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StartseiteKultur heuteWas darf ein Dokumentarfilm?24.03.2021

Endlich mal erklärtWas darf ein Dokumentarfilm?

Ein Dokumentarfilm ist keine Reportage, sondern ein künstlerisches Produkt. Es nutzt Original-Dokumente und fügt nachgestellte oder bearbeitete Szenen hinzu. Die Vermischung der Formen kann irritieren. Wo liegen die Grenzen, was sind die Unterschiede?

Von Rüdiger Suchsland

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Eine Filmklappe, wie sie bei Dreharbeiten verwendet wird. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Auch Dokumentationen arrangieren Wirklichkeit (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
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Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt 
Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind und zutreffend. Wir erklären die Begriffe und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.

Jeder Film ist auch ein Dokumentarfilm. Er dokumentiert das, was vor der Kamera zu sehen ist – und sei es das Spiel von Schauspielern in Kostümen und vor künstlich errichteten Kulissen.

Spielarten des Dokumentarfilms

Es gibt viele Spielarten des Dokumentarfilms. Klar unterscheiden lässt sich ein Dokumentarfilm, der in zumindest etwas längerer Form für das Kino gemacht ist, von einer kurzen Reportage für eine Nachrichtensendung oder ein Magazin, und von einer Dokumentation, die in der Regel viel wortlastiger und stark durch Schnitt und Musik gestaltet ist. Dokumentationen benutzen ganz selbstverständlich auch das "re-enactment", also die Methode des Nach-Spielens bestimmter Szenen und Momente, zu denen es keine dokumentarischen Bilder gibt, mit Schauspielern. Insbesondere bei historischen Dokumentationen ist dieses Verfahren gang und gäbe – denn vor 1895 gab es ja keine Filmbilder.

Auf der anderen Seite des Genre-Spektrums, in Richtung zum fiktionalen Film, gibt es diverse Misch- und Hybridformen und den subjektiven Essayfilm.

Inszenierungen gehören dazu

Sie alle mischen fiktionale und subjektiv-persönliche Elemente mit dem objektiven "Zeigen, was ist". Filmemacher wie der deutsche Werner Herzog oder der Österreicher Ulrich Seidl sind mit solchen Mischformen berühmt geworden. Aber auch in den neueren Dokumentarfilmen des vielfach preisgekrönten Italieners Gianfranco Rosi, sind Elemente der Inszenierung und Gestaltung der Wirklichkeit unübersehbar.

Immer wieder loten gerade Meilensteine der Dokumentarfilm-Geschichte den Grenzbereich zwischen Erzählung und Wirklichkeit, Zeigen und Gestalten aus.

Authentizität ist relativ

Die Annahme dass reine Authentizität überhaupt möglich wäre, dass ist so etwas wie "objektive Bilder" geben könnte, ist bloße Naivität. Denn schon die Entscheidung, wohin ein Filmemacher seine Kamera stellt, welche Einstellung er wählt, ist eine subjektive und damit eine Gestaltung der Wirklichkeit –, selbst wenn er die Kamera danach nie mehr bewegt und den Film einfach laufen lässt, ohne einen einzigen Filmschnitt und ohne später Musik und Kommentare hinzuzufügen. Die Vorstellung reiner Authentizität ist nur eine puritanische Phantasie.

Warum es tatsächlich geht, ist relative Authentizität. Es gibt einen unausgesprochenen Vertrag zwischen einem Filmemacher und seinem Publikum. Er setzt auf der einen Seite ein mündiges Publikum voraus: Zuschauer und Zuschauerinnen, die so etwas wie Schnitt und Montage wahrnehmen und denen zumindest unbewusst klar ist, dass, wenn die Kamera sich bewegt, dies nicht durch die Hand Gottes geschieht, sondern durch den Willen des Regisseurs.

Auf der anderen Seite ist ebenso die Ehrlichkeit eines Filmemachers vorausgesetzt: Dort wo Inszenierungen oder Re-enactment nicht für jeden sowieso sofort erkennbar sind, müssen sie gekennzeichnet werden. Das muss nicht notwendig dadurch geschehen, dass zum Beispiel eine kleine Bildunterschrift darauf hinweist, dass hier Realität nachgestellt wird. Es genügt vollkommen, im Abspann eines Films darauf hinzuweisen, dass einige Szenen im Film von Akteuren oder Schauspielerinnen udn Schauspilern nachgestellt wurden und dass nicht alle im Film zu sehenden Charaktere mit ihren wirklichen Personen identisch sind.

Zeigen, was es wirklich gegeben hat

Die große Frage nach der Wahrheit im Kino ist immer nur relativ zu beantworten. Was wir im Kino sehen, ist immer die subjektive persönliche Wahrheit derjenigen, die diesen Film gemacht haben. Sie drückt sich gerade auch in Entscheidung darüber aus, was zu sehen ist und was nicht, was inszeniert wird, was gezeigt wird – und wo der Film weg blickt.

Der einzige echte und deshalb entscheidende Unterschied zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm liegt im zumindest unausgesprochenen unterschiedlichen Anspruch beider Genres.

Der Dokumentarfilm behauptet, etwas zu zeigen, was es wirklich gegeben hat und nicht erfunden wurde. Der Spielfilm bekennt sich offen dazu, dass das was er zeigt, ausgedacht ist und durch die Wirklichkeit bestenfalls inspiriert wurde. Er will aber nicht deren Abbildung sein. Genau die Vermischung dieser beiden Ebenen und das Spiel mit ihnen macht einerseits den Reiz von Hybridformen aus; sie wird aber spätestens in Zeiten von Fake-News und alternativer Realität auch zu einem ernsthaften Problem.

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