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StartseiteKultur heuteWarum hat jede Region ihre eigenen Krimis?14.08.2020

Endlich mal erklärtWarum hat jede Region ihre eigenen Krimis?

Vom Allgäu bis an den Gardasee, von der Provence bis nach Stuttgart oder Venedig: Zu beinahe jedem europäischem Winkel scheint es den passenden Krimi zu geben. Die Popularität solcher Krimis ist ungebrochen. Ein Grund dafür: die Globalisierung.

Von Maike Albath

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Hinweis an einem Baum Eifelkrimi Wanderweg und Eifelverein Erft Liesser Mosel Weg. Der Eifelkrimi-Wanderweg verbindet 11 Schauplätze miteinander, wobei er in zwei Routen von 18 und 20 km Länge aufgeteilt ist. Wanderung bei Kerpen ( Vulkaneifel ) (imago images / Manngold)
Tod in der Eifel - Regionale Krimis werden auch touristisch ausgeschlachtet (imago images / Manngold)

Kaum ein Genre hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr Geld in die Verlagskassen gespült als Geschichten über Ermittler, die in allen Winkeln der Welt Verbrechen aufklären. Angesichts einer immer größeren Komplexität der Welt scheint es wohltuend zu sein, das Böse klar identifizieren und ausgrenzen zu können. Dass die Romane an einen charakteristischen Ort gebunden sind, gehört ebenfalls seit jeher zu ihrer Ausstattung. Dorothey Sayers vermögender Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey und der ebenfalls gut betuchte analytische Kopf Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle ermitteln häufig in London und Umgebung, Raymond Chandlers hartgesottener Privatdetektiv Philip Marlowe in Los Angeles und Vásquez Montalbàns ironischer Pepe Carvalho mit seiner Leidenschaft für die katalanische Küche in Barcelona. Die Stadt als sozialer Raum spielt bei allen eine Rolle, aber vor allem die Carvalho-Reihe, die 1972 ihren Auftakt nahm, war immer auch eine gesellschaftspolitische Erkundung des Schauplatzes.

Provinz-Universen aus Stuttgart und der Eifel

Im deutschen Sprachraum setzte der Siegeszug der regional verankerten Krimis in den 1980er-Jahren ein. Ein Vorreiter war zweifellos Jakob Arjouni mit seiner Kayankaya-Reihe, die 1985 mit dem legendären Titel "Happy Birthday, Türke!" ihren Auftakt nahm. Jacques Berndorf schuf mit den 23 Bänden seiner Eifelreihe um Siggi Baumeister seit 1989 ein ganzes Provinz-Universum. Kurze Zeit später kam Uta-Maria Heim mit ihren Stuttgart-Krimis hinzu, und Ende der 1990er-Jahre begann Friedrich Ani, mit seinen Romanen über den Ex-Polizisten Tabor Süden ein eher düster-schillerndes Bild von München anzufertigen. Viele andere zogen nach. Natürlich geht es längst nicht mehr darum, eine Ordnung, die durch ein Verbrechen aus dem Gleichgewicht gebracht ist, wiederherzustellen – auch ein gelöster Mordfall kann das grundsätzliche Unbehagen nicht zerstreuen.

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.

Frauen mischen in Deutschland erst seit den 1980er-Jahren mit

Das Modell des Kriminalromans genussvoll zu unterlaufen war auch deshalb ein Kennzeichen der Postmoderne. Genau in jener Phase feierte das Genre aber international eine enorme Renaissance: Es begann mit P.D. James, später kamen Batya Gur, Hennig Mankell oder Andrea Camilleri hinzu. Während anderswo seit jeher Frauen mitmischten - Sayers und Agatha Christie machten nur den Anfang - kamen in Deutschland Krimiautorinnen erst seit den 1980er-Jahren zum Zuge. Ingrid Noll ebnete den Weg. Andrea Maria Schenkel präsentierte in ihrem Bestseller "Tannöd" eine bayerische Geschichte, Simone Buchholz macht Hamburg zum Schauplatz und Rita Falk in ihrer Franz-Eberhofer-Serie Niederbayern.

Starke Verankerung im Typischen

Kurioserweise werden besonders beliebte Reihen über charakteristische Gegenden und Städte - die Provence, die Bretagne oder Triest - oft von ortsfremden Autoren vorgelegt: Martin Walker, Luc Bannalec und Veit Heinichen. Grund für die starke Verankerung im Typischen ist zweifellos die Globalisierung: Wenigstens beim Lesen möchte man sich an wiedererkennbaren Orten aufhalten. Neben handwerklich tadellosen und teils auch literarisch guten Büchern gibt es mittlerweile eine Fülle von sprachlich und dramaturgisch eher bescheidenen Werken. Da nützt es dann wenig, wenn der Ermittler mittags eine Weißwurst zuzelt und dazu eine Maß trinkt.

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