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StartseiteKalenderblattEnde der Kumpanei mit dem Kapital04.05.2010

Ende der Kumpanei mit dem Kapital

Vor 20 Jahren: IG Metall und Arbeitgebervertreter beschließen die 35-Stunden-Woche

"Das Kapital ist verstorbene Arbeit", schrieb Karl Marx. Dem folgend, waren die Kämpfe der Arbeiterbewegung Arbeitszeitkämpfe. Vor 20 Jahren erzielten die Gewerkschaften dabei den bisher letzten großen Durchbruch.

Von Martin Hartwig

Ein Beschäftigter während eines Warnstreiks der IG Metall  (AP)
Ein Beschäftigter während eines Warnstreiks der IG Metall (AP)

"Die Grenzen verlaufen noch immer, wie früher, zwischen Kapital und Arbeit."

Franz Steinkühler, Vorsitzender der IG Metall, der damals größten Einzelgewerkschaft der Welt, schlug bei der traditionellen Großkundgebung zum Tag der Arbeit am 1. Mai 1988 ausgesprochen klassenkämpferische Töne an. Seine Organisation nahm Anlauf, um in den nächsten Tarifverhandlungen eines der Jahrhundertziele der Gewerkschaften durchsetzen.

"Die 35-Stunden-Woche wird kommen, und zwar auch mit vollem Lohnausgleich."

1977 hatte die IG-Metall das erste Mal die 35-Stunden Woche gefordert, ein utopisch anmutendes Ziel, denn die Unternehmer hatten zu dieser Zeit alles daran gesetzt, auf keinen Fall unter die symbolische Marke von 40 Stunden zu rutschen. 1984, nach einem der längsten und härtesten Arbeitskämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik, war sie schließlich gefallen. Für die Gewerkschaften war die 35-Stunden-Woche nun der nächste logische Schritt. Das Unternehmerlager sah dies natürlich anders:

"Es gibt nicht einen vernünftigen Grund, im Jahre 1990 über Arbeitszeitverkürzung in der Metall- und Elektroindustrie zu verhandeln."

Erklärte Werner Stumpfe, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, als die IG-Metall die entsprechende Forderung für die Tarifrunde 1990 auf den Tisch gelegt hatte. Die Unternehmer führten den verschärften internationalen Wettbewerb und die ohnehin schon kurzen Arbeitszeiten ins Feld. Weitere Arbeitszeitverkürzung würde, so die Verbände, nur zur Abwanderung von Firmen und letztlich dem Verlust von Arbeitsplätzen führen. Gestützt wurde diese Argumentation von der damaligen Bundesregierung. Bundeskanzler Kohl hatte Forderungen nach Arbeitszeitverkürzungen schon 1984 als "dumm und töricht" bezeichnet, sein Wirtschaftsminister Helmut Hausmann, seit 1988 im Amt, erklärte kurz und bündig:

"Pauschale weitere Arbeitszeitverkürzungen sind unverantwortlich."

Selbst die SPD stand nicht uneingeschränkt hinter den Gewerkschaften. So hatte ihr Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine vorgeschlagen, dass Angestellte mit mittleren und hohen Einkommen bei weiteren Arbeitszeitverkürzungen auf den Lohnausgleich verzichten sollten, um mit dem gesparten Geld zum Beispiel im öffentlichen Dienst mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Das brachte ihm teilweise wütende Kritik ein. Franz Steinkühler:

"Wir werden auch dafür kämpfen müssen. Wie in der Vergangenheit, und wir werden dafür besser kämpfen können, wenn uns vermeintliche Freunde nicht weiter in die Quere kommen. Mit der Propagierung des partiellen Lohnverzichts und mit der Diffamierung des vollen Lohnausgleichs. Solche Parolen dienen nicht der Solidarität mit den Arbeitslosen, sondern nützen der Kumpanei mit dem Kapital."

Trotz solcher markigen Worte, zeigte sich die deutsche Öffentlichkeit insgesamt weniger solidarisch und interessiert als in den Jahren zuvor. Die Arbeitstage waren eben nicht mehr unzumutbar lang und an den Samstagen gehörten die meisten Väter längst ihren Kindern. Auch das wirtschaftspolitische Hauptargument der Gewerkschaften, dass weitere Arbeitszeitverkürzungen neue Arbeitsplätze schaffen würden, fand wenig Gehör. Was dennoch für die Gewerkschaften sprach, war die Tatsache, dass die Auftragsbücher der Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie prall gefüllt waren und zudem der neue Markt in Ostdeutschland lockte. Vor allem deshalb kam es, entgegen aller Ankündigungen, zu keiner großen Schlacht im Tarifgebiet Nordwürttemberg/Nordbaden, das die Gewerkschaft als Schauplatz der Auseinandersetzung gewählt hatte. Im Gegenteil, man einigte sich recht schnell am Verhandlungstisch und am Morgen des 4. Mai 1990 konnte der RIAS berichten.

"Die Einigung sieht so aus, um gleich das Wichtigste vorneweg zu sagen, dass der Weg zur 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie seit heute morgen frei ist. Sie soll eingeführt werden in zwei Etappen. Ab dem 1. April 1993 wird nur noch 36 Stunden gearbeitet und ab dem 1. Oktober 1995 wird dann die 35-Stunden-Woche endgültig eingeführt."

Das war der Durchbruch. Zum Modell für die Gesamtwirtschaft wurde der Abschluss allerdings nicht. Bis heute ist die 35-Stunden-Woche nur in fünf Branchen in Tarifverträgen fixiert und das auch nur in den alten Bundesländern. Es sieht so aus, als sei der historische Kampf der Gewerkschaften um die Verkürzung der Arbeitszeit - zumindest bis auf Weiteres - zum Erliegen gekommen.

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