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StartseiteKalenderblattEnde der holländischen Herrschaft04.10.2005

Ende der holländischen Herrschaft

1830 proklamierte Belgiens Regierung die Unabhängigkeit

Seit Anfang des Jahres feiert Belgien 175 Jahre Unabhängigkeit. 1830 wurde auf dem Balkon des Brüsseler Rathauses die Flagge des neuen Staates gehisst und die neue Nationalhymne gespielt. So endeten 15 Jahre holländische Herrschaft und sechs Wochen kriegerische Auseinandersetzungen.

Von Sven-Claude Bettinger

Belgien feiert 175 Jahre Unabhängigkeit - unter anderem mit dieser Comic-Ausstellung in Brüssel. (AP Archiv)
Belgien feiert 175 Jahre Unabhängigkeit - unter anderem mit dieser Comic-Ausstellung in Brüssel. (AP Archiv)

Am Morgen des 4. Oktober 1830 treten zehn Männer in Frack und Zylinder auf den Balkon des Brüsseler Rathauses. Zum Geläut der Großen Glocke der Kathedrale verkündet der Vorsitzende dieser Provisorischen Regierung:

"Die Provinzen Belgiens haben sich mit Waffengewalt von Holland befreit und bilden einen unabhängigen Staat."

Feierlich wird am Balkon die Flagge des neuen Staates gehisst, eine schwarz-gold-rote Tricolore. Auf der Grand Place erschallen Rufe:

"Wir sind Belgier, keine Präfektur!"

Dann erklingt die neue Nationalhymne, die "Brabanconne", in der das Ende der Verträge und Pakte und des Hauses Oranien-Nassau besungen wird. So enden 15 Jahre holländische Herrschaft und sechs Wochen kriegerische Auseinandersetzungen.

Der Wiener Kongress hatte 1815 Belgien, bis dahin Teil Frankreichs, den Niederlanden zugesprochen. König des neuen Staatsgebildes wurde Willem I. von Oranien. Der ältere, verbitterte Mann war noch ein Vertreter des "Ancien Régime". Er sah sich als absoluten Herrscher:

"Ich bin der König der Niederlande. Ich kenne meine Rechte und Pflichten. Bei mir gibt es keine Komités, keine selbständig handelnden Minister, kein souveränes Volk!"

Die neue Verfassung, die Willem I. diktierte, gefiel der belgischen Elite nicht. Aus dem Gemurre einiger Intellektueller, die zum Teil ins Exil gegangen waren, wurde eine Protestbewegung. Willem I. benachteiligte nämlich zusehends die Katholiken. Er versuchte auch, Niederländisch als einzige offizielle Sprache durchzusetzen. Belgiens Katholiken und Liberale verbündeten sich und forderten vom Staatsoberhaupt Reformen. Die Antwort des Monarchen lautete:

"Jedes Entgegenkommen steht im Widerspruch zur Würde des Königs."

Im Juli 1830 bricht in Paris die Revolution aus. Der letzte Bourbonen-König wird verjagt, der Bürgerkönig Louis-Philippe zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Auch in Brüssel kommt es zu Unruhen. Ende August steht auf dem Spielplan des "Théâtre Royal de la Monnaie" Aubers Oper "Die Stumme von Portici". Sie schildert den Aufstand der Napolitaner gegen ihren König.

Als die Arie "Heiliges, geliebtes Vaterland" erklingt, stürmen die Bürger aus dem Opernhaus. Sie reißen die Milizen mit, die auf den Straßen patrouillieren und greifen die Gebäude einer regierungsfreundlichen Zeitung, der Staatsanwaltschaft, der holländischen Minister an. Die holländischen Truppen schreiten nicht ein. Anderntags schickt König Willem seine beiden Söhne zu Sondierungsgesprächen nach Brüssel. Die Forderungen der Aufständischen sind klar:

"Wir verlangen die völlige Änderung des Systems. Teilen Sie ein Land, dessen Interessen, Sitten, Sprachen, Religionen nie und nimmer miteinander verschmelzen werden!"

Die Prinzen kehren nach Den Haag zurück. Dabei machen sie einen schweren strategischen Fehler: Sie ziehen die holländischen Truppen aus Brüssel ab. König Willem zaudert und beraumt ein Treffen mit einer belgischen Delegation an. Es verläuft ergebnislos. Unterdessen wächst in Brüssel und den anderen belgischen Städten der Widerstand. Ende September fasst Willem I. den Entschluss, militärisch einzugreifen:

"Ich hasse Blutvergießen, aber wenn ich nachgebe, werde ich zum Gespött ganz Europas."

12.000 Soldaten marschieren nach Brüssel. Sie besetzen den Park vor dem Schloss. Weiter kommen sie nicht. Denn die Belgier sind besser bewaffnet und organisiert und entschlossener als man in Den Haag gedacht hat. Nach drei Tagen Kampf ziehen sich die holländischen Truppen bei Nacht und Nebel zurück. Am 26. September bilden die Führer der Aufständischen eine Provisorische Regierung. Sie wird von Frankreich und England stillschweigend anerkannt. Der englische Gesandte in Brüssel schreibt nach London:

"Die Angelegenheit betrifft ausschließlich die Belgier und Holländer. Von Tag zu Tag nimmt die Begeisterung der Belgier zu."

Nach Brüssel werden die Holländer aus fast allen Provinzstädten verjagt. So kann die Provisorische Regierung am 4. Oktober 1830 die Unabhängigkeit proklamieren.

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