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StartseiteKultur heuteMuss in Filmen immer was passieren?04.05.2020

Endlich mal erklärtMuss in Filmen immer was passieren?

"Action!" - so lautet das klassische Kommando, wenn der Regisseur dem Ensemble am Set den Einsatz für die Szene gibt. Handlung gehört zum Film. Aber muss in Filmen immer etwas passieren? Schon mit den Dokumentarfilmen in den 1920er-Jahren gewann schließlich das kontemplative Kino an Bedeutung.

Von Rüdiger Suchsland

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Die Raumstation in Stanley Kubricks Science-Fiction-Film "2001 - Odyssee im Weltraum" erzeugt künstliche Schwerkraft, indem sie sich um ihre eigene Achse dreht (imago / Entertainmen tPictures)
"2001 - Odyssee im Weltraum" - ein Film, bei dem vermeintlich nichts passiert (imago / Entertainmen tPictures)
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Bruce Willis im gerippten Unterhemd, gegen das Böse und gegen den Lauf der Zeit kämpfend: Das scheint der prototypische Kinoheld der letzten Jahrzehnte zu sein. Entsprechend bedeutete "Kino" immer Action, also Tempo, Tempo - eine Explosion hier, eine neue Herausforderung da. Nie zur Ruhe kommen.

"Action!" ist passenderweise schon das klassische Kommando des Regisseurs am Set, wenn er dem Ensemble den Einsatz für die Szene gibt. Und natürlich hat es in Filmen auch immer eine Geschichte zu geben. Oder?

Geschichtslose Filme kann man sich jedenfalls nach wie vor nicht wirklich vorstellen. Und Erfahrungen wie Ruhe, Langsamkeit, Entschleunigung, ja Stillstand sind - so scheint es - erst in den vergangenen Jahren ein wenig mehr im Kino in Mode gekommen.

Anarchistisches Vergnügen

Aber waren Filme eigentlich schon in den Anfängen des Kinos Actionfilme? Einerseits kommt das Kino ursprünglich vom Jahrmarkt und vom Varieté her: Da ging es um Sensationen, Entertainment, Staunen. Kino war Slapstick. Es knallte und schepperte in jeder Ecke. Diese Entfesselung des Chaos' war nicht zuletzt ein anarchistisches Vergnügen, in dem es wie im Theater um Widerstand gegen Ordnung, gegen Regeln und Verordnetes ging.

Andererseits beginnt mit dem Staunen, wie es schon bei Platon heißt, die Philosophie. Und im Kino wird aus der Action die Passivität geboren: Buster Keaton war ein Stoiker im Slapstick-Chaos; und zu jeder Action gehörten - auch schon zu Slapstick-Hochzeiten - die Ruhemomente essentiell dazu. Zunächst allerdings vor allem, um die Action um so sichtbarer zu machen.

Entdeckung fremder Welten

Erst in den 1920er-Jahren begann sich das zu ändern. Die zunehmende Bedeutung des Dokumentarischen - ausgelöst durch "Nanook of the North" von Robert J. Flaherty und dann etwa in den Filmen von Joris Ivens - verschob die Sehgewohnheiten. Denn Dokumentarfilm heißt beobachten, hinschauen. Dafür braucht man Geduld. Die wird aber auch belohnt.

Nehmen wir Tierfilme. Mit der Ruhe und der Geduld entdecken wir das Ungesehene, noch Unvertraute: fremde Welten, nicht-menschliche oder nicht-zivilisierte Lebensformen in den Reportagefilmen der 1930er Jahre, die dem Publikum des Westens die Menschen ferner Kontinente nahe brachten. Dann aber auch die unbekannten Welten im Eigenen: den Mittleren Westen der USA im New-Deal-Amerika oder das Leben auf dem Land im Spanien vor dem Bürgerkrieg.

Publikumserfolge ohne Action

Der zweite Bruch mit dem Action-Paradigma kam dann mit dem Modernismus seit etwa Mitte der 1950er-Jahre und den "Neuen Wellen" des Europäischen Kinos, die ziemlich schlagartig um 1958/59 einsetzten.

Auch die Einführung des Fernsehens zur gleichen Zeit hatte Folgen. Plötzlich musste sich das Kino ein neues Terrain erobern. Es hatte aber auch ein neues Publikum: das gebildete, liberale Bürgertum. So gibt es dann sogar große Publikumserfolge, in denen vermeintlich nichts passiert. Etwa die Filme von Michelangelo Antonioni oder Stanley Kubricks "2001". Diese Linie kann man dann bis in die Gegenwart weiterverfolgen - bis in die meditativen Spielfilme wie Apichatpong Weerasethakuls "Uncle Boonmee".

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.

Wie in Corona-Zeiten

Heute gibt es den "typischen Festivalfilm", in dem in langen Einstellungen vermeintlich nichts passiert, Menschen bewegungslos und dialogarm figurativ agieren.

Und in Corona-Zeiten denken wir Leere und Actionverzicht neu: Leere Städte und Straßen wie sie in den letzten Wochen zu unserem Alltag gehörten, gibt es ja nicht nur in Kunst von Antonioni, sondern auch in postapokalyptischer Science-Fiction, in Zombiefilmen. Dieser Horror vacui ist sehr produktiv. Man füllt die Leere mit seinen eigenen Phantasien. Und tatsächlich sind Ruhe und Leere in manchen Filmen nur die Ruhe vor dem Sturm.

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