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StartseiteWissenschaft im BrennpunktEndlager auf Zeit18.03.2012

Endlager auf Zeit

Manuskript zur Sendung

Im Forschungsbergwerk Asse lagern mehr als 120.000 Fässer mit Atommüll unter höchst heiklen Bedingungen: Wasser dringt ein, Behälter verrotten, Radioaktivität tritt aus. 2008 erst kam der Skandal ans Licht und entfachte eine neue Diskussion. Soll Atommüll für alle Ewigkeit verschwinden - oder soll man ein Endlager grundsätzlich auf Rückholbarkeit auslegen? Das würde späteren Generationen Handlungsspielräume verschaffen, falls sich die Geologie als ungeeignet oder die verwendete Technik als mangelhaft herausstellen sollte.

Von Frank Grotelüschen

Der Atommüll im ehemaligen Versuchsbergwerk Asse ist ein großes Problem. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Der Atommüll im ehemaligen Versuchsbergwerk Asse ist ein großes Problem. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Januar 2010, die Lindenhalle in Wolfenbüttel. Vor dem Eingang haben sich Aktivisten aufgebaut und verteilen Flugblätter. Sie stecken in seltsamen Kostümen: dicke Tonnen aus gelbem Stoff.

"Ich bin eine Tonne. Hol mich hier raus!"

Die Aktivisten protestieren gegen die Asse. 2008 war herausgekommen, dass in dem Forschungsbergwerk in Niedersachen mehr als 120.000 Fässer mit Atommüll lagern, und zwar unter heiklen Bedingungen: Wasser dringt in den Salzstock ein. Tonnen verrotten. Salzlauge, radioaktiv verseucht, fließt durch die Stollen.

"Ich würde es als wilde Müllkippe bezeichnen."

Rolf Bertram, einst Professor für physikalische Chemie an der TU Braunschweig.

"Ein totales Durcheinander von Radionukliden in ungeordneter Form, in nicht zugänglichen Einlagerungskammern."

Heute ist er Mitglied einer Kommission zur Schließung der Asse.

"Was dort passiert, ist unbekannt."

Was soll mit der Asse geschehen? Soll man sie mit Salzlauge fluten? Oder mit Zement verfüllen? Oder den Atommüll wieder zurückholen und woanders lagern, an einem weniger riskanten Ort? Am 15. Januar trifft das Bundesamt für Strahlenschutz eine Entscheidung. Die Anwohner werden in der Lindenhalle von Wolfenbüttel informiert.

"Nach derzeitigem Kenntnisstand kann nur für die Option Rückholung die Langzeitsicherheit nachgewiesen werden. Die Rückholung ist daher die beste Option!"

Zweieinhalb Milliarden Euro soll die Rückholung kosten, zehn Jahre soll sie dauern. Ob das funktioniert, bezweifeln manche Experten. Doch Anwohner und Kritiker sind beschwichtigt. Für sie ist die Rückholung die beste, die sicherste Variante. Die Diskussionen sind damit noch nicht beendet. Rolf Bertram:

"Asse ist ein Musterbeispiel für die Situation, wo man das Zeugs reingekippt hat nach dem Motto: Verscharren und vergessen."

Nach dem Asse-Skandal 2008 fordern Kernkraftgegner wie Rolf Bertram: Es muss neu nachgedacht werden über die nukleare Endlagerung. Das alte Konzept:

"Tieflagern! Zuschütten! Schluss!"

Ein Endlager, das, wenn mit Atommüll gefüllt, dichtgemacht wird. Und zwar endgültig. In Deutschland lange die einzige Philosophie. Bertram:

"Ich bin ein Gegner dieser Auffassung! Ich bin für die rückholbare Lagerung. So gestaltet, dass man bei unvorhergesehenen Ereignissen Zugang gewinnen kann oder auch, vielleicht in späteren Zeiten, technische Maßnahmen ergreifen zu können, die wir heute noch gar nicht kennen."

Ein Endlager, aus dem sich der Atommüll wieder rückholen lässt. Entweder ein dauerhaftes Zwischenlager. Man müsste es bewachen, über Jahrhunderte und Jahrtausende, hätte den Atommüll aber stets im Blick und könnte schnell reagieren. Oder ein Lager, das nur provisorisch verschlossen ist. Sensoren und Kameras überwachen das radioaktive Inventar. Läuft etwas schief, ließe sich der provisorische Verschluss einfach aufbrechen wie das Siegel eines Briefs. Das klingt sicher und würde die Akzeptanz erhöhen. Das meinen nicht nur Atomkraftgegner. Sondern das glaubt – in Niedersachen – mittlerweile auch die CDU.

"Die Rückholbarkeit ist aus unserer Sicht eine zentrale Frage. Die muss geklärt werden","

Björn Thümler, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Niedersachen,

""es muss ein Prozess sein, wo Sie wieder an diesen Atommüll herankommen können. Wie bei Fort Knox: Dass Sie quasi hinter großen Panzerschränken jederzeit an den Stoff rankommen können, um ihn dort rauszuholen."

Atommüll rückholbar zu lagern hätte nicht nur Sicherheitsvorteile, meint Thümler. Es gibt weitere Gründe, warum künftige Generationen womöglich wieder an die Abfälle ran wollen.

"Eine Möglichkeit ist die Transmutation, um aus hochradioaktivem Material schwach radioaktives Material zu machen. Das heißt, diesen Stoff, der hochtoxisch ist, weniger gefährlich zu machen."

Die Transmutation. Atommüll soll mit Neutronen beschossen werden, wodurch sich die langlebigen Nuklide umwandeln in kurzlebige. Eine Technik, an der gearbeitet wird, bei der aber noch unklar ist, wie gut sie funktioniert. Sollten künftige Generationen die Transmutation beherrschen, würden sie den nuklearen Abfall rückholen und entschärfen – so das Kalkül. Doch vielleicht wird man den Atommüll auch aus einem anderen Grund brauchen – als Brennstoff für neue Kernkraftwerke.

"Dass man mit dem 'wertvollen' Müll, der noch hochenergetisch ist, noch etwas anfangen kann. Dass man Energie gewinnt und dadurch einen Beitrag leisten könnte zur kurzfristigen Energieerzeugung."

Das meistgenannte Argument aber, warum man Atommüll rückholbar lagern soll, bleibt die Sicherheit. Wie bei der Asse könnte Wasser unerwartet eindringen, oder die Atommüll-Behälter könnten schneller durchrosten als angenommen. Szenarien, die Rolf Bertram durchaus für möglich hält:

"Ein Lager für Radionuklide bildet immer ein dynamisches System, weil diese Radionuklide permanent Energie abstrahlen. Sodass ich überhaupt nicht abschätzen kann, was aus dem ursprünglich eingelagerten Material nach 100, nach 1000, nach 10.000 Jahren geworden ist. Diese Ungewissheit führt dazu, dass man überhaupt keine Sicherheitsbetrachtung durchführen kann."

Bedenken, die – zusammen mit den Geschehnissen in der Asse – ein neues Thema auf die Tagesordnung der Atomdiskussion gehievt haben. Soll man Atommüll rückholbar lagern? Am Karlsruher Institut für Technologie im Institut für Nukleare Entsorgung simulieren Horst Geckeis und seine Leute den unterirdischen GAU: Was passiert, wenn im Endlager die Behälter durchrosten, Wasser die Radionuklide ausschwemmt und der Atommüll chemisch reagiert?

"Wir sind jetzt im Kontrollbereich, der uns erlaubt, mit radioaktiven Stoffen umgehen zu können. Wir gehen jetzt in ein besonderes Labor, wo wir mit hochradioaktiven Stoffen umgehen können."

In der Halle dröhnen Lüftung und Abgasreinigung. Geckeis trägt Überschuhe und einen Schutzkittel, in der Brusttasche ein Dosimeter. Er steuert auf einen Raum zu, der an ein Aquarium denken lässt: In die Wand sind, in einer Reihe, Fenster eingelassen. Aus ihnen schimmert gelbes Licht.

"Das sind sieben Boxen. Und jede Box ist für sich ein kleines Chemielabor","

sagt Geckeis’ Kollege Volker Metz. Das Fensterglas ist aus Blei, 30 Zentimeter stark. Vor jedem Fenster hängen von oben herab zwei mechanische Arme mit Griffen. Es sind Manipulatoren, die verlängerten Hände der Forscher.

""In den Zellen haben wir hohe Radioaktivität. Dort können wir selber nicht arbeiten. Deswegen benutzen wir diese Manipulatoren, um dort Experimente durchzuführen, ohne dass wir Strahlung abbekommen."

Behutsam hantiert Metz mit dem Manipulator. Ferngesteuert fingert er kleine, tablettenförmige Zylinder aus einem Metallgestell.

"Diese kleinen Zylinder, das ist echter Kernbrennstoff aus einem Kernreaktor. Wir untersuchen das Störfall-Szenario für den Fall: Was wäre, wenn tatsächlich ein Behälter durchkorrodiert ist und Flüssigkeit bis zum Kernbrennstoff gelangen kann?"

Die Experimente laufen in der nächsten Box – einem Chemielabor im Kleinformat, abgeschottet durch massives Bleiglas. Hier wird der Atommüll einer Wasserlösung ausgesetzt, wie sie in tiefen Gesteinsformationen vorkommt. Metz:

"Sie sehen dort Messvorrichtungen, mit denen wir messen können: Wie ist der Gehalt an Gasen, die dort entstehen? Wie ist der Gehalt an Spurenkomponenten, die herausgelöst werden – insbesondere Plutonium, Uran und andere Radionuklide."

Die bisherigen Ergebnisse:

"Uran und Plutonium wird relativ wenig freigesetzt. Während wir gesehen haben, dass andere Radionuklide, Strontium-90 oder Cäsium-137, eher schnell freigesetzt werden."

Strontium-90 und Cäsium-137 aber haben Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Bis sie ihren Weg an die Oberfläche gefunden haben, dürften sie weitgehend zerfallen sein in stabile Substanzen. Die Experimente in Karlsruhe zeigen: In einem Endlager spielen sich hochkomplexe Prozesse ab: Die Strahlung aus dem Atommüll spaltet Wasser in chemisch hochaktive Substanzen. Und der Atommüll entwickelt Wärme, sagt Horst Geckeis. Beträchtliche Wärme.

"Im Endlager können einige Jahrhunderte bis Jahrtausende Temperaturen von 100 bis 200 Grad herrschen."

Was genau bei diesen Temperaturen an chemischen Reaktionen passiert, ist zum Teil noch unklar.

"Hier ist eine Lücke in der Datenlage. Man hat viele Daten bei Raumtemperatur, aber weniger Daten bei höheren Temperaturen. Das ist international im Gang, dass man diese Datenlücken schließen möchte."

Bislang sieht es so aus, als könnten beide Faktoren – starke Strahlung wie auch hohe Temperatur – gegenläufige Prozesse auslösen: Einerseits beschleunigen sie die Zersetzung des Atommülls. Andererseits helfen sie dabei, freigesetzte Radionuklide zu binden, etwa ans Gestein. Welcher Prozess dominiert, ist noch unklar. Aber, meint Geckeis, es bleibt genug Zeit, um die Fragen zu beantworten: Bevor in Deutschland ein Endlager gefunden, gebaut und mit Atommüll befüllt ist, dürften noch viele Jahrzehnte vergehen.

"In dieser Zeit sollte man es schaffen, die Nachteile dieses Systems herauszufinden."

Was sich derzeit andeutet, ist: Bis überhaupt etwas Kritisches in einem Endlager passiert, bis Wasser eindringt und Radionuklide aus den Behältern schwemmt, dürfte viel Zeit vergehen:

"Bei guten Endlagerkonzepten kann man heute eigentlich sehr gut prognostizieren, dass das mehrere tausend bis zehntausend Jahre oder sogar noch länger dauert, bis da überhaupt Wasser dazukommt."

Das setzt allerdings voraus, dass man ein Endlager verfüllt und dichtmacht. Hält man das Lager offen, steigt das Risiko, dass Wasser eindringt und Radionuklide wegschwemmt, bis an die Oberfläche.

"Was ich damit schaffe, sind Zugangswege für Wasser. Das ist eigentlich eine Sache, die man nicht haben möchte. Man möchte das schnell verfüllen und abdichten, damit kein Wasser reinkommt."

Außerdem könnten offene Schächte und Tunnel das Lager instabil machen. Verfüllt man sie, könnte nichts einstürzen.

"Rückholung ist nie einfach. Je einfacher ich die Rückholung mache, umso mehr Probleme handle ich mir ein."

"Es müsste auf Dauer die Sicherheit dadurch gewährleistet werden, dass Menschen sich um dieses System kümmern. Dazu müssen sie die Mittel haben und die Bereitschaft haben. Ich glaube nicht, dass das funktioniert."

Der Geologe Detlef Appel ist Mitglied der Entsorgungskommission. Sie berät das Bundesumweltministerium seit 2008 in Fragen der nuklearen Entsorgung. Auch er hält die Rückholung für technisch nicht einfach. Vor allem aber meint er: Es ist der Faktor Mensch, der ein offenes Endlager unsicher macht. Schließlich müsste man gewährleisten, dass das Lager über Jahrhunderte gewartet, überwacht und gehütet wird.

"Wer will schon 1000 Jahre vorausdenken und garantieren, dass dann noch Gesellschaften bestehen, die sich um die Sicherung dieses Mülls kümmern können oder auch nur wollen?"

Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

"Das können wir von heute aus nicht prognostizieren. Wenn wir mal 1000 Jahre zurückdenken, wissen wir, was für ein Zeitraum das tatsächlich ist. Deswegen sind wir gegen diese Rückholbarkeit."

Terroristen, die in das Endlager einbrechen, um aus dem strahlenden Müll schmutzige Bomben zu bauen. Ahnungslose Abenteurer, die in das Stollensystem eindringen, ohne zu wissen, mit was sie es zu tun haben. Diktatoren, die den Atommüll als Druckmittel einsetzen gegen andere Staaten oder ihr eigenes Volk. Diese Horrorvisionen sprechen gegen ein offenes Endlager – auch für die Grünen.

"Bei Atommüll gibt es nur schlechte Lösungen. Wir können uns unter den mehr oder weniger schlechten Lösungen nur die beste aussuchen. Die beste ist sicher nicht, das Ganze offen zu lassen mit all den Gefahren und einer Zukunft auszuliefern, von der wir nicht wissen, wie sie sich entwickelt. Wir wissen nicht, wie sich Gesellschaften entwickeln. Ob da noch eine stabile Demokratie vorhanden ist, die auch das Geld hat, das zu überwachen, die das Wissen hat, das zu überwachen. Das wissen wir alles nicht."

2008, nach dem Asse-Skandal, wurde lebhaft über ein offenes Endlager diskutiert. Heute nehmen die meisten Experten Abstand von dieser Idee. Die Risiken scheinen zu groß: In ein offenes Endlager könnte Wasser eintreten und mit dem Atommüll reagieren. Und um ein offenes Endlager müssten sich künftige Generationen jahrtausendelang kümmern – was niemand garantieren kann. Stattdessen machte das Bundesumweltministerium 2010 ein anderes Konzept zur Vorschrift. Ein Endlager, in dem der strahlende Abfall zwar nicht schnell und einfach herausgeholt, im Notfall aber geborgen werden kann. Bergbarkeit, so nennen Experten das Konzept. Ein Kompromiss.

"Die Sicherheitsanforderungen sehen vor, die Abfälle in tiefen geologischen Schichten zu lagern."

Florian Emrich, Bundesamt für Strahlenschutz, Salzgitter.

"Für den Betriebszeitraum eines solchen Endlagers, während über mehrere Jahrzehnte eingelagert wird, wird dieses Endlager offen gehalten. Alle Abfälle sind rückholbar, wenn man an diese wieder ran möchte. Nach dem Betriebszeitraum wird dieses Endlager verschlossen. Aber ich kann trotzdem an diese Abfälle rankommen, falls das notwendig werden sollte. Für einen Zeitraum von etwa 500 Jahren muss ich an diese Abfälle wieder herankommen."

Nur solange das Endlager offen ist und befüllt wird, ist der Atommüll rückholbar und kann ohne großen Aufwand wieder herausgeholt werden. Ist das Lager voll, wird es verfüllt und dicht verschlossen. Dann ist der Atommüll so gelagert, dass man ihn 500 Jahre lang bergen kann – auch wenn man dafür neue Stollen und Tunnel graben muss. Emrich:

"Das ist aufwändiger, als wenn ich den Schacht offen lasse. Es ist aber auch sicherer. Denn wenn ich die Schächte offen lasse, habe ich immer die Gefahr, dass Radionuklide nach außen treten. Ich habe auch die Gefahr, dass Personen sich Zutritt zum Endlager verschaffen. Ich habe langfristig ein klares Sicherheitsdefizit. Das möchte ich vermeiden, indem ich ein solches Endlager abdichte."

Um Atommüll 500 Jahre lang bergbar zu machen, müssten zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Erstens müssten die Abfälle geordnet und gut dokumentiert gelagert werden, damit man sie später auch wiederfindet. Zweitens müssten sie in haltbare Gefäße gepackt werden, damit künftige Generationen auf intakte Behälter stoßen und nicht auf eine strahlende Suppe. Solche Behälter müssten einen dicken Stahlmantel haben statt dünner Blechwände. Oder Mäntel aus Kupfer oder Keramik – haltbar, kostspielig, aber sicherer. Auch bei Kernkraftgegnern stößt die Idee auf Zustimmung, etwa bei Rolf Bertram.

"Es ist ein Konzept, das dem realistischen Umgang mit Atommüll doch mehr entspricht als das, was wir bislang vorfinden."

Dennoch: Das Konzept der Bergbarkeit wirft neue Fragen auf – vor allem für die Endlagersuche in Deutschland. Die ist seit letztem Jahr wieder offen und nicht mehr nur auf den umstrittenen Standort Gorleben fixiert. Im Sommer wollen Bund und Länder ein Endlagergesetz präsentieren, das die Suchkriterien vorgibt. Eines der Kriterien wird die Rückholbarkeit sein: Während der Einlagerung soll der Atommüll rückholbar sein, nach Schließung des Endlagers 500 Jahre lang bergbar. Für die Endlagersuche dürfte das Konsequenzen haben: Denn es ist fraglich, ob alle Gesteinsarten, die im Gespräch sind – Granit, Ton und Salz – gleich gut geeignet sind. Bei Granit, meint Geologe Detlef Appel, wäre es wohl kein großes Problem, den Atommüll zu bergen.

"Dort hält man das für technisch relativ einfach. Das hat etwas damit zu tun, dass Bohrlöcher oder Kammern formstabil bleiben über einen relativ langen Zeitraum. Das bedeutet: Abfälle, die man hineinstellt, können dann einfach wieder herausgeholt werden."

Bei Ton könnte das schon schwieriger werden.

"Tonstein kann gewisse plastische Eigenschaften aufweisen. Tonstein kann auf die Behälter auflaufen und sie fest umschließen. Es wird einen größeren Aufwand bedeuten, das Material, das man eingelagert hat, wieder herauszuholen."

Noch mehr Probleme könnten entstehen, wollte man den Atommüll aus einem Salzstock bergen.

"Salz hat eine Eigenschaft, die sich mit dem Begriff Konvergenz beschreiben lässt. Gemeint ist, dass sich künstlich errichtete Hohlräume in diesem Salz naturgesetzlich verschließen. Und je fester die Abfälle umschlossen werden, desto größer ist der Aufwand, die Abfälle wieder herauszuholen. Und desto gefährlicher ist es auch für diejenigen, die es machen müssen."

Dass Ton und Salz den Atommüll mit der Zeit einschließen, halten viele Experten im Grunde für höchst nützlich. Damit nämlich wäre der strahlende Abfall für Jahrmillionen eingekapselt. Für CDU-Mann Björn Thümler aber ist Salz aus dem Spiel.

"Sie müssen ein Lager so offen halten, dass Sie jederzeit wieder an den Atommüll herankommen können. Das wäre bei dem jetzigen Lagerkonzept in Salz schwierig, weil Salz als Medium fließend ist und das eingelagerte Gut umschlossen werden kann und eine Rückholbarkeit nur unter erschwerten Bedingungen möglich wäre. Das sollte nach meiner Auffassung nicht der Fall sein."

Das lästige Thema Gorleben wäre damit vom Tisch. Für die CDU in Niedersachen offenbar eine verlockende Aussicht. Zwar trifft das Konzept des bergbaren Atommülls auf breite Zustimmung. Dennoch gibt es Streit: Soll man das Endlager nach dem Dichtmachen sich selber überlassen oder nicht? Nein, meint Kernkraftgegner Rolf Bertram – und fordert:

"Kontinuierliche Kontrolle. Man muss Sensoren einbauen, die wiedergeben, was dort geschieht. Systeme, die mit Lichtleiterkabeln das Bild nach außen transportieren. Sensoren, die den chemischen Bestand, den Gasdruck, die Flüssigkeitsbildung erkennen."

Ein Messnetz, das den Patienten Endlager überwacht. Lückenlos und dauerhaft. Über Jahrhunderte und Jahrtausende. Damit künftige Generationen überhaupt wissen, was dort unten los ist. Und bei Problemen die Chance haben zu reagieren. Klingt plausibel – doch die Sache, sagt Horst Geckeis aus Karlsruhe, hat einen Haken.

"Es hat keiner eine Sensorik, wo man jetzt eine Prognose geben könnte, dass die länger als 50 Jahre halten könnte."

Die Folge: Irgendwann müsste man das Messnetz ersetzen. Wie das gehen soll, ohne dass man das Endlager wieder aufgräbt, ist fraglich. Und ein Messnetz, das nur 100 Jahre hält, hält Geckeis für nutzlos.

"Man muss sagen, dass während des Zeitraums, vielleicht 100 Jahre, wo man das monitoren kann, eigentlich keiner im Moment annimmt, dass da viel passiert."

Doch vielleicht gibt es eine Alternative – das Schweizer Modell. Auch die Schweiz hat Atommeiler, und auch die Schweiz will aus der Kernkraft aussteigen. In Sachen Endlagerung wird intensiv geforscht. Saint-Ursanne, ein malerisches Städtchen im Schweizer Jura. Marcos Buser ist in einen Geländewagen gestiegen, nun steuert der Geologe eine Tunneleinfahrt an. Mont Terri, so heißt der 800 Meter hohe Berg, durch den die Röhre führt – ein Sicherheitsstollen, parallel zu einem Autobahntunnel.

"Jetzt fahren wir links in diesen Stollen rein. In diesem Sicherheitsstollen ist das Labor Mont Terri eingerichtet."

Der Wagen hält. Buser steigt aus, jetzt geht es zu Fuß weiter. Der Eingang zu Mont Terri, dem Schweizer Labor für Endlagerforschung. In den 90er-Jahren, beim Bau der Autobahn, hatte man bemerkt, dass die Röhre durch spezielles Gestein führt, den Opalinus-Ton.

"Hier sieht man diesen grauen Opalinus-Ton. Ein langweiliges Gestein, überall das gleiche Grau. Eigentlich unansehnlich."

Aber ein brauchbares Gestein für ein Endlager, meinen die Schweizer. Der Ton ist sehr trocken und kann Wasser aufsaugen wie ein Schwamm. Im Mont Terri nehmen ihn die Experten genau unter die Lupe: Welche Eigenschaften besitzt er, wie lässt sich Atommüll möglichst sicher in ihm lagern? Buser bleibt vor einem Modell stehen und zeigt, wie das aussehen könnte.

"Das ist eine Grabstätte für Atommüll. Hier ist natürlich das Modell aus Pappkarton. Das ist ein Modell 1:1."

Eine Röhre, meterdick und fünf Meter lang, darin vier Brennelemente, umgeben von 15 Zentimeter Stahl. Der Raum zwischen Behälter und Tunnelwand ist gefüllt mit Körnchen aus Bentonit – einer Vulkanasche, die bei Kontakt mit Wasser aufquillt wie ein Hefeteig.

Dann zeigt Buser auf eine Wand, an der mit roter Farbe ein Kreuz aufgemalt ist. Bald wird hier eine Maschine einen neuen Stollen in den Berg graben. Der Auftakt für ein wichtiges Experiment.

"Das ist ein Experiment, wo man drei größere Kanister, etwa sechs bis acht Tonnen schwer, in einen Stollen einbringen will. Der Stollen ist etwa 50 Meter lang. Da wird man diese drei Kanister reinbringen und den ganzen Stollen dann verfüllen."

Strahlende Abfälle dürfen in Mont Terri nicht eingelagert werden. Deshalb sind die röhrenförmigen Kanister mit Thermoelementen bestückt. Damit lässt sich die Wärmeentwicklung der Brennstäbe simulieren. Eingefahren werden sollen die Kanister auf Schienen. Eine Herausforderung, sagt Buser. Denn der Stollen ist nur mannshoch.

"Das sind sehr schwere Kanister. Und es ist alles andere als einfach, solche schweren Kanister in so enge Stollen hereinzubringen. Das wird auch eines der Grundprobleme der Rückholbarkeit sein: Kann man solche Kanister mit der gleichen Technik rausholen?"

Sind die drei Kanister drin, wird der Tunnel mit Bentonit verfüllt.

"Dann wird man diese Galerie verschließen und wird die über zwei bis drei Jahrzehnte beobachten."

Sensoren werden das Geschehen beobachten, Temperatur und Druckwerte messen. Wie verhält sich der Ton unter Wärmeeinfluss? Wie lange braucht der Bentonit, um aufzuquellen und die Kanister abzudichten? Und wird er gleichmäßig aufquellen?

"Das ist die Gefahr: Wenn von einer Seite der Quelldruck hochsteigt und von den anderen viel weniger, dass der Kanister sich bewegt. Dann kann es Probleme geben, wenn man das mit einer Schienentechnik wieder zurückholen will."

Fragen, die sich erst beantworten lassen, wenn man den Tunnel wieder aufmacht – in 20, vielleicht erst in 30 Jahren. Einen Standort für ihr Endlager haben die Schweizer noch nicht. Mont Terri kommt nicht in Frage. Es gibt bessere, geologisch ruhigere Tonschichten im Norden der Schweizer. Dort könnte das Endlager eines Tages entstehen. Doch schon vor zehn Jahren haben die Schweizer diskutiert, ob der Atommüll rückholbar gelagert werden soll oder nicht.

"Wir haben damals mit den Gegnern, den Umweltorganisationen Diskussionen geführt. Dort wurde der Wunsch geäußert, man sollte das Lager längere Zeit offenhalten oder zumindest überwachen."

Das Ergebnis der Diskussionen: ein neues, ein eigenes Konzept. Buser:

"Das Konzept sieht vor, ein Hauptlager einzurichten, wo 99,5 Prozent der Abfälle eingelagert werden. Dieses Hauptlager soll sofort verschlossen werden. Parallel dazu würde ein Pilotlager aufgefahren. In diesem Pilotlager würde ein sehr kleiner Anteil, 0,5 Prozent des Abfalls, eingelagert. Und dieses Pilotlager wurde dann über 100, 200 oder mehr Jahre überwacht."

Also: Ein abgeschlossenes Endlager und ein kleiner Beobachtungsposten, der einem eine gewisse Kontrolle über das Geschehen erlaubt. Würde im Pilotlager etwas schief laufen, müsste man davon ausgehen, dass auch im Hauptlager etwas nicht stimmt – und müsste es im Extremfall wieder aufreißen. Zwar lässt auch dieses Konzept manche Frage offen. Aber es hat in der Schweiz die Gemüter beruhigt und – bislang – für gesellschaftlichen Frieden gesorgt.

"Das trifft auf eine extrem breite Zustimmung. Es wurde abgestimmt auf die Bedürfnisse der Bevölkerung."


Ein Vorbild auch für Deutschland? Ja, meint Detlef Appel, Mitglied der Entsorgungskommission.

"Ich halte das im Moment für den einzig gangbaren Weg. Weil man auf der einen Seite für die Hauptmasse der Abfälle relativ schnell den sicheren passiven Zustand erreichen kann. Auf der anderen Seite kommt man den Bedürfnissen der Gesellschaft entgegen. Strategisch, im Hinblick auf eine Versöhnung zwischen sicherheitstechnischen Anforderungen und gesellschaftlichen Anforderungen, um überhaupt zu einer Lösung zu kommen, halte ich das für eine sehr sinnvolle Option."

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