Gruppen der Bevölkerung haben ihre Rechte verloren, zum Beispiel auszureisen. Die Polizisten, die Richter und die anderen. Und außerdem kommen immer wieder die Nachrichten, die von der Regierung verheimlicht werden, dass die Toten, die russischen Soldaten oder Freiwilligen in Särgen aus der Ukraine kommen. Wir sind im Krieg, und die Krise wird mit diesem Krieg immer tiefer.

Dobovisek: Die russische Oppositionelle Galina Michailova über den Tod des Kreml-Kritikers Boris Nemzow, hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank für das Interview!

Michailova: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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