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StartseiteInterviewEnergieökonomin: "Die Lichter gehen ganz sicherlich nicht aus"16.07.2013

Energieökonomin: "Die Lichter gehen ganz sicherlich nicht aus"

Claudia Kemfert kritisiert, dass die Stromindustrie Druck auf die Politik ausübe

Die Stromindustrie wolle offensichtlich Subventionen für den Weiterbetrieb der Gas und Kohlekraftwerke erzwingen, sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das sei aber nicht notwendig und auch volkswirtschaftlich nicht effizient.

Claudia Kemfert im Gespräch mit Gerd Breker

Systemrelevante Kraftwerke würden ohnehin nicht abgeschaltet, so Kemfert. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Systemrelevante Kraftwerke würden ohnehin nicht abgeschaltet, so Kemfert. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Energiekonzerne wollen Kraftwerke abschalten

Gerd Breker: Es ist schon seltsam mit dieser Energiewende: Der Strom wird immer billiger auf dem Strommarkt und für den Verbraucher wird Strom immer teurer. Doch nicht nur die Verbraucher sind irritiert, irritiert sind auch die Stromkonzerne. Sinkende Strompreise gefährden die Rentabilität alter Kraftwerke und setzen ein dickes Fragezeichen hinter den Bau neuer, umweltfreundlicher Kraftwerke. Das alles gefährdet die Versorgungssicherheit, wenn nach Rentabilität entschieden wird und nicht nach Bedarf.

Am Telefon sind wir nun verbunden mit Claudia Kemfert, sie ist Energieexpertin des Kölner DIW und im Schattenkabinett von Thorsten Schäfer-Gümbel. Guten Tag, Frau Kemfert.

Claudia Kemfert: Guten Tag, Herr Breker!

Breker: Die Bundesregierung glaubt, die Lichter gehen nicht aus. Was glauben Sie?

Kemfert: Nein, die Lichter gehen ganz sicherlich nicht aus. Wir haben einen Überschuss an Strom in Deutschland, wir haben viele Kraftwerke. Es sind ja auch einige jetzt kürzlich, gerade auch Kohlekraftwerke, ans Netz gegangen, sodass wir hier ausreichend Kapazitäten haben. Die Frage der Wirtschaftlichkeit ist in der Tat eine, die man auch in der Zukunft beantworten muss, denn es ist ja richtig, dass die Kraftwerke nicht mehr dauerhaft im Einsatz sind. Das heißt, die Leistung muss entlohnt werden, und da muss man sich jetzt die Zeit nehmen und entscheiden, wie man das in der Zukunft gestalten will.

Breker: Man kann es der Stromindustrie nicht verübeln, dass sie hingeht und nach der Rentabilität fragt, und wenn das in der Tat so ist, dass ein Fünftel der Gesamtkapazität infrage steht, dann ist das schon eine Menge.

Kemfert: Ja. Die Frage ist, ob das jetzt so stimmt. Aber auch die Nächste, warum man ausgerechnet jetzt damit an die Öffentlichkeit geht und wieder Verunsicherung betreibt und die Menschen in Angst und Sorge versetzt, weil angeblich die Lichter ausgehen. Das muss man jetzt mal genau anschauen, welche Kraftwerke hier gemeint sind, und die systemrelevanten werden ja ohnehin nicht abgeschaltet. Wir brauchen in der Zukunft effiziente Gaskraftwerke. Die rechnen sich in der Tat weder heute, noch in der Zukunft, und deswegen brauchen wir auch leistungsbezogene Bezahlung. Wie das aussehen wird, wird man dann entscheiden und auch ein System entwickeln müssen, welches das ermöglicht. Aber ich sehe jetzt die Notwendigkeit und die Dringlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt auf jeden Fall nicht.

Breker: Sie sagen es: es braucht eine Reserve, die nicht immer gebraucht wird, aber die, wenn es denn nötig ist, gebraucht wird, und die muss natürlich auch finanziert werden. Und das bezahlt der Kunde?

Kemfert: Wir bezahlen ja auch heute Kraftwerke. Insofern ist die Frage, was dann preiswerter ist und effizienter. Wenn man entsprechend Kraftwerke vorhält und sie dann nutzt und effizient nutzt, wenn sie gebraucht werden, werden ja auch sehr viel weniger Kraftwerke gebraucht. Das heißt, der Zubau und auch die Zubauplanung, die die Kraftwerksbetreiber ja immer noch haben und auch nutzen, ist ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Wir werden auf den Zubau von einigen Kraftwerken verzichten können. Das entlastet ja auch wiederum den Stromkunden und man muss sehen, wie man diese Leistungsentlohnung oder Kapazitätsmarkt oder wie auch immer man es nennen mag, in der Zukunft ausgestaltet. Das muss nicht so aussehen, dass man jetzt den Kunden unverhältnismäßig belastet.

Breker: Ist nicht eigentlich Politik in diesem Zusammenhang mehr gefragt? Muss Politik nicht einem, der überlegt, ein Kraftwerk zu bauen, ausreichende Planungssicherheit geben und ist die Planung von einem Kraftwerk nicht eine Geschichte, die Jahre dauert und nicht von jetzt auf gleich geht?

Kemfert: Ja, das ist sicherlich richtig. Die Planungssicherheit ist sehr wichtig. Andererseits wissen aber auch die Strom- und Kraftwerksbetreiber, dass wir eine Energiewende vor uns haben. Die ist ja nicht neu, die ist seit 2000 beschlossen, und insofern ist es ohnehin fraglich, ob der viele Zubau von Kohlekraftwerken, den man ja auch in der Vergangenheit und jetzt tätigt, wirklich rentabel ist. Darauf weisen wir seit einigen Jahren hin, dass das ohnehin nicht der Fall sein wird. Insofern muss man eben auch in der zukünftigen Kraftwerksplanung darauf achten, dass die Systeme zusammengehen, und da braucht man in der Zukunft sicherlich ein besseres Markt-Design, so kann man es nennen, denn man braucht die Politik ganz sicher. Aber man darf sich jetzt auch nicht erpressen lassen von solchen Ankündigungen, dass man jetzt Kraftwerke abschaltet und in Deutschland die Lichter ausgehen lassen will.

Breker: Mit diesen Informationen, die heute in der "Süddeutschen Zeitung" stehen, übt die Stromindustrie Druck auf die Politik aus, endlich zu reagieren, endlich zu entscheiden?

Kemfert: Ja, absolut! Es wird Druck ausgeübt und man will offensichtlich auch Subventionen erzwingen für den Weiterbetrieb solcher Kraftwerke. Das halte ich für erstens nicht notwendig und zweitens auch nicht volkswirtschaftlich effizient. Das heißt, wir müssen wirklich einen Weg finden, wie man die jetzigen Kraftwerke auch in die Wirtschaftlichkeit bringt. Das wird auch gehen über einen höheren Börsenpreis, der sich auch bald wieder stabilisieren wird, im Übrigen auch über einen höheren CO2-Preis. Aber in der Zukunft wird es immer mehr, wenn immer mehr erneuerbare Energien im Netz sind, auch darum gehen, dass man entsprechende Leistungsentlohnung hat, und wie die aussehen wird, muss man in Ruhe entscheiden und dafür brauchen wir diese Hast jetzt nicht, die hier angekündigt wird.

Breker: Aber wir brauchen in jedem Fall eine Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes?

Kemfert: Wir brauchen eine Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, aber es können dann auch Komponenten mit einfließen wie entsprechend diese System- und Laststeuerung, für die diese Großkraftwerke ja schlecht ausgerichtet sind. Wir brauchen dann auch entsprechend diese Kraftwerke, die dann hochgefahren werden, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint, und wir brauchen auch in der Zukunft Speicherlösungen. Das kann man alles in einem System verankern und darum wird es auch gehen. Da muss man sich jetzt aber auch Zeit lassen und nicht schnell hopplahopp mal eben alles planen und umsetzen wollen. Das geht ganz sicherlich nicht. Dafür ist es aber auch nicht notwendig.

Breker: Sie plädieren dafür, Frau Kemfert, dass man sich Zeit lässt. Zeit lassen, damit es einen Gesamtplan für dieses Land gibt, oder kann da jedes einzelne Bundesland oder muss jedes einzelne Bundesland für sich gucken?

Kemfert: Wir brauchen auf jeden Fall einen Gesamtplan. Wir müssen ja auch eine Vision haben, die Ziele müssen umgesetzt werden über den längeren Zeitraum. Das ist auch wichtig, dass man sich die Ziele setzt und dann auch entsprechend überprüft, wo stehen wir. Das geht natürlich nicht ohne die Bundesländer, die brauchen wir. Die einzelnen Bundesländer sind ja genauso Teil dieser Energiewende, die müssen sich allerdings auch einbringen und auch gut aufeinander abstimmen. Dann kann man auch diesen Gesamtplan aus der Bundesregierung heraus auch in der Bundesebene zu einem Erfolg bringen.

Breker: Und den Gesamtplan, den überwacht der Bundesumweltminister?

Kemfert: Wer den Gesamtplan letztendlich überwacht, wird man sehen. Ich glaube, dass es sinnvoller wäre, man hätte eine einheitliche Institution, wo auch immer das angesiedelt sein mag, ob Energieministerium oder im Kanzleramt oder wo auch immer man es ansiedelt. Ich glaube, dass jetzt im Moment diese sehr zerfaserte Struktur von Wirtschafts- und Umweltminister nicht sehr förderlich ist, weil man sieht ja auch im Ergebnis, dass es oft Probleme gibt und auch der Druck von den Lobbyisten immer größer wird, sich da auch in die eine oder andere Richtung schieben zu lassen.

Breker: Im Deutschlandfunk war das die Einschätzung von Claudia Kemfert. Sie ist Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaft hier in Köln und im Schattenkabinett von Thorsten Schäfer-Gümbel in Hessen. Frau Kemfert, danke für dieses Gespräch!

Kemfert: Ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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