Donnerstag, 09.07.2020
 
Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteWaren Mietskasernen wirklich so schlimm?14.04.2020

Endlich mal erklärtWaren Mietskasernen wirklich so schlimm?

Beklemmend und stickig, dunkel und laut. So genannte Mietskasernen hatten einen schlechten Ruf, denn der enge Wohnraum bot kaum Platz für Licht, Luft und Privatsphäre - egal, ob in Wien, Berlin oder New York. Die Armenbehausung von einst ist jedoch heute unter Wohlhabenden beliebt.

Von Nikolaus Bernau

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Hinterhof im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. (imago stock&people)
Fenster an Fenster, Wand an Wand, Tür an Tür (imago stock&people)

Für Wohnungs-, Sozial- und Hygienereformer waren sie zwischen etwa 1880 und 1980 der Inbegriff für räumlich schlechtes Wohnen, problematische Sozialstrukturen, sittlichen Verfall und Krankheitsausbrüche: die Mietskasernen.

Diese Wohnform gab es schon in der römischen Antike; sie erlebte mit den Massengesellschaften des Industriezeitalters jedoch eine Renaissance. Die Bauordnungen unterschieden sich von Land zu Land, aber in den Grundzügen glichen sich die Mietskasernen in allen kapitalistisch organisierten Staaten und Städten - in Paris wie in Wien, in New York, Berlin oder Shanghai.

Minimale Hoflöcher

Erlaubt wurde die maximal dichte Bebauung der Grundstücke mit Vorder-, Seiten- und Hofhäusern. Die Hoflöcher waren teilweise nur groß genug für den Drehkreis einer Feuerwehrleiter; und technische Infrastruktur rüstete man in vielen Fällen erst später nach. Berlin bildete mit seiner Bauordnung aus dem Jahr 1858 lange Zeit eine der wenigen Ausnahmen: Sie schrieb den Bau von Wasser- und Abwasserleitungen vor dem Bau der Häuser vor.

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Profisprachen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Jede Szene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie praktisch sind, griffig und zutreffend. Spezialsprachen verbinden die Wissenden, schließen aber den Rest aus. Wir erklären die Kernbegriffe der Kultur-Spezialsprachen. Denn Arroganz war gestern.

Mietskasernen waren ein Musterbeispiel für soziale Durchmischung und für die Flexibilität von Architektur: Seitdem die Bevölkerungszahl in ihnen radikal gesunken ist, haben auch die einst so verrufenen Mietskasernen ihr Renommee verändert. Nun heißen sie Palais, werden sogar neu gebaut, um die technische Infrastruktur der Städte räumlich besser ausbeuten zu können.

Nachfolger der Mietskasernen

Die eigentlichen Erben der Mietskasernen sind also nicht die Wohnhochhäuser von Wuhan oder São Paulo, sondern die am Strand von Ipanema in Rio de Janeiro, hinter denen sich die Armenviertel der Favelas den Hang hinaufziehen.

Mietskaserne – das ist vor allem ein Wort der Wohlhabenden, mit denen die Behausungen der Armen abgewertet werden sollten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk