Freitag, 01. Juli 2022

Energiekrise
Ein Atomkraftwerk ist kein Backofen

Den Eindruck zu erwecken, die Atomkraft könnte in der Energiekrise aus der Misere helfen, ist unredlich, kommentiert Ann-Kathrin Büüsker. Atomkraftwerke könne man nicht nach Belieben ein- und ausschalten. Und die ungelöste Endlagerfrage wäre nur eines der Probleme bei längeren AKW-Laufzeiten.

Ein Kommentar von Ann-Kathrin Büüsker | 20.06.2022

Atomkraftwerk Isar 2
Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm vom Atomkraftwerk (AKW) Isar 2. Das Kernkraftwerk im Landkreis Landshut ist das letzte in Bayern, das noch nicht endgültig vom Netz gegangen ist. Block 1 des AKW befindet sich seit 2017 im Rückbau, Block 2 soll Ende 2022 abgeschaltet werden. (picture alliance/dpa | Armin Weigel)
Jetzt also mehr Strom aus Kohle. Während die Folgen der Klimakrise auch in Deutschland immer stärker spürbar werden, Menschen im Ahrtal nach der Flut im vergangenen Jahr immer noch auf finanzielle Unterstützung warten, in Brandenburg aufgrund der Trockenheit am Wochenende ein Feuerinferno durch die trockenen Wälder wütete, Teile Deutschlands unter der ersten Hitzewelle des Jahres ächzten.
Während die Menschen die Folgen eines jahrzehntelangen fossilen Wahnsinns am eigenen Leib zu spüren bekommen, macht die Bundesregierung den Weg frei, um im Notfall wieder mehr Strom aus Kohle produzieren zu können. Um Gas zu sparen – also den Energieträger, der die Brücke zur Klimaneutralität bilden sollte.
Das Frustrierende daran ist, dass diese Entscheidung leider vollkommen richtig ist. Und es angesichts der Fehlentscheidungen der Vergangenheit auch wenige Alternativen gibt. Es war ein Fehler, Deutschland so abhängig von Gaslieferungen aus Russland zu machen, es war ein Fehler, den Ausbau der Erneuerbaren Energien dermaßen klein zu halten, die Reihenfolge von Atomausstieg und Kohleausstieg war falsch. Ein frühzeitig dekarbonisiertes Deutschland könnte heute technologisch viel weiterentwickelt sein, als eines, das am fossilen Tropf von Wladimir Putin hängt.

Die Hypothek der Ära Merkel

Doch 16 Jahre Angela Merkel haben ihre Spuren hinterlassen – und sind eine Hypothek nicht nur für die heutige sondern auch für künftige Generationen. Und ja, zu den Fehlern der Vergangenheit gehört auch, erst aus der Kernenergie ausgestiegen zu sein – und erst danach die Kohle in Angriff genommen zu haben. Für den Klimaschutz wäre es andersherum besser gewesen.
Doch jetzt den Eindruck zu erwecken, die Atomkraft könnte uns aus der Misere helfen, ist unredlich. Union und inzwischen auch die FDP suggerieren in diesen Tagen, es wäre quasi kinderleicht, die drei verbliebenen Meiler über das Jahresende hinaus am Netz zu lassen. Vielleicht sogar bereits abgeschaltete Anlagen wieder dazu zu holen. Man möchte sie daran erinnern, dass ein Atomkraftwerk kein Backofen ist, den man nach Belieben ein- und ausschalten kann. Es braucht Brennmaterial - das gibt’s auch nicht beim Discounter, sondern auf dem Weltmarkt mit russischer Dominanz in diesem Sektor. Es braucht zudem Sicherheitsvoraussetzungen, die beim Weiterbetrieb überprüft und aktualisiert werden müssen.
Kurz gesagt: Investitionen, die dann voraussichtlich der Staat tragen müsste. Es braucht den Willen der Betreiberkonzerne, es braucht Fachkräfte, es ist ein komplexes Unterfangen. Bei weiterhin ungelöster Endlagerfrage. Politische Akteure sollten aufhören so zu tun, als wäre das die leichte Lösung. Für die schwierige Energiesituation gibt es kurzfristig keine gute Lösung. Die Bundesregierung kann nur versuchen, so viel Schaden wie möglich abzuwenden.