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StartseiteCorsoDieter Kosslicks Berlinale-Finale05.02.2019

Ende einer ÄraDieter Kosslicks Berlinale-Finale

Dieter Kosslick hat eine Achterbahnfahrt hingelegt: 2002 war er als neuer Leiter der Berlinale der große Hoffnungsträger und sollte das größte deutsche Filmfestival reformieren. Jetzt tritt der Mann mit dem Schal ab - nicht ohne kritische Stimmen an seinem Wirken. Ein Rückblick auf eine Ära.

Von Sigrid Fischer

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Dieter Kosslick steht vor einem Werbeplakat des Festivals und winkt freundlich in die Kamera. (Jörg Carstensen/dpa)
Dieter Kosslik - zum letzten Mal ist er der Festivalleiter der Berlinale (Jörg Carstensen/dpa)
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"The first Silver Bear goes to Wojciech Staron."
"The Jury Grand Prix goes to 'The Turin Horse'"
"Die Jury verleiht den Goldenen Bären an 'La teta asustada'."

Bärengewinner aus der Ära Kosslick. Die ganz großen Namen sind selten dabei, denn die Berlinale stellt in ihrem Programm vor allem den Teil des Weltkinos aus, der auf den internationalen Filmmärkten und in der öffentlichen Wahrnehmung eine eher kleine Rolle spielt.

Christoph Waltz: "Die Berlinale ist ein Festival, das sich - möglicherweise sag' ich, ich weiß nicht genau - aber möglicherweise weiter ins Unbekannte hinauswagt als Cannes. Das Essen, glaub ich, ist in Cannes besser."

Christoph Waltz drückt’s ironisch aus: Der Vergleich mit den Franzosen - und auch mit Venedig - lastet auf der Berlinale wie ein Fluch, und das schon von Anfang an. Kritiker vermissen die "Augenhöhe" mit den beiden. Und übersehen, dass alle A-Festivals lobbygetrieben sind, auf die Stars schielen und aus Kalkül künstlerisch indiskutable Filme ins Programm hieven. Nur: In Venedig fallen im Herbst die begehrten Oscarkandidaten quasi vom Himmel, im Frühjahr an die Côte d‘Azur wollen sowieso alle. Deutschland hat’s schwerer so kurz vor der Oscarverleihung. Für Regisseur Christian Petzold muss das kein Manko sein: "Es muss Wettbewerb und roter Teppich und Glamour und sowas geben. Aber gleichzeitig, finde ich, ist das auch ein Ort der Kinobildung."

Politische Berlinale

Dieter Kosslicks Berlinale ist vor allem eine politische. Er nimmt auch selbst kein Blatt vor den Mund. Auf die Kritik des israelischen Premiers Netanjahu, die Berlinale unterstütze den BDS, erwiderte er letzte Woche: "Ich kann mir vorstellen, dass er die Filme nicht mag, die wir spielen. Aber ich meine, das interessiert uns eigentlich nicht so sehr. Er macht ja auch Sachen, die wir nicht mögen."

Und zur Vorführung des Films "Geheimarchiv des Warschauer Ghettos" will er nächsten Sonntag Freikarten an alle AFD-Mitglieder verteilen: "Ich hoffe, dass möglichst viele dieser Partei diesen Film mal angucken. Und wenn sie dann noch sagen, das ist ein Fliegenschiss, dann sollte vielleicht jemand anders einschreiten als die Filmemacher." So tickt er, der Dieter Kosslick.

Anke Engelke: "The Godfather of the Berlinale."
Klaus Wowereit: "Mister Berlinale."
Charlotte Roche: "The Mastermind of the Berlinale."

Auf Tuchfühlung

Bei "Dieter" fühlen sich alle wohl. Er ist mit jedem auf Tuchfühlung und gut vernetzt in der Branche. Für seine Kritiker könnte er den Blick bei der Filmauswahl etwas mehr auf die künstlerischen und ästhetischen Kriterien lenken statt auf die Missstände der Welt. Und ein paar Pointen weglassen.

Dieter Kosslick: "Lars von Trier ... I don‘t know ... ich weiß nicht, ob er einen dog hat, einen Hund hat."
Anke Engelke: "Das weiß ich auch nicht, Dieter."
Dieter Kosslick: "Aber wenn er einen hätte, was würdest Du raten, wie er dann heißen würde, Lars von Triers Hund? Dog ma." 

Dieter Kosslick kam 2001 als der ersehnte Erneuerer nach Berlin: Endlich weniger Hollywood, mehr künstlerisches Wagnis, mehr Platz für den Nachwuchs und für deutsche Filme, so die Hoffnung damals. Ihm selbst war gleich nach der Ernennung klar, dass Unmögliches von ihm erwartet wurde: "Dass es im Februar warm ist, dass diese Filme, die sie alle toll finden, natürlich keine Filme sind, die alle Leute toll finden können."

Weibliche Berlinale

Genau wie bei Vorgänger Moritz de Hadeln wuchs irgendwann die Unzufriedenheit. Dabei hat er in 18 Jahren viele der Erwartungen erfüllt, außerdem mehr Frauen ins Programm geholt. Auch dieses Jahr ist die Spanierin Isabel Coixet wieder dabei.

Die spanische Regisseurin Isabel Coixet (dpa / picture alliance / Claudio Onorati)Die spanische Regisseurin Isabel Coixet (dpa / picture alliance / Claudio Onorati)

Isabel Coixet: "Auf diesem Festival gibt es mehr Regisseurinnen als auf irgendeinem anderen in der Welt. Mein erster Film lief hier, das war der Anfang meiner Karriere. Die verdanke ich Berlin. Das sind Fakten, das ist nicht #MeToo, schwarzer Teppich oder sowas."

Gleichzeitig ist das Programm mit 400 Filmen in zig Reihen etwas beliebig geworden, das ist Masse statt Klasse. Dafür haben so viele "normale Kinogänger" Zugang wie sonst nirgends. Die Künstler mögen das. Isabel Coixet zum Beispiel: "Der Kontakt zum Publikum in Berlin ist entscheidend, man dreht seine Filme doch nicht für Verleiher oder Händler oder Festivals, sondern fürs Publikum. Die interessantesten Frage-Antwort-Runden hatte ich in Berlin, nicht in Cannes."

Ambivalente Berlinale

Monika Grütters präsentiert am 22.6.2018 die neue Berlinale-Doppelspitze: Marietta Rissenbeek und Carlo Chatrian. Alle drei blicken lachend in die Kamera. (Christoph Soeder/dpa)Monika Grütters präsentiert am 22.6.2018 die neue Berlinale-Doppelspitze: Marietta Rissenbeek und Carlo Chatrian (Christoph Soeder/dpa)

Die Ambivalenz gegenüber der Berlinale wird bleiben. Carlo Chatrian muss ab nächstem Jahr den gleichen Spagat bewältigen zwischen Feuilleton und Boulevard, zwischen Markt, Mainstream und Kunstkino. Und wird damit vielleicht bald genauso kritisiert - wie Dieter Kosslick. Von den einen. Die anderen werden sie weiter lieben, IHRE Berlinale. Sandra Hüller - dieses Jahr in der Jury - und Tom Tykwer sind da nicht die einzigen.

Sandra Hüller: "Ich hab' die Berlinale nie als ein kompliziertes oder dysfunktionales Festival wahrgenommen. Mich hat das, ehrlich gesagt, ziemlich irritiert, dass das so gesehen wird. Weil ich hier immer sehr glücklich war."

Tom Tykwer: "Ich kenne überhaupt keinen, der sich nicht danach sehnt, wenn der Februar losgeht und das eisige Wetter auf uns niederprasselt und man schon seit Monaten denkt: 'Mein Gott, Berlin ist auch ganz schön hart...' dass endlich die Berlinale anfängt."

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