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StartseiteUmwelt und VerbraucherEin Dorf in Sachsen-Anhalt widersetzt sich 26.03.2015

EnergiewendeEin Dorf in Sachsen-Anhalt widersetzt sich

Von Christoph Richter

Stößen ist das gallische Dorf Sachsen-Anhalts, das einsam gegen die Mega-Stromtrassen kämpft. Ein kleines Dorf im Süden Sachsen-Anhalts. Es liegt im Burgenlandkreis - einer idyllischen hügeligen Gegend - direkt an der Grenze zu Thüringen.

Hier sind die Menschen richtig wütend. Was damit zu tun hat, dass die Stromtrasse haarscharf am Marktplatz des 900-Seelen-Ortes Stößen vorbei gehen soll. Ein historischer Ort, der bereits um das Jahr 1000 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

"Auf der einen Seite ist diese Energiewende notwendig. Aber nicht um jeden Preis. Man könnte sich jetzt im Vorfeld noch darüber einigen, wo geht der Weg lang. Und nicht beim Nachbarn durch den Vorgarten."

Sagt Rentner Reiner Ludwig. Die Strommasten sollen direkt hinter seinem Haus aufgestellt werden.

Erst die Windräder vor dem Haus, jetzt die Strommasten. Ludwig fühlt sich vom Netzbetreiber 50 Hertz überrumpelt. Auch Evelyne Schwikall, Bauamtsleiterin der Verbandsgemeinde Wethautal, zu der Stößen gehört.

"Wir sind nicht gegen die Trasse. Es geht ganz einfach darum, dass die Bürger rechtzeitig, zu einem rechtzeitigen Zeitpunkt vor Ort mit einbezogen werden."

67 mögliche Trassenverläufe sind auf der Webseite des Netzbetreibers 50 Hertz für den sogenannten Korridor D für die Hochspannungsleitung nach Bayern zu sehen.

Das über 1000 Jahre alte Dorf Stößen scheint aber bei keiner Planungsvariante verschont zu werden. Die benachbarte Herrschaftsregion Saale-Unstrut wird möglicherweise noch in diesem Jahr möglicherweise zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Dass hier kein Strommast das Landschaftsbild zerstören soll, ist jedem völlig klar.

Der ehrenamtliche Bürgermeister in Stößen, einstiges SED und späteres CDU-Mitglied Horst Schubert schüttelt allerdings heftig den Kopf.

"Unter den 500.000 Volt entsteht doch ein großes Magnetfeld. Und wenn dann die Einwohner ringsum gesundheitlich benachteiligt werden, dann werden wir einen Proteststurm entfachen." Wie der dann aussehe? Schubert grinst. "Da blockieren wir die Arbeiten, ganz einfach. Machen wir uns zwar strafbar, aber da finden sich Leute. Also ich möchte das Szenario nicht so weit treiben, wie sie es in Südtirol gemacht haben."

Südtirol?

"Die Südtiroler haben die Leitungen vor 30 Jahren in die Luft gesprengt. Wissen Sie das nicht?"

"Nein."

"Ich weiß das noch. (lacht) Ich weiß das noch. Es brodelt."

Aufruhr, als hätte man in ein Widerstandsnest gestochen. Doch als Totalverweigerer wie etwa die Bayern, sehen sich die Menschen in Stößen nicht. Reiner Ludwig fordert eine Erdverkabelung.

Gegenargumente hat der Netzbetreiber 50 Hertz: Eine Erdverkabelung sei um ein fünf- bis zehnfaches teurer als gewöhnliche Hochspannungsleitungen. Das könne man den Menschen, die die Ausbaukosten mit der Stromrechnung mitbezahlen, nicht vermitteln. Stimmt nicht, sagt Dorothea Frederking von der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.

"Inzwischen gibt es Innovationen, dass die unterirdische Verkabelung nicht teurer ist als die oberirdischen Leitungen."

2018 sollen die konkreten Trassenverläufe feststehen. 2019 ist Baubeginn, wenn alles nach Plan läuft. Ob es dann in Sachsen-Anhalt immer noch so ruhig ist? Der aus der bayrischen Oberpfalz nach Stößen eingewanderte Landwirt Roland Reil hat so seine Zweifel. Er kritisiert den Stromtrassenbefürworter, Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff und bezeichnet ihn als einen Industrieversteher, der kein offenes Ohr für die Bürger habe.

So was ginge in Bayern nicht. Aber hier denkt man, dass man es machen kann."

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