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StartseiteKommentare und Themen der WocheMerkel - gewaltig besorgt und gewaltig machtlos30.09.2020

Emotionaler Coronaappell der Kanzlerin Merkel - gewaltig besorgt und gewaltig machtlos

Die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu den Coronamaßnahmen habe gezeigt, dass ihr außer einem dramatischen Appell nicht mehr viel bleibe, kommentiert Frank Capellan. Im Bundestag kippe die Bereitschaft, ihr ohne Wenn und Aber zu folgen.

Von Frank Capellan

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) während der Generaldebatte über den Bundeshaushalt am 30. September 2020 im Bundestag in Berlin (dpa / NurPhoto /  Achille Abboud)
Wenn es ernst wurde, haben Angela Merkels Appelle bisher stets gefruchtet – je emotionaler, desto besser, meint Frank Capellan (dpa / NurPhoto / Achille Abboud)
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Persönlich, empathisch, emotional – nur ganz selten erleben wir im Deutschen Bundestag eine solche Kanzlerin. Auch heute hat sie erst einmal die nüchterne Analyse vorgezogen. Angela Merkel hat die Milliardenausgaben gegen die Coronakrise verteidigt, sie hat die europäische Solidarität in Zeiten des wachsenden Nationalismus beschworen, ohne Polen und Ungarn beim Namen zu nennen, sie hat die Flüchtlingsfrage als "Bürde für die Europäische Union" ausgemacht, ohne Tacheles zu reden. Präsidial und staatsmännisch – ganz Merkel eben.

Im Bundestag kippt die Bereitschaft, ihr zu folgen

Zum Ende aber hat sie das Parlament zu einem Appell an uns Deutsche genutzt, der unterstreicht, wie ernst es aus ihrer Sicht in den kommenden Monaten werden könnte. Was für eine Freude werde das sein, wenn irgendwann Klubs und Stadien wieder voll sein könnte, wie sehr vermisse sie persönliche, spontane Begegnungen, wie gut könne sie verstehen, dass gerade Jugendliche Corona am liebsten vergessen würden. Aber: "Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben". Diese Worte zeigen zweierlei: Die Kanzlerin sorgt sich gewaltig, und sie ist gewaltig machtlos. Außer dem dramatischen Appell, es nicht so weit kommen zu lassen, dass wieder Menschen mutterseelenallein in Krankenhaus oder Pflegeheim sterben müssten, bleibt ihr nur wenig.

Einheitliche, schärfere Regeln etwa zum Maskentragen in Schulen oder auf öffentlichen Plätzen vermag sie gegen die Länder nicht mehr durchzusetzen, den Versuch, den Bürgern bei Feiern in den eigenen vier Wänden hereinzureden, hat sie erst gar nicht mehr unternommen: Mehr als die dringliche Empfehlung, es doch bitte bei zehn oder 25 Gästen zu belassen, bleibt ihr nicht. Denn auch im Bundestag kippt die Bereitschaft, ihr ohne Wenn und Aber zu folgen. FDP-Chef Lindner mahnt die Abkehr von Sonderverordnungen an und mit Blick auf den Haushalt wird immer lauter gefragt: Wer soll das alles bezahlen?

Je emotionaler, desto besser

Da allerdings steht Finanzminister Olaf Scholz im Mittelpunkt. Er eröffnete den Wahlkampf schon mit dem Herausholen der Bazooka, gestern zeigte er den eigenen Genossen beim Einbringen des Etats, was eine Harke ist, heute lobt ihn SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich als den richtigen Kanzler für Deutschland. Dass sein Haushalt viele ungedeckte Checks enthält, könnte aber auch auf die Union zurückfallen.

Angela Merkel aber hat mit all dem am Ende nicht mehr viel zu tun. Sie verfolgte den Wahlkampfauftakt im Bundestag mit Gelassenheit. Für sie ist mit Blick auf ihr politisches Erbe vor allem wichtig, dass sie Corona im Griff behält – und da könnte ihre Rechnung durchaus aufgehen: In der Bevölkerung ist die Kanzlerin beliebt wie nie, und wenn es ernst wurde, haben ihre Appelle bisher stets gefruchtet – je emotionaler, desto besser!

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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