Dienstag, 05. Juli 2022

Schulen ohne Tests und Maskenpflicht
Freie Bahn dem Virus

In Schulen der meisten Bundesländer fallen Masken- und Testpflicht weg oder sind bereits abgeschafft. Nun könnten Infektionen viele Klausuren und Prüfungen für die Schulabschlüsse verhageln, kommentiert Armin Himmelrath. Es sollte den Schulen vor Ort überlassen bleiben, wie sie mit der Situation umgehen.

Ein Kommentar von Armin Himmelrath | 25.04.2022

Ein Schüler Thomas liest in einem Klassenraum während einer Dalton-Stunde in einem Buch.
Ohne Schutzmaßnahmen drohen auch Nachholprüfungen, weil Schüler oder Lehrerinnen erkrankt sind (picture alliance / Marius Becker)
So sieht das wohl aus, wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Die Kultusministerinnen und -minister träumen von Normalität und von einem Ende der Corona-Zumutungen, und weil dieser Traum so verführerisch ist, beschließen sie: „Es reicht jetzt mit Masken und regelmäßigen, anlasslosen Tests. Wir haben uns jetzt lange genug damit herumgeärgert, irgendwann muss es nun aber auch wirklich mal gut sein.“

Hoffen wir, dass daraus kein Albtraum wird. Denn der Verzicht der meisten Bundesländer auf Masken und, ab dieser Woche, auch auf den Schnelltest morgens vor dem Unterricht birgt ein erhebliches Risiko. Da sind, zum einen die Osterferien mit ihren Familienkontakten. Schon nach normalen Wochenenden steigen in aller Regel die Infektionszahlen und die Krankmeldungen in den Schulen, und nicht anders dürfte es auch nach diesen Ferien sein. Ausgerechnet in dieser Phase alle Vorsichtsmaßnahmen ersatzlos zu streichen, das zeugt wirklich nicht von besonderer Weitsicht.


Infektionen können Zeitplan für Abschlussprüfungen gefährden

Denn da gibt es ja noch, zweitens, all diejenigen Schülerinnen und Schüler, die jetzt ihre Abschlussprüfungen machen. Klausuren und Prüfungen für den mittleren Schulabschluss, das Abitur und an den berufsbildenden Schulen: Sie alle können jetzt nur noch beten, dass ihnen keine Infektion den Zeitplan verhagelt und dass sie nicht in Nachholprüfungen müssen, weil entweder sie selbst oder vielleicht auch ihre Lehrerinnen und Lehrer erkrankt sind.

Und es gibt noch einen dritten gewichtigen Grund dafür, warum man sich die Lockerungen hätte schenken sollen: aus Solidarität nämlich. Solidarität mit den so genannten Schattenfamilien, denen, die schon seit zwei Jahren wegen schwerer Vorerkrankungen kaum noch an sozialen Aktivitäten teilnehmen können. Die Schule bot mit Masken und Tests zumindest noch einen minimalen Schutz – bisher. Ab sofort gilt auch dort: Freie Bahn dem Virus.

Mehr zum Coronavirus


Den Schulen vor Ort die Entscheidung überlassen

Daran ändern auch die zahlreichen Appelle der Kultusministerinnen und -minister an die Eigenverantwortung nichts. Na klar, auch in Zukunft dürfen Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer eine Maske tragen und sich freiwillig irgendwo testen lassen. Die allermeisten werden das vernünftigerweise auch tun, aber es reicht ja, dass ein paar Unvernünftige und Unsolidarische mit dabei sind – und schon ist es mit dem Minimalschutz vorbei. Man hätte es zumindest den Schulen vor Ort überlassen sollen, wie sie mit der Situation umgehen – die meisten hätten sich wohl für eine Verlängerung der Schutzmaßnahmen ausgesprochen, zumindest für die Dauer der jetzt anstehenden Abschlussprüfungen.

Doch dass die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer ihren Schulen verboten hat, in Eigenregie und nach demokratischer Abstimmung in der Schulkonferenz interne Maskenregelungen einzuführen, zeigt nur, dass es nicht um Gesundheitsschutz geht, sondern um eine politische Machtdemonstration. Und wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass sich ausgerechnet Gebauers Parteivorsitzender Christian Lindner erkennbar fiebernd und krank aus der Corona-Quarantäne zum Parteitag dazuschalten ließ. Wenn so die Eigenverantwortung aussieht, die für die Schulen seit heute allenthalben beschworen wird, dann kann man nur sagen: Gute Nacht.