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StartseiteKultur heute Ist Mitmachtheater immer noch peinlich?01.08.2020

Endlich mal erklärt Ist Mitmachtheater immer noch peinlich?

Das Mitgestalten von Gerichtsprozessen, das Sitzen im Kreis. Und die ständige Möglichkeit, angesprochen zu werden: Das Mitmachtheater ist auch eine Herausforderung für die Besucher und Besucherinnen. Aber ist es nur peinlich oder nicht auch sehr poetisch?

Von Christiane Enkeler

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Zuschauer bewegen sich am 19.06.2015 auf dem Marktplatz in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei der Auftaktveranstaltung des Tanz-Festivals "Colours" nach einer Mitmach-Choreographie mit dem Titel: "Ball-Passing" (Wischeffekt durch Langzeitbelichtung und Zoom). Bei dem Festival werden verschiedene Choreographien von zahlreichen Kompanien gezeigt. Zusätzlich gibt es Workshops für Amateure und Profis. Foto: Bernd Weißbrod/dpa (zu lsw Meldung: "Tanz für alle mit 7000 Bällen - Gauthier wirbt für «Colours»-Festival" vom 19.06.2014) | Verwendung weltweit (dpa/ Bernd Weißbrod)
Mitmach-Choreografie mit dem Titel: "Ball-Passing" in Stuttgart auf dem Tanz-Festivals "Colours" 2015 (dpa/ Bernd Weißbrod)
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"Ja, meine Damen und Herren, dies ist die Relevanz-Show, und sie ist jetzt nicht mehr zu stoppen." 

Ohjah, das ist peinlich! Es ist 2007, und auf der Bühne puscheln sich sieben Damen und ein Quotenmann – die Gruppe She She Pop – durch eine Bühnenrevue mit dem Titel "Relevanz-Show", mit Federboas und Brustwarzen-Abklebetroddeln, vor einem Publikum, das teilweise auf der Bühne hinter Tiermasken in Reihe tanzen soll. Ich für meinen Teil versinke tief im Theaterstuhl....

Und bekomme später einen Riesenschreck, als ich über die nächste Produktion von She She Pop berichten soll. Oh! Mein! Gott! Eine viel kleinere Inszenierung mit viel weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken! Unter dem Titel "Familienalbum" sitzen sich die Zuschauer, die alle gleichzeitig auch mitspielen, im Kreis gegenüber. Meine Flucht nach vorn ist ein Interview zur Premiere mit der offen gestellten Frage, was She She Pop überhaupt macht.

Sebastian Bark: "Wir machen Performance-Theater. In einer Art und Weise, dass wir ein Szenario entwickeln, was wir dann mit den Zuschauern zusammen durchleben. Also, wir sehen das selbst als eine Teststrecke, wo man sich selbst kennenlernt und bestimmte Verhaltensweisen ausprobiert, Entscheidungen trifft, sich neue Regeln überlegt. Ooder wir überlegen uns Regeln und dann probieren wir sozusagen mit den Zuschauern gemeinsam aus, wie wir uns diesem Szenario verhalten könnten. Wir machen keine Theaterfiktion, sondern wir versuchen die Gemeinschaft im Theatersaal eins zu eins zu nehmen und die als Gemeinschaft sich gegenseitig anerkennen zu lassen. Das Publikum ist immer sichtbar, ist immer in dieses Szenario integriert und spielt darin eine Rolle."

Demokratisch oder symbolisch?

Aaach so! Nach der Phase des standesbewussten bürgerlichen Theaters bis ins 19. Jahrhundert, in dem zurückhaltend im Dunkeln mitgefühlt wurde, wie das Bürgertum auf der Bühne sich mit dem Adel verhakte, dabei immerhin bürgerliche Schicksale auf die Bühne kamen, ist es eine bedeutende Entwicklung, wenn nun das Publikum selbst, heute deutlich "bunter", das Geschehen auf der Bühne mitbestimmen soll.

Wie demokratisch dieses Mitmachen sein kann, zeigt sich in vielen Stadtteilprojekten, bei denen Bürger mitspielen, vorher mitproben und Inhalte aus ihrem Leben einbringen. Und darin, dass die Kulturstiftung des Bundes schon vor rund zehn Jahren dieses "partizipative, also teilhabende Theater" gezielt gefördert hat. Kritische Stimmen sagen, diese Teilhabe sei vor allem "symbolisch", oder am Ende stehe doch die große Harmonie oder verfestigten sich Klischees.

Die heutigen Produktionen sind sehr entspannt. Meistens verlässt man die Produktion und sieht die Welt mit anderen Augen. Das kann man als die eigentliche Aufgabe von Kultur und Theater sehen. Es gibt zig verschiedene Wege, wie Theatergruppen "Teilhabe" verwirklichen.

"Es geht heute um Statistik, für die heutige Bühne wurde eine Stichprobe von 100 Personen gezogen, diese Stichprobe vertritt Wien. Also jeder von diesen hundert Leuten steht für 17.000 Menschen."

Kritisch und forschend

Man wollte den Zuschauer*innen keine Illusion mehr vorsetzen. Sondern die Menschen von "draußen" sollten mit ihren Erfahrungen eine Rolle spielen. So schickt die Gruppe Rimini Protokoll sogenannte "Experten des Alltags" zu bestimmten Themen auf die Bühne.

Und Hofmann & Lindholm setzen "Komplizen" ein, die von Aktionen jenseits der Bühne berichten - bei denen unklar ist, ob sie sie jemals durchgeführt haben. Alle bisher genannten Gruppen stammen aus dem Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Hinter ihren Konzepten steht ein kritisches, reflektierendes, forschendes Denken. Und alle können sehr poetisch daherkommen.

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern. 

Gleichzeitig entwickelte sich ein hoch illusorisches Theater, das trotzdem ganz anders war als alles, was man bis dahin kannte.

Das dänisch-österreichische Duo "Signa" entwirft bis ins Kleinste ausgearbeitete, begehbare Installationen von Welten, von denen man als Zuschauerin geradezu eingesogen wird, die ebenfalls die Kraft haben, den Blick zu verändern. Virtuelle Realität zum Anfassen. Auf alle diese Entwicklungen setzt inzwischen die nächste Generation noch eins drauf.

"Die Einreisebedingungen für die Lörische Republik waren bereits im Laufe des Jahres sukzessive erschwert worden. Wer künftig in der Lörischen Republik ein Visum beantragen oder einen Asylantrag stellen möchte, muss entweder besondere Voraussetzungen erfüllen, oder einen besonderen Grund vorweisen."

Fließende Grenzen

Gruppen wie "machinaEx" sind fit in den Dramaturgien von Computerspielen und nutzen sie für Inszenierungen, bei denen das Publikum versuchen muss, den Raum zu verlassen wie einen "Escape-Room". Oder die großen Themen werden verhandelt und wir fragen uns im Spiel, ob wir einen Wahlbetrug decken sollten. Die Grenzen verschwimmen zwischen Theater, Gaming – und Verhandlung.

"Der Tisch ist euer Spielbrett, die Knöpfe und Hörer eure Karten. Und ihr seid die Spielerinnen und Spieler." 

"Die Konferenz der wesentlichen Dinge" von pulk fiktion, rund zehn Jahre nach She She Pop. Die Themen: "Relevanz" und "Familie". Alle sitzen im Kreis, bekommen Anweisungen und können abstimmen. Kinder gehören zur Runde und verhandeln die Regeln mit.

Das "Mitmachtheater" von früher gibt es so nicht mehr. Es geht ums Gestalten. Es geht im Kleinen um die wichtigen Dinge; wir sollen alle mitentscheiden.

Und das kann verdammt poetisch sein.

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