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StartseiteKultur heuteWarum wird in Tanzstücken manchmal nicht getanzt?03.05.2020

Endlich mal erklärtWarum wird in Tanzstücken manchmal nicht getanzt?

Mit dem Tanz verbindet man Bewegung. Ganz besonders im klassischen Ballett, aber auch im modernen Tanz. Doch manche Choreografien kommen ganz ohne Bewegung aus, setzen nur auf Sprache oder thematisieren gar die Abwesenheit von Körpern. Ist der Tanz ohne Tanz denn noch ein Tanz?

Von Elisabeth Nehring

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In einem weißen spartanisch eingerichteten Raum, beugt sich ein schwarz gekleideter Tänzer nach vorne und stützt sich auf seinen Händen ab. Er hat sein schwarzes T-shirt über den Kopf gezogen. (Katrin Schoof)
Mensch? Tier? Roboter? Xavier Le Roy in "Self-Unfinished" (Katrin Schoof)
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Auch wenn der Begriff etwas anderes suggeriert: Es gibt Tanzproduktionen, in denen Performerinnen und Performer anwesend sind, aber nicht im landläufigen Sinne tanzen und sich manchmal nicht einmal bewegen. Oder in denen sie dem Publikum einen Tanz beschreiben, den ihre Körper jedoch nicht ausführen.

Ästhetische und philosophische Konzepte

Andere Inszenierungen arbeiten mit veränderten Körperbildern: zum Beispiel das berühmte Solo "Self-Unfinished", in dem der französische Choreograf Xavier Le Roy verschiedene körperliche Mutationen – vom Menschen über den Roboter zum Tier – durchläuft. Wieder andere Produktionen thematisieren und hinterfragen bestimmte ästhetische oder philosophische Konzepte des (Tanz-)Theaters, gehen von Fragen aus wie: Muss man eine Bewegung stets sehen? Oder kann man sie sich nicht auch einfach beschreiben lassen? Ist ein Tanzstück nur dann ein Tanzstück, wenn wir genau das sehen, was wir als Tanz definieren?

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.

Mitunter wird auch mit der Wahrnehmung der Zuschauerinnen und Zuschauer gespielt, etwa indem sie für die Dauer der Vorstellung totaler Dunkelheit ausgesetzt sind – und die Inszenierung erst in ihrer Vorstellung entsteht. All diese Beispiele firmieren unter dem Begriff Tanz oder besser noch: Choreografie.

Immer geht es darum, die hergebrachten Vereinbarungen – hier das Publikum, dort die Tänzerinnen und Tänzer – in Frage und manchmal auch auf den Kopf zu stellen: Muss die Rollenverteilung wirklich so sein? Können wir auf beiden Seiten nicht auch anders in dieser Situation agieren? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit wir etwas als Tanz oder Theater bezeichnen? Und wer definiert überhaupt diese Kriterien?

Interessant und anstrengend zugleich

Sehr häufig werden Choreografinnen und Choreografen also von kritischen, konzeptuellen und ästhetischen Fragen geleitet. Im Kern beschäftigen sich Tanzstücke oder besser Choreografien, die mit der Distanzierung von der eigenen Kunstform arbeiten, mit Fragen zum ästhetischen Regelwerk. Das macht die Teilnahme für das Publikum interessant, oft aber auch anstrengend. Entscheidend ist, dass dieser künstlerische Zugriff die Entwicklung der Kunstform sehr vorangebracht hat. Heute wird Tanz anders definiert und choreografiert, als zu Zeiten des florierenden Konzepttanzes in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch hat diese Phase unser Verständnis von Tanz stark verändert – eben genau durch das Infragestellen ästhetischer Regeln und Vereinbarungen.

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