Montag, 16. Mai 2022

Energiesicherheit
Maßhalten beim Gas, mehr Tempo beim Klimaschutz

Die Abhängigkeit von russischem Erdgas müsse zwar schnell beendet werden, bei Zahl und Art der neuen Flüssigerdgas-Projekte sei aber Maßhalten angesagt, kommentiert Georg Ehring. Eine lange Laufzeit von stationären Terminals widerspreche dem Klimaschutz. Wichtig sei der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien.

Ein Kommentar von Georg Ehring | 12.05.2022

Blick auf eine Flüssiggas-Pipeline am Nordsee Gas Terminal.
Ehring: „Bis 2043 sollen die neuen Anlagen fossiles Erdgas verarbeiten dürfen. Das ist viel zu lang. Zwei Jahre später, 2045, will Deutschland klimaneutral sein. Dafür müssen wir uns auch mit dem Ausstieg aus der Verwendung von fossilem Gas beeilen.“ (picture alliance/dpa/Marcus Brandt)
„Die Zeit läuft uns davon“ – so die Worte von Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck. Er mahnte im Bundestag zur Eile beim Klimaschutz. Und das aus gutem Grund: Schon in den nächsten fünf Jahren könnte die Erhöhung der weltweiten Mitteltemperatur die Marke von 1,5 Grad zum ersten Mal reißen – dabei ist das die Obergrenze, die nach dem Willen der Staatengemeinschaft bis zum Ende des Jahrhunderts halten soll.

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Wer schnell am Ziel ankommen will, muss vor allem den Kurs halten. Doch die Gefahr ist groß, dass Habeck vom Weg zu mehr Klimaschutz abkommt. Und das hat mit dem Thema Erdgas zu tun. Beim Ersatz von russischem Erdgas hat sich eine regelrechte Goldgräberstimmung entwickelt. Die Branche stampft ein Flüssigerdgas-Projekt nach dem anderen aus dem Boden, auch solche, die aus gutem Grund bereits eingemottet waren: Mindestens ein halbes Dutzend Terminals soll es geben, davon zwei stationäre Anlagen mit langer Bauzeit - weitere Vorhaben nicht ausgeschlossen. Sicher: Wir müssen die Abhängigkeit von russischem Erdgas besser heute als morgen beenden und auf einen Lieferstopp von russischer Seite vorbereitet sein. Es ist auch erforderlich, schnell die nötige Infrastruktur dafür zu schaffen und dazu gehören nun einmal Terminals zur Anlandung von Gas – so weit, so gut.

Doch Maß halten ist nötig. Die Anlagen werden nur in begrenztem Umfang benötigt, eben um eine kurzfristige Notlage zu überbrücken. Stationäre Terminals taugen dafür gar nicht: Sie können erst in einigen Jahren in Betrieb gehen und sie bringen nur dann Gewinne, wenn sie lange laufen. Das dürfen sie aber nicht – es widerspricht dem Klimaschutz.

Geplante Laufzeit der Terminals ist viel zu lang

Die Terminals sollen zwar so ausgelegt werden, dass sie auch Wasserstoff verarbeiten können. Doch wie aufwendig und wie teuer die Umrüstung dafür tatsächlich ausfällt, wie viel davon kommt, von wo er geliefert wird und wann, das weiß noch niemand.

Bis 2043 sollen die neuen Anlagen fossiles Erdgas verarbeiten dürfen. Das ist viel zu lang. Zwei Jahre später, 2045, will Deutschland klimaneutral sein. Dafür müssen wir uns auch mit dem Ausstieg aus der Verwendung von fossilem Gas beeilen. In dieser Lage wäre es sogar besser, Kohle- und auch Atomkraftwerke etwas länger laufen zu lassen als mit einer überdimensionierten neuen Gas-Infrastruktur die Investitionsruinen von morgen zu errichten.

Eine unabhängige Energieversorgung erreichen wir vor allem über den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien. Jedes neue Windrad, jede Solaranlage auf dem Dach trägt dazu bei, dass wir weniger Gas, Öl und Kohle brauchen. Mehr Ehrgeiz brauchen wir auch bei der energetischen Sanierung von Gebäuden, und bei der Verkehrswende – hier liegen die Schlüssel, um insgesamt weniger zu verbrauchen. Die plötzliche Eile beim Bau von Gasterminals zeigt, wozu wir in der Lage sind, wenn der Wille da ist.
Georg Ehring
Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.