Donnerstag, 30. Juni 2022

Energiekrise als Chance
Wie der Osten gewinnen kann

Der Osten brauche endlich eine Erzählung des Aufbruchs, kommentiert Vladimir Balzer. Einige Politiker treibe aber die pauschale Angst vor dem Verlust von althergebrachten Wirtschaftsstrukturen an. Dabei sei nicht erst seit Russlands Krieg klar, dass die fossilen Energien keine Zukunft hätten.

Ein Kommentar von Vladimir Balzer | 13.06.2022

Im Braunkohletagebau Jänschwalde wird das 2. Lausitzer Flöz abgebaut. Hier werden rund elf Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert.
Im Braunkohletagebau Jänschwalde wird das 2. Lausitzer Flöz abgebaut. Hier werden rund elf Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert. (picture alliance/dpa | Patrick Pleul)
Das ostdeutsche Wirtschaftsforum hat es gezeigt: Nach Jahren des Klagens hat sich der Wind in der Wirtschaft Ostdeutschlands gedreht. Und das wurde auch Zeit. Nach dem es in den 1990ern vor allem bergab ging und es in den 2000ern kaum besser wurde, begann in den 2010er Jahren etwas, was bis heute anhält: der Standort Ostdeutschland zeigt was er kann.
Große Unternehmen wie Tesla und Intel überlegen sich genau wo sie hingehen, halb Europa kommt in Frage, aber sie entscheiden sich für einen kleinen Ort im Osten des Berliner Umlandes und für einen größeren Ort im wirtschaftlich geschundenen Sachsen-Anhalt, nämlich Magdeburg. Sie wissen was sie tun. Sie finden im Osten offenbar das richtige Umfeld - und zwar in vielerlei Hinsicht: wirtschaftlich, sozial und kulturell.

Ängstlichkeit und Zweifel

Wenn da nur nicht ostdeutsche Ministerpräsidenten wären, die zwar diese Ansiedlungen als ihren Erfolg verbuchen, aber ansonsten von Ängstlichkeit und Zweifeln getrieben sind, oder diese sogar noch verstärken. Wenn etwa Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke angesichts des Öl-Embargos gegen Russland um die Öl-Raffinerie PCK in Schwedt bangt oder Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer um die Kohle in der Lausitz.
Alles politisch durchaus erklärbar. Aber besonders zukunftweisend ist das nicht. Nicht erst seit Russlands Krieg ist klar, dass die fossilen Energien keine Zukunft haben. Gerade die Lausitz konnte sich schon seit Jahren auf den Ausstieg vorbereiten. Was aber einige politische Repräsentanten im Osten dieses Landes antreibt, ist die pauschale Angst vor dem Verlust von althergebrachten Wirtschaftsstrukturen. Wenige, aber große Energie-Unternehmen auf fossiler Grundlage als Arbeitsplatzgarant für Tausende. Das zählte oft mehr als die Förderung junger, innovativer Gründungen mit Technologien von morgen. Da wo sich die vielen klugen Köpfe im Osten beweisen können. Das wäre ja ein politisches Risiko gewesen, das hätte Mut erfordert.  Den bringen aber Zauderer wie Kretschmer und Woidke nicht auf. Sie hängen am Gestern.

Ostdeutsche sind eine Avantgarde

Was in der Wirtschaft zutrifft, das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche im Osten der Republik: Ostdeutsche muss man nicht an die Hand nehmen, man muss ihnen auch keine Therapien anbieten. Sie sind keine Opfer, die man trösten muss. Sie haben all das nicht nötig. Das Gegenteil gilt: Ostdeutsche sind eine Avantgarde. Sie haben bereits massive Brüche erlebt -  politisch, sozial und wirtschaftlich. Viele Westdeutsche hatten diese Erfahrung nicht.
Die Ostdeutschen der heute über 40-Jährigen hatten sie alle. Und die jüngeren im Osten sehen, was Ihre Eltern und Großeltern geschafft haben, trotz der Schwierigkeiten. Das soll die Niederlagen und Verluste der letzten 30 Jahre nicht schmälern, aber es setzt sie doch in ein anderes Licht. Und hilft zu erkennen, dass es im Osten endlich eine Erzählung des Aufbruchs braucht.