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StartseiteKultur heuteTanzen - Nur mit Drill auf die Spitze?28.06.2020

Endlich mal erklärtTanzen - Nur mit Drill auf die Spitze?

Tanz ist eine Kunst, für die enorm viel Disziplin gebraucht wird, damit sich das Ergebnis auf der Bühne später sehen lassen kann. Kann man also nur mit Drill die oft sehr jungen Tanzeleven zu Höchstleistungen bringen?

Von Wiebke Hüster

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Die Tänzerin Marlúcia do Amaral in einer Choreographie von Martin Schläpfer. (Gert Weigelt)
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In Thomas Bernhards Roman "Holzfällen" spricht ein Burgschauspieler davon, was es bedeutet, ein Theaterleben zu führen. Ein Schauspielerschicksal sei ein Opferschicksal, die Arbeit fordere alles von ihm: "Zuerst in die Dichtung eindringen, dann den Dichter wirklich verstehen und dann die Rolle wirklich verstehen und dann die lange Probenzeit, die ihn den ganzen Herbst und Winter gekostet habe." In der Theaterwelt zu leben heißt, nicht zu merken, wie während der Arbeit an einer Inszenierung vom ersten Probentag bis zur Premiere die Jahreszeiten vergehen. Es bedeutet, abends um zehn ins Bett zu gehen und um sechs Uhr wieder aufzustehen.

Im Tanz ist es genau wie im Schauspiel, nur schlimmer. Das Klischee von der Ballerina, die abends nach der Vorstellung nach Hause zurückkehrt, ihr Trikot wäscht und ein Ei isst, bevor sie sich hundemüde in ihr Bett legt, stimmt. Der wichtigste Unterschied zwischen den darstellenden Disziplinen liegt nicht im Grad der Hingabe, der im professionellen Alltag aufgebracht werden muss. Der größte Unterschied liegt in dem lebenszeitlichen Moment, in dem dieser Drill beginnt. Kein Schauspieler muss als Kind stundenlang und jeden Tag üben, wie man lacht, weint, schreit oder Texte auswendig lernt. Man kann sich im Alter von achtzehn Jahren entscheiden, Schauspieler zu werden. Wer aber in diesem Alter zum ersten Mal eine Ballettschule betritt, wird es niemals bis zur Bühnenreifeprüfung schaffen.

Früh übt sich

Wem das gelingen soll, der muss als Kind beginnen, seine Fersen so zusammenzustellen, dass die Zehen nach außen zeigen, hundertachtzig Grad. Die Knie so zu beugen, dass sie genau über den Füßen sind. So kontrolliert aus dem Plié mit den gebeugten Knien abzuspringen, dass der Oberkörper ganz ruhig bleibt. In der Luft einen Moment stehenzubleiben, mit gestreckten Füßen, dann sanft wieder zu landen, das mehrfach, scheinbar anstrengungslos, wiederholen zu können. Technik und Stamina, Musikalität und Bewegungsverständnis auszubilden, dauert neun Jahre. Es beginnt in der Kindheit und dauert eine Jugend. Niemand, der das nicht wirklich selbst will, steht das durch. Die Tanzlehrer sind auch Erzieher, sie unterstützen, lenken und korrigieren.

Nie ist es gut genug. Drei saubere Pirouetten sind sauber und mehr als zwei, aber eben nicht vier. Das ist hart, und der Ausdruck Drill passt. Strenge ist manchmal vonnöten, aber nicht negative, herabsetzende, abwertende, kränkende und verletzende Strenge. Die besten und erinnerungswürdigsten Lehrer sind jene, die die Wahrheit sagen und helfen, diese Wahrheit, wo nötig, zu verändern. Wenn man mit achtzehn Jahren auf einer großen Bühne stehen muss und sie so zu füllen imstande sein will, dass ein Publikum fasziniert ist, dann muss man als Kind arbeiten wie ein Erwachsener. Schikanieren lassen muss man sich nicht.

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Die Wahrheit, die jetzt über die Staatliche Ballettschule und das Verhalten ihrer gekündigten Leiter Ralf Stabel und Gregor Seyffert ans Licht kommt, ist schrecklich. Wir haben über die letzten Jahre viele erschütternde Berichte unter dem Hashtag METOO gelesen, darunter auch aus der Tanzwelt. Im letzten Herbst zog die Wiener Ballettschule Konsequenzen, zu Beginn dieses Jahres trennte sich das Royal Ballet von Hauschoreograph Liam Scarlett. Der Fünfunddreißigjährige wurde wegen sexuellen Mißbrauchs an Studenten der Royal Ballet School entlassen und seine sämtlichen Werke aus dem Spielplan entfernt. In einer Atmosphäre von harter körperlicher Arbeit, in deren Rahmen es notwendigerweise zu Berührungen kommt, kann ein Machtverhältnis zu Mißbrauch führen.

Spiritueller Lehrer

Tanz bedeutet aber etwas ganz Anderes. Nicht nur muss man, ähnlich wie Athlethen, sehr früh beginnen, um die Laufbahn der körperlichen Leistungskurve entsprechend durchleben zu können. Professionelle Tänzer müssen wie Sportler diese Disziplin zwanzig Jahre aufrechterhalten. Die frühere Ballerina des New York City Ballet, Barbara Walczak, zählte zur ersten Generation der Tänzer George Balanchines. Sie revolutionierten mit ihm den neoklassischen Tanz und machten New York zum neuen Zentrum der Tanzkunst.

In ihrem Buch "Balanchine the Teacher" berichtet sie, wie Balanchine Disziplin und Drill auffasste. Das tägliche Training, das er selbst gab, war ein Ritual, eine körperliche Einstimmung, der Versuch, über sich selbst hinauszuwachsen, jeden Tag, sechs Tage die Woche, jede einzelne Minute von anderthalb Stunden. Wenn sie an die Schwierigkeit einiger dieser Ballettklassen denke und an die körperliche Müdigkeit, das Resultat der Vorstellung vom Vorabend, und sich zu erinnern versuche, was sie jeden Morgen angetrieben habe, aufzustehen und zum Training zu gehen, dann sei es Balanchines Art gewesen, das Training zu geben: "Er nahm uns mit auf eine Entdeckungsreise, um herauszufinden, wie weit wir mit Körper und Geist gehen, um seinen musikalischen Konzepten und Rhythmen tänzerischen Ausdruck zu verleihen."

Als Tendue bezeichnet man das Herausschleifen eines Fußes bis zu seiner vollständigen Streckung, sodass nur noch die Zehen den Boden berühren. Ein Tendue ist eine Übung, ein Ritual, aber eben auch der Mikro-Bestandteil großer Kunst. Für Balanchine gab es nur den Moment, für den er lebte, wenn er den Ballettsaal betrat. An keinem anderen Ort wäre er dann lieber gewesen, nichts hätte er lieber getan, als dieses Training zu geben. Das strahlte er aus, das begeisterte seine Compagnie. Guter Unterricht, guter Drill, ist eine Kunst.

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