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StartseiteKultur heuteWarum wird in Israel so begeistert getanzt?10.08.2020

Endlich mal erklärtWarum wird in Israel so begeistert getanzt?

Tanz aus Israel ist eine eigene Marke und ein Exportartikel. Das zeigen Ensembles wie die Batsheva Dance Company, die durch Gastspiele international bekannt sind. Doch warum wird in Israel so begeistert getanzt? Und warum ist dort die Tanzkunst so wichtig?

Von Elisabeth Nehring

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Tänzer der Batsheva Dance Company bei einem Auftritt am Theatre National de la Danse de Chaillot in Paris, 16.10.2018  (imago images / Le Pictorium / Laurent Paillier)
Tanzbegeisterung aus Israel: die Batsheva Dance Company bei einem Auftritt in Paris (imago images / Le Pictorium / Laurent Paillier)
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Tanz in Israel – das bedeutet: Künstlerischer Tanz auf der Bühne, aber auch eine starke Volkstanzbewegung, die den Tanz als gemeinschaftsstiftende Praktik begreift. Viele historische Einflüsse, viele Traditionen, viele Geschichten. Zum Beispiel die der europäischen Ausdruckstänzerinnen wie Margalit Ornstein, die bereits seit den 20er-Jahren in Tel Aviv Freien Tanz unterrichtete. Oder die von Gertrud Kraus, einer bekannten Wiener Ausdruckstänzerin, die 1935 ins damalige Palästina emigrierte und später in Israel zu einer der wichtigsten Choreografinnen wurde.

"Wenn ich das überlebe, werde ich mein Leben lang tanzen"

Yehudit Arnon kam 1948 als 19-Jährige nach Israel, um im Kibbuz Ga’aton ein neues Leben zu beginnen. Sie hatte den Holocaust überlebt und wollte fortan tanzen. Den Grund dafür hat sie bis ins hohe Alter ihren Besuchern erzählt: Im Winter 1944 habe sie in Auschwitz den Befehl verweigert, für die Offiziere zu tanzen und musste dafür zur Strafe die ganze Nacht im Schnee stehen. Da habe sie sich geschworen:

"Wenn ich das überlebe, werde ich mein ganzes Leben lang tanzen."

Im Kibbuz Ga’aton unterrichtete Yehudit Arnon anfangs Rhythmische Gymnastik und organisierte das abendliche Tanzvergnügen – wobei der Geist des europäischen Tanzerbes und ein starker Bezug zum Volkstanz bei ihr zusammentrafen. Aus den Amateurtänzen in ländlicher Umgebung entstand nach und nach eine immer professioneller arbeitende Tanzkompanie. 1969 gründete Yehudit Arnon die Kibbutz Dance Company– bis heute eines der größten Ensembles des Landes.

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Bereits vor der offiziellen israelischen Staatsgründung ist die Geschichte des Tanzes eng gekoppelt an den Aufbau einer nationalen Identität. Der Nationale Tanzwettbewerb, 1937 in Tel Aviv abgehalten, zeigt die weitreichende Bedeutung, die der Tanz für die sich herausbildende jüdische Gesellschaft im damaligen Palästina hatte. Ausgezeichnet werden sollte der- oder diejenige, dessen Tanz am überzeugendsten das neue Hebräertum verkörpert.

Ausdruck einer neuen hebräischen Identität

Die "Neuen Hebräer" sollten vieles gleichzeitig sein: modern im Ausdruck, aber auch verbunden mit ihren Traditionen, zionistisch gebildet und zugleich geprägt von dem Wissen um die biblische Vergangenheit des jüdischen Volkes. Das populärste Bild des "Neuen Hebräers" ist das eines starken Individuums mit engen Verbindungen zum Kollektiv, das – im Gegensatz zum schwachen, passiven Juden – muskulös und kräftig, sportlich und kämpferisch sein sollte.

Auch wenn beim Nationalen Tanzwettbewerb 1937 subtilere Körperbilder gezeigt wurden – die bedeutenden Tanzkünstlerinnen dieser Zeit beschäftigten sich mit dem künstlerischen Ausdruck einer neuen hebräischen Identität.

Gaga - eine Tanztechnik auch für Laien

In der internationalen Wahrnehmung ist kein Tanzensemble enger mit dem israelischen Tanz verbunden als die Batsheva Dance Company – 1964 von der jüdischen Kunst-Mäzenin Baronesse Batsheva de Rothschild und der expressionistischen Tänzerin Martha Graham gegründet. Seit 1990 wird sie von Ohad Naharin geleitet, der mit seiner ganz speziellen, butterweichen und zugleich explosiven Bewegungssprache und seinen kraftvoll-mitreißenden, energiegeladenen Choreografien das Ensemble zum Aushängeschild für den israelischen Tanz gemacht hat.

Die von ihm entwickelte Tanztechnik Gaga kann nicht nur von Tanzprofis, sondern auch von Laien getanzt werden. Sie wird inzwischen in zahlreichen Ländern unterrichtet und bringt den von vielen Einflüssen gekennzeichneten Tanz aus Israel auf eine für alle zugängliche Weise zurück in die Welt.

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