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StartseiteKultur heuteMüssen tanzende Schwäne wirklich weiß sein?22.04.2020

Endlich mal erklärtMüssen tanzende Schwäne wirklich weiß sein?

Der klassische Schwan im berühmten "Schwanensee" ist weiblich, athletisch und weiß. Ist dieses Klischeebild noch zeitgemäß? Der Direktor des Balletts von Monte-Carlo sagte kürzlich, er könne diese Frage nicht beantworten. Der Tanz ist von Diversität offensichtlich noch weit entfernt.

Von Wiebke Hüster

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Im Tanz werden verschiedene Debatten zum Thema Diversität geführt. Eine erhielt neuen Zündstoff im Dezember 2019: Zwei Tänzerinnen des Moskauer Bolschoi-Balletts posteten auf Instagram Fotos, die sie kostümiert für ein berühmtes klassisches Handlungsballett aus dem 19. Jahrhundert zeigten, "La Bayadère"  – mit dunkel geschminkter Haut. Das sogenannte "Blackfacing" offenbare, wie die "New York Times" schrieb, kulturhistorische Unterschiede zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

"Blackfacing", wie man das Dunkelschminken hellhäutiger Darsteller und Darstellerinnen nennt, löst in den Köpfen US-amerikanischer Betrachter sehr unschöne Assoziationen aus, weil es an Zeiten erinnert, als diese Theaterpraxis zur Darstellung rassistischer Klischees eingesetzt wurde – eine unmögliche Praktik, die nicht mehr in unsere Zeit gehört. Doch im Gegensatz zur US-amerikanischen Kulturwelt haben russische klassische Tänzerinnen wie die beiden Ballerinen des Bolschoi zu dieser üblichen Maskierung und Kostümierung eine wesentlich unbefangenere, man könnte auch sagen naivere Einstellung. Es gab im 19. Jahrhundert keine afrikanischen oder afro-amerikanischen oder indischen Tänzerinnen am Bolschoi. Um also die Illusion eines in fernen Ländern spielenden Balletts zu erzeugen, mit dem damals erfolgreich und wiederholt das sehnsuchtsweckende Bild exotischer Gegenden und ebenso exotisch anmutender Protagonisten entworfen wurde, schminkte man – und schminkt man weiterhin – die betreffenden Tänzer entsprechend.

Derselbe Artikel der "New York Times" bildet Anna Netrebkos Instagram-Post als äthiopische Prinzessin Aida in der Titelrolle von Guiseppe Verdis gleichnamiger Oper in einer Bolschoi-Inszenierung ab. Auch sie trägt dunkles Make-up und findet daran nichts zu beanstanden.

Kein naives Publikum mehr

Soll man sagen, wenn es nicht in diskriminierender Absicht geschieht, ist es okay? Schwierig. Eigentlich ist die Zeit längst da, dass wir als Publikum nicht so naiv sind. Wir abstrahieren, wir brauchen auch in anderer Hinsicht kein Illusionstheater mehr. Warum also geschminkte Darsteller auf der Bühne?

Kann man das dunkle Make-up nicht einfach weglassen, so wie wir heute längst nicht mehr "Mohrenköpfe" zu Schokoküssen sagen würden? Man soll das diskutieren und sich für eine szenisch annehmbare, nicht-diskriminierende Lösung entscheiden. Deswegen sind Marius Petipa und Lew Iwanow, die berühmtesten Choreographen des 19. Jahrhunderts, nicht zu verurteilen - vom Verdacht des Nationalismus und Rassismus sind sie freizusprechen. Schon damals war ein Ballettensemble multi-ethnisch.

Muss man diese Werke unter postkolonialen Generalverdacht stellen? Die Frage trifft das Ballett ähnlich wie die Bildende Kunst. In der Oper ist es möglich, durch die Inszenierung Distanz herzustellen zu den musikalisch und im Libretto geschilderten Vorgängen und Charakterisierungen. Das Bild eines tanzenden Dorfes in der Südsee ist ein historisches Bild. Im Ballett führt man Werke auf, die aus Zeiten stammen, als es kein Bewusstsein für Diskriminierung gab.

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.

Das andere Problem der Diversität im Tanz ist gewichtiger: Da geht es um die Frage, wieso es so wenige schwarze Ballerinen und Tänzer gibt. Und wer jetzt fragt, ob das nicht ein überwiegend US-amerikanisches Problem sei, dem antworten die Globalisierung und Digitalisierung und Virtualisierung aus einem Mund: Nein, nicht mehr in Zeiten von Instagram.

Arthur Mitchell im "New York City Ballet"

Die zeitgenössische Theaterästhetik ist ganz anders als die des späten 19. Jahrhunderts. Verbreitet ist die Ansicht, dass im Theater die Gegenwart abgebildet und kritisiert werden muss. Regisseure bringen Laiendarsteller auf die Bühne. Ein Schauspielensemble etwa, so die Meinung vieler, sollte in seiner Zusammensetzung die gesellschaftliche Realität spiegeln. Davon ist die Realität des Tanzes weit entfernt. Zwar stellte George Balanchines berühmtes "New York City Ballet" bereits in den Fünfzigerjahren mit Arthur Mitchell den ersten schwarzen Tänzer ein. Aber noch im vergangenen Jahr sagte Jean-Christoph Maillot, Direktor des Balletts von Monte-Carlo, er könne die Frage nicht schlüssig beantworten, ob er es befürworte, wenn unter den 32 Schwänen in "Schwanensee" nicht-weiße Ballerinen seien. Das ist absurd. Aber es ist eine kulturelle, weit verbreitete Absurdität.

2020 und die amerikanische Kosmetikfirma "Estée Lauder" wirbt mit Anzeigen, auf denen mehrere Models unterschiedlicher Hautfarbe zu sehen sind, für ihre neuen Make-ups in dunklen Tönen. Erst seit 2019 gibt es regulär hergestellte Spitzenschuhe in Hauttönen, die für "People of Color" passen.

Arthur Mitchell verließ das "New York City Ballet" 1969 nach der Ermordung Martin Luther Kings und gründete das "Dance Theatre of Harlem". 2015 wurde Misty Copeland zur Ersten Solistin am New Yorker "American Ballet Theatre" ernannt - als erste afroamerikanische Tänzerin, die in diesen Rang erhoben wurde.

Vorbildwirkung

Noch immer ist es so, dass jemand wie sie oder der kubanisch-stämmige Tänzer Carlos Acosta eine ganz große Vorbildwirkung haben. Ihr Erfolg sagt schwarzen Kindern: Ihr könnt es schaffen! Und es sagt vorurteilsbehafteten oder unreflektierten Weißen: Was ist Euer Problem?

In einem weiteren Sinne als dem ethnischen hat Diversität noch ganz andere Dimensionen in den Darstellenden Künsten. Diversität heißt, andere Körperformen, Körpergrößen auf Bühnen selbstverständlich zu finden, heißt auch, ältere Tänzer sehen zu wollen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen.

Ein Begriff von Tanz, der den Standards der Gegenwart Rechnung trägt, sollte divers sein. Erst dann wäre er vollständig und lebendig.

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