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StartseiteForschung aktuellEndlager für Klimakiller08.08.2006

Endlager für Klimakiller

Ingenieure wollen Kohlendioxid unter dem Meer vergraben

<strong>Umwelt. - Der Trend bei Kraftwerken geht hin zu Anlagen, die in Zukunft kaum mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen sollen. Allerdings muss das Klimagas dann anderweitig gelagert werden. US-Forscher schlagen jetzt vor, Kohlendioxid in den Tiefseeboden zu pressen.</strong>

Von Volker Mrasek

In Zukunft könnten Bohrinseln auch Kohlendioxid in die Tiefe pumpen. (mms.gov)
In Zukunft könnten Bohrinseln auch Kohlendioxid in die Tiefe pumpen. (mms.gov)

Auch das neue Konzept sieht vor, Kohlendioxid auf See zu bestatten. Nur soll das Klimagas nicht im Meer versenkt werden, sondern unter dem Meer. Auch dort gibt es poröse Gesteinsschichten, die Kohlendioxid aufnehmen könnten. Daniel Schrag zählt zu den Forschern, die das Konzept jetzt ausführlicher beschreiben. Der Geologe und Geochemiker leitet das Zentrum für Umweltwissenschaften an der Harvard University in den USA:

"Nach unserem Modell wird das Kohlendioxid tief in die Ozean-Sedimente eingepresst. Es löst sich dann im Porenwasser des Gesteins und ist in dieser Form dichter als Meerwasser. Deshalb tritt es nicht mehr aus. Das wäre eine absolut sichere Lagerstätte, vermutlich für Millionen von Jahren."

Nach den Überlegungen der Forscher müsste man die Kohlendioxid-Gefängnisse weit draußen auf See einrichten. Ideale physikalische Bedingungen für die Endlagerung im Meeresboden herrschten erst bei Wassertiefen ab 3.000 Meter, sagt Kurt House, Doktorand an der Harvard University und einer der beteiligten Geowissenschaftler:

"Der Druck in solchen Tiefen ist sehr, sehr hoch. Und die Temperaturen sind niedrig, rund zwei Grad Celsius. Unter solchen Bedingungen wird das Kohlendioxid komprimiert. Es liegt deshalb nicht als Gas vor, sondern flüssig. In dieser Form ist es in den Meeressedimenten "Schwerkraft-stabil", wie wir sagen: Es zeigt keine Neigung, aufzusteigen."

Das marine Kohlendioxid-Gefängnis lässt sich sogar noch ausbruchssicherer gestalten, wie House weiter erläutert. Dazu müsste man das Klimagas etwa 300 Meter tief im Meeresboden versenken. Und damit genau unterhalb jener Sediment-Zone, in der sich so genannte Gashydrate bilden:

"Das sind kristallartige Gebilde, die sehr viel Ähnlichkeit mit Eis haben. Sie bestehen aus Wasser-Molekülen, die einen Käfig bilden, und in der Mitte sitzt ein Gas-Molekül. Das kann zum Beispiel Kohlendioxid sein. Dann hat man ein Kohlendioxid-Hydrat. Wenn man nun Kohlendioxid unterhalb der Zone der Hydratbildung injiziert, dann füllt es die Poren im Gestein aus. Am oberen Rand des Sedimentspeichers aber entstehen diese festen, eisähnlichen Kohlendioxid-Hydrate. Wir glauben, dass sie den Speicher zusätzlich abdichten würden."

Wenn diese Theorie stimmt, wäre die Fluchtgefahr doppelt gebannt. Denn dann hätte man auf dem Kohlendioxid-Endlager unter dem Meer zusätzlich auch noch einen Deckel. Die Überlegungen der Forscher sind zwar bisher nur rein theoretischer Natur. Doch das Konzept ließe sich ohne weiteres praktisch umsetzen, versichert Daniel Schrag:

"Technisch ist das überhaupt kein Problem. Es gibt heute Öl-Plattformen im Meer, die mit ihren Bohrungen sogar mehrere tausend Meter tief ins Meeres-Sediment vordringen. Dagegen ist unser Ansatz wirklich trivial."

Die Harvard-Forscher haben bereits Kontakte zu Öl-Konzernen geknüpft, wie Schrag sagt. Es soll nämlich bald ein erstes Feldexperiment geben, vermutlich im Golf von Mexiko. Dort wird dann Kohlendioxid wirklich erstmals in Meeres-Sedimente eingepresst. Und die Geowissenschaftler können nachprüfen, ob sich das Klimagas tatsächlich so verhält, wie sie glauben, und in der Tiefe verbleibt. Daniel Schrag hofft, dass sich die Theorie von der hermetisch dichten Grabkammer unter dem Meer als richtig herausstellt. Denn dann gäbe es offenbar reichlich Deponieraum für das ungeliebte Kohlendioxid. Die gesamten Emissionen der USA hätten in der 200-Meilen-Zone um das Land herum Platz, und das für Jahrhunderte, wie die Harvard-Theoretiker ausgerechnet haben. Doch wie gesagt: Noch hat niemand gezeigt, dass die Kohlendioxid-Bunkerung unter dem Meer auch wirklich in der Praxis funktioniert.

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