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StartseiteHintergrundDie Standortsuche für radioaktiven Abfall27.09.2020

Endlager für AtommüllDie Standortsuche für radioaktiven Abfall

Wenn 2022 die letzten deutschen Atommeiler vom Netz gehen, stellt sich die Frage: An welchen Standorten kommt ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll infrage? Eine Vorauswahl will die Bundesgesellschaft für Endlagerung nun bekannt geben. Das Problem: Eine erfolgreiche Suche scheint fast unmöglich.

Von Axel Schröder

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Luftaufnahme mit einer Drohne atomaren Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen (picture alliance / dpa / Sina Schuldt)
Das atomare Zwischenlager Gorleben - hier werden 113 Castorbehälter rund um die Uhr elektronisch überwacht (picture alliance / dpa / Sina Schuldt)

Deutschland sucht ein Endlager. Für den giftigsten Müll, der je produziert wurde. Für hochradioaktiven Abfall, für die Treibstoffreste aus deutschen Kernkraftwerken. Weltweit gibt es noch kein einziges betriebsbereites Endlager für diesen Müll. Am Montag veröffentlicht die Bundesgesellschaft für Endlagerung, die BGE, den "Zwischenbericht Teilgebiete": eine erste, sehr grobe Auswahl von 70, 80, vielleicht 90 Gebieten, deren Untergrund sich für ein Endlager eignen könnte.

Aktuell lagert der hochradioaktive Atommüll in 18 oberirdischen Lagerhallen. Verteilt über ganz Deutschland. Das wohl bekannteste, das Zwischenlager Gorleben, nahm den Betrieb 1995 auf. Hinein geht es nur nach einer Überprüfung durch das niedersächsische Landeskriminalamt und einer sorgfältigen Personen- und Rucksackkontrolle vor Ort. Aufgereiht wie auf einem Schachbrett stehen 113 Abfallbehälter in der Halle. Jeder einzelne über 100 Tonnen schwer. Die Castor- oder HAW, also Highly Active Waste-Behälter, werden rund um die Uhr elektronisch überwacht.

Blick in die Halle des Zwischenlagers Ahaus: In verschiedenen Bereichen der aus massivem Beton errichteten Halle stehen gelbe, blaue und rote "Castoren" - die Sicherheitsbehälter mit den ausgebrannten Kernbrennstäben  (Frank Grotelüschen/Dlf) (Frank Grotelüschen/Dlf)Zeitbombe Zwischenlager? - Atommüll in der Warteschleife
7.000 Kubikmeter Atommüll – irgendwo muss diese Altlast aus deutschen Kernkraftwerken hin. Bei der Suche nach einem geeigneten Endlager steht Deutschland wieder fast bei Null, und so werden die Zwischenlager ungeplant zu Langzeit-Lösungen. Welche Risiken damit verbunden sind, muss dringend geklärt werden.

"Wir wollen immer die doppelte Sicherheit haben. Und aus dem Grund montieren wir über den Primardeckel noch diesen Sekundärdeckel. Und zwischen diesen beiden Deckeln, da herrscht ein Überdruck, da sind sechs Bar Helium drin. Das heißt, wir können zu jedem Zeitpunkt garantieren, dass Primär- und Sekundärdeckel dicht sind. Denn ansonsten würden wir das über einen Druckabfall merken."

Erst 2031 soll ein Endlagerstandort feststehen

Dr. Tristan Zielinski ist Referent für die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung. Bis zu 300 Grad heiß seien die Abfälle in den Castorbehältern, aber in Gorleben und den 17 anderen Atommüllzwischenlagern sicher untergebracht. Die Hallen würden einem Flugzeugabsturz zwar nicht standhalten können. Die Behälter aber schon.

"Man hat beispielsweise getestet, ob der Deckelbereich eines Behälters den Aufprall einer Triebwerkswelle übersteht. Und da war der sichere Einschluss des radioaktiven Materials stets gewährleistet."

Noch wird in deutschen Kraftwerken täglich hochradioaktiver Müll produziert, 2022 soll der letzte deutsche Atommeiler abgeschaltet werden. Rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll werden dann insgesamt entstanden sein, gefüllt in 1.900 Castor- oder HAW-Behälter. Der Müll, der noch Jahrmillionen strahlt, muss erst einmal in den oberirdischen Zwischenlagern aufbewahrt werden. Denn erst 2031 soll ein Endlagerstandort feststehen, frühestens 2050 wird die Anlage in Betrieb gehen. Wenn der enge Zeitplan der Suche wirklich eingehalten wird.

Eine Person mit Stirnlampe steht in einem Stollen des Erkundungsbergwerk Gorleben (imago/photothek/Thomas Trutschel)Ein Stollen des Erkundungsbergwerks Gorleben. In Norddeutschland, wo Gorleben liegt, gib es ein starkes Vorkommen von Salzformationen. (imago/photothek/Thomas Trutschel)
Es ist der zweite Anlauf, der die Fehler der Vergangenheit, die Fehler der ersten Suche, vermeiden soll: über 30 Jahre lang hatte die deutsche Politik allein auf den Salzstock im niedersächsischen Gorleben als Endlager für hochradioaktiven Müll gesetzt. Ein Vergleich unterschiedlicher Standorte wie in Frankreich, der Schweiz, wie in Schweden oder Finnland fand nicht statt. Dazu kam: Die Entscheidungen bei der bisherigen Suche in Gorleben fielen hinter verschlossenen Türen und die Politik übte Druck auf die am Endlagerprojekt beteiligten Wissenschaftler aus. Die Mängel des Salzstocks Gorleben wurden heruntergespielt. Auch dagegen richteten sich die Anti-Atom-Proteste, vor allem im Wendland, in Gorleben.

Auslöser des radikalen Kurswechsels in der deutschen Atompolitik ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011. Kurz zuvor hatte Kanzlerin Angela Merkel mit ihrer schwarz-gelben Regierung noch die Laufzeiten der AKWs verlängert, den rot-grünen Ausstieg rückgängig gemacht. Nach Fukushima werden dann acht von 16 AKWs sofort abgeschaltet – und der endgültige Ausstieg aus der Kernkraftnutzung bis 2022 vereinbart. Eine Endlagerkommission erarbeitet von da an die Grundzüge des Standortauswahlgesetzes. Am 28. Juni 2013 wird es mit breiter Mehrheit vom Bundestag beschlossen. Umweltminister ist damals Peter Altmaier.

"Wir haben jetzt einen verlässlichen Rahmen, der sicherstellt, dass wir das beste Endlager suchen und nicht eines, das aus politischen Gründen favorisiert wird."

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In den Jahren danach werden neue Behörden gegründet und die Zuständigkeiten genau abgesteckt - weitgehend geräuschlos und von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Am Montag, den 28. September, wird die Debatte über die neue Endlagersuche aber wieder an Fahrt aufnehmen. Dann wird die BGE, die Bundesgesellschaft für Endlagerung, ihren "Zwischenbericht Teilgebiete" bekanntgeben.

"Teilgebiete sind regional unterschiedlich große Gebiete von homogener geologischer Struktur, entweder im Salz, im Ton oder im kristallin, das ist landläufig Granit, indem wir vermuten können, dass wir dort ein Endlager auffahren, das über sehr lange Zeiträume sehr stabil und sehr sicher dort stehen kann."

Bremen wird vermutlich zu den Teilgebieten gehören

Steffen Kanitz leitet den Bereich "Standortauswahl" bei der BGE. Wie viele Teilgebiete im ersten Verfahrensschritt ausgesucht werden, will er nicht sagen. Nur so viel: Es handele sich um eine hohe zweistellige Zahl. Alle verfügbaren geologischen Daten des deutschen Untergrunds wurden von den über 70 Geologinnen und Geologen der BGE durchforstet. 

"Wenn sie von Norden nach Süden durchgehen, dann ist es erdgeschichtlich genau so, dass sie in Norddeutschland ein starkes Vorkommen von Salzformationen haben, also Salzablagerungen in großen Mächtigkeiten. Weiter südlich gibt es dann in den Bundesländern beispielsweise auch Nordrhein-Westfalen, aber auch anderen Tonsteinformationen von großer Mächtigkeit. Wir haben Granitvorkommen in Bayern, teilweise in Baden-Württemberg, teilweise aber auch in Sachsen."

Natürlich gibt es auch Orte, die für die Suche nicht infrage kommen: Erdbeben- und Bergbaugebiete und Gegenden, die von Vulkanismus geprägt sind. Im ersten Schritt, betont Kanitz, werde ein sehr grobes Raster angelegt. Es geht einzig und allein um die geologischen Begebenheiten unter Tage und erst im nächsten Schritt darum, ob die Städte, Fabriken oder Kulturdenkmäler darüber einem potenziellen Endlager im Wege stünden.

"Das heißt also, wenn wir gleich gute Wirtsgesteinkonfigurationen in endlagerrelevanten Tiefen haben, werden wir diejenigen bevorzugen, wo es keine große Siedlungsstruktur gäbe, wo es keine schutzwürdigen Kultur- und Landschaftsdenkmäler gäbe."

Drei schwarze Atommüll-Fässer, wobei eines im Vordergrund in der Mitte scharf abgebildet ist, im Hintergrund zwei weitere Fässer unscharf. (imago stock&people / imagebroker) (imago stock&people / imagebroker)Fehlende Endlager für Atommüll - Report warnt vor hohem Sicherheitsrisiko
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Die Hansestadt Bremen wird deshalb aller Voraussicht nach zu den Teilgebieten gehören, die in der ersten Runde bekannt gemacht werden. Immerhin liegt unter Bremen ein mächtiger Salzstock. Dass die Stadt aber tatsächlich im Rennen bleibt, ist unwahrscheinlich.

Die Kriterien, die ein Endlager erfüllen muss, sind im Standortauswahlgesetz festgeschrieben. Trotzdem werde es immer wieder Abwägungsspielräume geben, sagt Steffen Kanitz von der BGE. 

"Also wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben zu glauben, nur, weil es feste Kriterien mit festen Werten gibt, spielt der Faktor Mensch keine Rolle. Das tut er. Und wir müssen insofern sicherstellen, dass das immer durch eine Qualitätssicherung geht, die zum einen intern durch unterschiedliche Bearbeiter funktioniert, aber auch extern durch Fachleute. Aber vor allem eben auch durch die Beteiligungsformate."

Zuständig für diese Beteiligungsformate und für die Aufsicht über das Suchverfahren ist das Bundesamt für die sichere Endlagerung, kurz: BASE, mit Sitz in Berlin. Geleitet wird es von Wolfram König, dem einstigen Chef des Bundesamts für Strahlenschutz. König gehörte zu den ersten, die ein neues Suchverfahren, einen bundesweiten Standortvergleich eingefordert hatten.

"Wir haben die Aufgabe, als BASE darauf zu achten, dass der Vorhabenträger, die Bundesgesellschaft für Endlagerung die gesetzlichen Vorgaben umsetzt und einhält. Und wir haben die Aufgabe, im Verfahren die Öffentlichkeitsbeteiligung sicherzustellen. Wir müssen darauf achten, dass die Beteiligten dem Anspruch, dem hohen Anspruch des Gesetzes gerecht werden, die Grundlagen für eine Beteiligung auch herzustellen, nämlich alles offenzulegen und dann auch die Diskussionen zu ermöglichen über diese Ergebnisse."

Alles wird archiviert und später abrufbar sein

Im ersten Halbjahr 2021 soll in drei "Teilgebietskonferenzen" darüber diskutiert werden, wie und mit welchen Methoden die Bundesgesellschaft für Endlagerung die Teilgebiete bestimmt hat. Schon Mitte Oktober findet dazu in Kassel ein erstes Vorbereitungstreffen statt. An die betroffenen Kommunen hat Wolfram König schon Einladungen verschickt. Aber auch alle anderen, so sieht es das Standortauswahlgesetz vor, sind willkommen.

Wegen des erwarteten großen Andrangs und wegen der Corona-Pandemie wird die Auftaktkonferenz in Kassel im Internet übertragen – mit der Möglichkeit, sich online zu beteiligen. Alles werde archiviert und später noch abrufbar sein, erklärt Wolfram König. Wie sich das Plenum in Kassel dann organisiert, welche Arbeitsgruppen gebildet werden und wie mit Abstimmungen verfahren wird, darüber bestimmt nicht das BASE, sondern die Teilnehmenden vor Ort. Entscheidend für das weitere Suchverfahren sind dann aber erst die drei Konferenzen im kommenden Jahr. Denn die Ergebnisse dieser Debatten soll die Bundesgesellschaft für Endlagerung ins weitere Verfahren einspeisen.

"Das Gesetz fordert alle Beteiligten auf, immer wieder zu fragen, ob es inzwischen Erkenntnisse gibt, die ein anderes Vorgehen notwendig machen. Es ist ein sogenanntes selbstlernendes System, was als Anspruch an alle formuliert wird. Etwas, was ich bisher auch nicht unbedingt aus dem behördlichen Zusammenhängen kenne, das ist auch ein neues Momentum."

Mitglieder des Beladeteams beobachten am 12.12.2015 auf dem Gelände des Atomkraftwerks Biblis (Hessen) das Absenken eines beladenen Castor-Behälters mit Hilfe des Krans am Hubgerüst von Block A. Als Vorbereitung für den geplanten Rückbau sind am stillgelegten Atomkraftwerk Biblis die ersten Brennelemente aus dem Block A ins benachbarte Standort-Zwischenlager gebracht worden. (dpa /  RWE Power AG) (dpa / RWE Power AG)Dauerthema Atommüll - Streit um Sicherheit von Zwischenlagern
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Zusätzlich sollen, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, sogenannte Rücksprünge im Suchprozess möglich sein. Über das Ergebnis jedes einzelnen Schritts im Suchverfahren muss der Deutsche Bundestag entscheiden. Zum Beispiel dann, wenn die Bundesgesellschaft für Endlagerung aus den vielen benannten Teilgebieten den dann enger gefassten Kreis der sogenannten Standortregionen ausgewählt hat. Auch in dieser Phase soll das BASE dafür sorgen, dass Menschen vor Ort das Verfahren kritisch begleiten können.

"Schon dort ist, um eine Beteiligung gut zu gestalten, vorgegeben, dass jeweils diese Regionen Geschäftsstellen bekommen, externe wissenschaftliche Unterstützung, um sich selber auch eine Meinung bilden zu können. Also es gibt verschiedene Formate von Gremien, die eingerichtet werden, Konferenzen, die sicherstellen sollen, dass die verschiedenen Akteure dieser Region dann auch mit den mit dem Vorhabenträger mit anderen in wirklich eine fachliche Diskussion einsteigen können."

In den Standortregionen finden obertägige Erkundungen statt. Mit Spezialfahrzeugen voller Messtechnik wird der Untergrund durchleuchtet, werden vielleicht schon erste Probebohrungen gemacht. Dann wird die Auswahl weiter eingegrenzt: Die BGE benennt mindestens zwei Orte, die auch unter Tage erkundet werden. Vorausgesetzt, der Bundestag gibt grünes Licht dafür.

Die Kommunen und Regionen werden viele Fragen haben

Begleitet wird die gesamte Suche schon heute durch eine weitere Institution: das Nationale Begleitgremium. 18 Mitglieder hat das NBG. Aus Politik und Wissenschaft, von Kirchen und Umweltgruppen. Mit dabei sind auch drei zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger. Das NBG fungiert als Mittlerin zwischen dem "Bundesamt für die sichere Endlagerung" und der "Bundesgesellschaft für Endlagerung" auf der einen und der Zivilgesellschaft auf der anderen Seite. Geleitet wird das Nationale Begleitgremium vom Professor für Technikfolgenabschätzung, Armin Grunwald, und der Professorin für Umwelt- und Klimapolitik, Miranda Schreurs. Die US-Amerikanerin forscht seit den 1990er-Jahren zur deutschen Klima- und Energiepolitik und lehrt an der Technischen Universität München.

"Aus Sicht des Nationalen Begleitgremiums ist es so, dass wir einen Prozess sehen, der sich entwickelt. Er entwickelt sich besser als das, was wir in der Vergangenheit gesehen haben, als Prozesse total ‚top-down‘ liefen. Und alles wurde von der Verwaltung, von den Bürokraten entschieden. Und heutzutage hat man einen viel offeneren Prozess als in der Vergangenheit."

Im Hüttendorf der "Republik Freies Wendland" nahe Gorleben protestieren Atomkraftgegner 1980 gegen das geplante Atommüll-Lager (picture-alliance / dpa / Dieter Klar)Im Juni 1980 gab es Proteste im Hüttendorf der "Republik Freies Wendland" nahe Gorleben, das Atomkraftgegner aus Protest gegen das geplante Atommüll-Lager errichtet hatten (picture-alliance / dpa / Dieter Klar)
Schreurs bezweifelt jedoch, dass den Kommunen genug Zeit bleibt, um sich in das Verfahren, in die Methodik und die Feinheiten der Abläufe einzuarbeiten, um dann Anfang 2021 in den Teilgebietskonferenzen gute Fragen stellen zu können.

Dazu kommt: das Nationale Begleitgremium hat zwar ein Akteneinsichtsrecht für alle Dokumente des BASE und der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Aber, so Miranda Schreurs, das Budget und auch die Personalstärke des NBG würden kaum ausreichen, um zum Beispiel nach Bekanntgabe des "Zwischenberichts Teilgebiete" alle Geodaten der BGE auch einsehen und prüfen zu können. Trotz der Hilfe von externen Geologinnen und Geologen.

"Es wird sehr wichtig nach der Veröffentlichung des Zwischenberichts, dass wir diese Möglichkeit haben. Wenn Regionen sagen: ‚Wir möchten wissen: was ist eigentlich mit unserer Region? Aus Sicht unserer Geologen hat man hier eine Störung! Warum sind wir drin?" Dann möchten wir natürlich Akteneinsicht nehmen, um das anzuschauen!"

Schon ganz bald rechnet Miranda Schreurs mit diesen Anfragen von Kommunen und Regionen. Wenn 60, 70, vielleicht 80 Teilgebiete im Zwischenbericht der BGE auftauchen, befürchtet sie, wird das NBG kaum in der Lage sein, alle Anfragen zu beantworten. Einmal im Monat kommen die NBG-Mitglieder zusammen, diskutieren über die neuesten Entwicklungen, über neue Gutachten, neue Anfragen aus der Zivilgesellschaft. Für eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro. Das mache es schwer, das Endlagersuchverfahren auf gleicher Augenhöhe mit BGE und BASE zu begleiten.

"Man macht das am Wochenende, man macht das abends, man nimmt ein, zwei Tage in der Woche und packt das obendrauf, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber wir haben etwas, was vielleicht die BGE und das BASE nicht haben, nicht auf dem gleichen Niveau: und das ist ein Vertrauen in der Bevölkerung. Und das hat einen Wert!"

Dieses Vertrauen wird im neuen Suchverfahren eine zentrale Rolle spielen. Nachdem die letzte, nur auf Gorleben fixierte Suche vor allem Misstrauen gesät hat. Vor allem im Wendland, bei den Aktivistinnen und Aktivisten des Gorleben-Widerstands, ist dieses Misstrauen noch immer groß. Wolfgang Ehmke, Sprecher der "Bürgerinitiative Umwelt Lüchow-Dannenberg":

"Alle wissen, dass dieses Standortauswahlgesetz politisch ausgehandelt wurde. Also auch die geowissenschaftlichen Suchkriterien wurden politisch ausgehandelt. Union, SPD und Grüne haben ja gemeinsam dieses Gesetz abgestimmt. Und einer der Aspekte war wahrscheinlich, müssen wir so annehmen, das so zu drehen, dass Gorleben möglichst lange im Spiel bleibt. Wir finden das unglaublich unfair, aber finden kaum Gehör!"

Bayern hält im Koalitionsvertrag fest, dass ein Endlager nicht denkbar ist

Tatsächlich hatten vor allem Baden-Württemberg und Bayern bei den Verhandlungen über das Gesetz darauf bestanden, Gorleben weiter im Rennen zu lassen. Ein Grund zur Sorge sei das aber nicht, heißt es von Wolfram König, dem Leiter der neuen Suche. Wenn der Salzstock nicht geeignet sei, würde er früher oder später ohnehin ausscheiden. Und zwar aus wissenschaftlichen und nicht aus politischen Gründen.

Sein Gegenspieler aus dem Wendland kritisiert aber auch, dass die Zivilgesellschaft auf den geplanten Konferenzen kaum auf Augenhöhe mit dem BASE oder der BGE verhandeln könne. Denn dazu fehle vielerorts die wissenschaftliche Expertise über komplexe geologische Zusammenhänge. Noch schärfer urteilt Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt" über die neue Suche.

"Es gibt Konferenzen, dort kann viel geredet werden. Aber diese Konferenzen haben letztendlich nichts zu sagen! Die Ergebnisse dieser Konferenzen kann die Bundesgesellschaft für Endlagerung letztendlich alle verwerfen und man muss sich darüber nicht verständigen über diese Einwände. Und mit der Wissenschaftsbasiertheit hat es immer dann ein Ende, wenn in jeder Phase der Bundestag entscheidet, welche Gebiete weiterkommen und wir jetzt schon aus unterschiedlichen Gebieten, nicht nur aus Bayern, sondern auch aus anderen Gebieten die Bundestagsabgeordneten vernehmen können, die sagen: ‚Na, ich werde dann schon im Parlament dafür sorgen, dass mein Wahlkreis da raus ist‘."

In Bayern haben CSU und die Freien Wähler bereits im Koalitionsvertrag festgehalten, dass ein Endlager in ihrem Bundesland gar nicht denkbar ist. Und vor wenigen Tagen stellte Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber das ganze Suchverfahren in Frage. Der Politiker der Freien Wähler verwies erneut auf Gorleben als vermeintlich geeignetes Endlager.

Und das, obwohl die Untersuchungen dazu längst nicht abgeschlossen sind, obwohl nicht Bayern, sondern die Bundesgesellschaft für Endlagerung diese Frage beantworten muss. Obwohl auch Bayern dem Standortauswahlgesetz im Bundesrat zugestimmt hat. Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt.

"Umso wichtiger ist es, eine gesellschaftliche Verständigung hinzubekommen und nicht am Ende doch wieder von oben herab zu denken: ‚Wir drücken das jetzt an irgendeinem Standort durch!‘ Das ist ja schon mal schiefgegangen. Und meine Befürchtung ist, dass es auf die Weise, wie man es jetzt versucht, auch wieder schiefgehen wird."

Rebecca Harms weiß um das Misstrauen. Ende der 1970er-Jahre hat sie die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mitgegründet und jahrzehntelang gegen das alte Suchverfahren gekämpft. Sie saß für die Grünen im niedersächsischen Landtag und im EU-Parlament. Sie ist sich sicher, "dass das, was Wolfram König vom BASE macht, dass man das in überhaupt keiner Weise vergleichen kann, geschweige denn gleichsetzen kann mit dem, wie Behörden und Experten aufgetreten sind in den 70er-Jahren. Das ist wirklich ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und deswegen bestehe ich auch darauf, dass wir diesem neuen Verfahren überhaupt erstmal eine Chance geben müssen!"

Am Ende komme es darauf an, ob und wie sich die Menschen auf den Teilgebiets- und später auf den Standortkonferenzen ins Verfahren einmischen, so Rebecca Harms. Und ob die Ergebnisse dieser Debatten in den Suchprozess für ein deutsches Atommüllendlager einfließen, ob die Versprechen eines transparenten und wissenschaftsbasierten Verfahrens wirklich eingehalten werden.

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