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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageDie letzten Tage der "Lindenstraße"20.03.2020

Ende einer Kult-SerieDie letzten Tage der "Lindenstraße"

Am 29. März läuft in der ARD die finale Folge der "Lindenstraße". Schon vor Weihnachten fiel die letzte Klappe in Köln. Jakob Schmidt begleitet das Team an einem der emotionalen letzten Aufnahmetage. Wie fühlt sich Abschiednehmen an, wenn der Drehplan bis zum Schluss volle Konzentration verlangt?

Von Jakob Schmidt

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Strassenschild der Lindenstrasse beim Fototermin im Studio der Lindenstrasse zum 25. jaehrigen Jubilaeum der Sendung (dpa / Mika Schmidt)
Nach 1758 Folgen das Aus für die Lindenstraße (dpa / Mika Schmidt)
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"Aus, Danke. Vielen Dank. Lasst es uns noch mal machen!", krächzt es aus dem Deckenlautsprecher. Was wir da hören ist die Stimme von Regisseur Herwig Fischer, der gerade eine der ersten Szenen, die für heute auf dem Drehplan stehen, auf einem kleinen Monitor verfolgt hat. Die Serie "Lindenstraße" spielt zwar in München, sie entsteht aber ausschließlich hier, auf dem Gelände des WDR in Köln.

Die Kulissen erinnern an die Ausstellungsbereiche großer Möbelhäuser: Liebevoll eingerichtete Wohnzimmer, Küchen, Flure – aber alle Zimmer haben höchsten drei Wände und sind mindestens an einer Seite offen. Wenn man das jedoch für einen Moment ausblendet, fühlt es sich an wie ein Ausflug mitten in eine deutsche Durchschnittswohnung.

Szene aus einem deutschen Durchschnittshaushalt (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)Szene aus einem deutschen Durchschnittshaushalt (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)

Ehrliches Erzählen

"Wir haben 'Lindenstraße' immer gedreht, weil wir den Eindruck hatten, dass wir etwas Relevantes getan haben. Aufrichtig, ehrlich vom Leben der Menschen zu erzählen, auch wenn es manchmal sperrig, dröge oder unspektakulär ist. Die 'Lindenstraße', gerade in ihrer schweren deutschen Drögheit, das war etwas Besonderes", sagt Regisseur Herwig Fischer. Knapp 20 Jahre arbeitet er für die Serie, hat mit Abstand die meisten Folgen gedreht.

"Die 'Lindenstraße' ist politisch, sie ist soziologisch und sie beansprucht den kompletten Lebenszusammenhang von Figuren und von Menschen widerzuspiegeln. So etwas ist einmalig!"

In den letzten Jahren habe sich das Format aber zu sehr gewandelt, um sich an einen vermeintlich geänderten Massengeschmack anzupassen: "Es wurde versucht, dem Zuschauerschwund entgegen zu wirken, indem man Genreelemente mit reingenommen hat wie Krimis, was sich, finde ich, nicht zu Gunsten der 'Lindenstraße' ausgewirkt hat. Da fehlte manchmal die Konsequenz und der Mut, sich wieder zu den alten Stärken zurückzubesinnen."

Der Schauspieler Moritz Sachs (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)Der Schauspieler Moritz Sachs (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)

Erinnerungen aus Jahrzehnten

Für viele aus dem Team geht mit der Absetzung der "Lindenstraße" mehr als nur ihr Arbeitsplatz verloren. Kaum einen betrifft das so sehr wie Moritz Sachs. Der Schauspieler ist gerade mit dem Fahrrad am Drehort angekommen, wartet auf seinen Einsatz in der nächsten Szene: "Ich bin seit fast 35 Jahren hier. Ich kann mich nicht mal erinnern, dass es die 'Lindenstraße' nicht gab."

Seit der ersten Folge, da war er gerade sieben Jahre alt, spielt er die Rolle des Klaus Beimer: "Man stelle sich vor, man hätte viele, viele gute Freunde, 30 bis 100 Stück, die man schon aus der ersten Klasse kennt. Die Weihnachten mit einem gefeiert haben, Silvester, die Schulzeit mit einem verbracht haben, mitbekommen haben, wie man sich das erste Mal verliebt hat. Nöte erlebt hat. Und wenn das geht, gleichzeitig mit einem langjährigen Arbeitsplatz, das macht einen traurig."

Bei aller Trauer freut er sich aber auch auf die Zukunft ohne diesen Klotz am Bein, denn das war die Serie auch manchmal, findet der Schauspieler.

Galerie der Lindenstraße: Für viele Schauspieler ist die Lindenstraße mehr als ein Job (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)Galerie der Lindenstraße: Für viele Schauspieler ist die Lindenstraße mehr als ein Job (Deutschlandradio / Jakob Schmidt)

Eine enge Verbindung zwischen Realität und Fiktion

In der Außenkulisse ist ein kompletter Straßenzug aufgebaut, inklusive Café, Friseursalon und griechischem Restaurant, dem "Akropolis". Regisseur Fischer weist mehrere Dutzend Komparsen ein, die für die nächste Szene benötigt werden. Viele von ihnen sind eigentlich Fans – und dankbar, bei den letzten Drehtagen mitwirken zu dürfen.

In der Szene, deren Doppeldeutigkeit durchaus beabsichtigt ist, demonstrieren die Komparsen gegen die Fällung eines Lindenbaums und skandieren im Chor: "Gegen die Entwurzelung, gegen die Entwurzelung!" Unter ihnen ist Liane Rother. Ihr spricht diese Szene aus dem Herzen: "Eine riesen Katastrophe, dass man diese fantastische Serie einstellt. Die 'Lindenstraße' ist mehr als nur eine Fernsehserie!", sagt sie. "Ich bin vor 18 Jahren wegen der 'Lindenstraße' nach Köln gekommen. Ich wollte immer in der Nähe sein. Wenn es mir mal schlecht ging, habe ich versucht, hier eine Komparsenrolle zu bekommen."

Auch ihren Mann habe sie über die gemeinsame Leidenschaft kennengelernt: "Es gab Zeitungsberichte über ihn – der verrückte Fan, der nur in deutschsprachige Länder fährt mit seinem Videorekorder, um die 'Lindenstraße' aufnehmen zu können. Da dachte ich: Der hat einen Knall. Aber genauso einer würde zu mir passen."

Ein polarisierendes Format

Die "Lindenstraße" hat noch immer viele Fans und Unterstützer, die in der Absetzung der Serie einen Teiluntergang des deutschen Fernsehens sehen. Sie ist aber auch ein Format, das wir kaum ein anderes polarisiert. Kritiker werfen den Macherinnen und Machern vor, der Blick auf die deutsche Realität sei häufig klischeebehaftet, der erhobene didaktische Zeigefinger nicht zeitgemäß, weshalb die Kultserie nun endlich Platz für Neues machen müsse.

Die Fernsehkritikerin und Kuratorin Klaudia Wick sieht das anders. Für die Berliner Kinemathek hat sie die Ausstellung "Leben, sterben, Hochzeit feiern — Die Lindenstraße in der Mediathek Fernsehen" zusammengestellt, die die Serie im Kontext bundesdeutscher Geschichte darstellt.

Mit einer gewissen Wehmut stellt sie fest: "Ich halte die Absetzung für einen Fehler, weil ich glaube, dass vom Fernsehen in der digitalen Disruption vieles nicht übrigbleiben wird. Und bei manchem davon werden wir uns mit Wehmut daran erinnern, dass wir es abgeschafft haben. Dazu gehört auf jeden Fall auch die Lindenstraße."

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