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StartseiteEuropa heuteErdbeben zwingen zur Abkehr vom Erdgas10.12.2018

Energiewende in den Niederlanden (1/5)Erdbeben zwingen zur Abkehr vom Erdgas

Bauernhofe bröckeln und Einfamilienhäuser zeigen Risse, weil in Groningen immer mal wieder die Erde bebt. Ursache ist die Erdgasförderung. Anfangs ignorierte die Regierung die Klagen der Groninger, doch am Ende war der öffentliche Druck zu groß. Viele Geschädigte warten allerdings noch immer auf Schadenersatz.

Von Andrea Lueg

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Ein Bewohner von Doodstil in den Niederlanden zeigt einen Riss in der Wand seines Hauses, der durch Erdbeben verursacht wurde (picture alliance/ dpa/ Catrinus Van Der Veen)
Ein Bewohner von Doodstil in den Niederlanden zeigt einen Riss in der Wand seines Hauses, der durch Erdbeben der Stärke 2,7 und 3.2 auf der Richterskala verursacht wurde (picture alliance/ dpa/ Catrinus Van Der Veen)
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"Ich hatte Panik, mir zitterten die Knie, ich dachte nur, ich muss hier raus. Das war ein starkes Beben. Meine Uhr schlug gerade genau drei Uhr, da gab es einen enormen Rumms, so als ob das ganze Haus nach unten sacken würde. Ich spielte gerade ein bisschen an meinem Handy rum und da begann es schrecklich zu wackeln, zwei heftige Schläge, ich hab mich echt erschrocken, ich zittere jetzt noch."

Es war am 8. Januar dieses Jahres, als im kleinen Örtchen Zeerijp in der niederländischen Provinz Groningen die Erde bebte. 3.4 zeigte das Beben auf der Richterskala, eines der stärkeren der vielen Erdbeben der letzten 30 Jahre. Am ersten Weihnachtstag 1986 gab es das erste schwere Beben. Und seitdem über 1000.

Eine NGO kämpft für die Leidtragenden der Erdbeben

"Es gab damals schon kleine Schäden, aber vor allem gab es Menschen, die logisch nachdachten und die sagten: Regierung und Shell, wenn Ihr hier doch Gas aus dem Boden holt, muss der Boden denn dann nicht auch absacken? Nein, das wird nicht passieren, hieß es, und wenn, dann wird es nur eine ganz gleichmäßige Absenkung des Bodens geben. Die bemerkt niemand. Aber es gab schon Frakturen im Untergrund und die Erdblöcke begannen sich gegeneinander zu schieben und so entstanden die Erdbeben, die wir jetzt immer noch haben."

Erzählt Derwin Schorren in einem Café in der Provinzhauptstadt Groningen. Schorren ist einer der Vorsitzenden der "Groninger Bodem Beweging", einer NGO, in der sich Betroffene zusammengeschlossen haben: Menschen, die sich vor immer mehr und immer stärkeren Erdbeben fürchten. Deren Häuser durch die Erdbeben Risse bekommen haben, zum Teil schon abgestützt werden müssen. Die sich gefangen fühlen, die nicht weg können aus Groningen, weil niemand mehr ihre Häuser kaufen würde, obwohl deren Preise dramatisch gesunken sind. Die aber auch größtenteils gar nicht weg wollen aus ihrer Heimat.

"Am Anfang gab es in den ganzen Niederlanden die Euphorie: Wir können weg von der Kohle, wir können Gas nutzen, und das passierte unglaublich schnell. Alle waren also froh. Aber schon in den 80er-Jahren begann es unter uns zu rumoren. Und dieses Rumoren wurde dann von der NAM und vom Staat mit Maulwürfen erklärt, die wohl unter unseren Häusern aktiv seien, oder es seien LKW oder Flugzeuge, die das Geschirr in den Schränken wackeln ließen. Aber das stimmte nicht."

Porträtbild von Derwin Schorren von der "Groninger Bodem Beweging" (Deutschlandradio/ Andrea Lueg)Derwin Schorren ist einer der Vorsitzenden der "Groninger Bodem Beweging". In der NGO haben sich Betroffene zusammengeschlossen, die sich vor immer stärkeren Erdbeben durch die Erdgasförderung fürchten (Deutschlandradio/ Andrea Lueg)

Zögerliche Entschädigungen

Die NAM, die Niederländische Erdgasgesellschaft, und die Regierung, so klagen die Groninger, hätten die Probleme jahrzehntelang einfach ignoriert. Immer sei das viele Geld, das man mit dem Gas eingenommen habe, wichtiger gewesen als die Sicherheit der Groninger. 260 Milliarden Euro hat der Staat in den letzten Jahrzehnten verdient. Tausende Schadensmeldungen gibt es aus Groningen, und seit 2012 ein Beben der Stärke 3.6 den Ort Huizinge erschütterte, wird der Zusammenhang zwischen Gasförderung und Beben nicht mehr geleugnet. Doch beglichen werden die Entschädigungsforderungen immer noch äußerst zögerlich.

"Der Seitengiebel sackt schon langsam ab, hier sind auch überall Risse in den Mauern, ob das noch lange hält, das weiß ich nicht, ich denke das müssen wir auch bald abstützen."

Ate Kuipers zum Beispiel zerbröselt sein Viehbetrieb in Den Ham langsam unter den Händen weg.

"Als Erste reagieren die Kühe, und die Kälber, das Jungvieh. Die springen in ihren Leichtboxen auf und werfen sich gegen die Gitter, die geraten völlig in Stress."

Eigentlich müsste Kuipers Betrieb komplett abgerissen und neu aufgebaut werden. Er hat die Schäden gemeldet und die wurden auch anerkannt. Aber eine Entschädigung hat er noch nicht gesehen. Drei Millionen Euro, schätzt er, würde ein Wiederaufbau kosten. Die Provinz Groningen liege weit weg von der Regierung in Den Haag, meint der Landwirt.

"Die Menschen bekommen langsam das Gefühl, dass sie nicht mehr zu den Niederlanden gehören. Aber ich will das nicht. Wir gehören zu den Niederlanden. Wir haben die Niederlande hier von Groningen aus mit viel Erdgas versorgt, wir haben für viel Wärme im Land gesorgt. Und diese Wärme, die wollen wir gerne auch zurückbekommen."

Erdgasförderung wird zurückgefahren

2016 wurde die Fördermenge für Gas in Groningen aufgrund des zunehmenden Drucks und der Schadensmeldungen runtergefahren und bei den letzten Parlamentswahlen spielte das Gas eine wichtige Rolle. In einer Fernsehdebatte mit Erdbebenopfern musste Premierminister Mark Rutte seine Politik gegen aufgebrachte Groninger verteidigen. Den Menschen gehe eben die Geduld aus, meint Ate Kuipers:

"Der Stress ist bei den Menschen allgegenwärtig. Die Risse, die gehen inzwischen nicht mehr nur durch die Mauern, sondern auch durch die Menschen, die hier leben."

Nach dem Beben im Januar wurde die Abkehr vom Gas noch einmal beschleunigt: Ende März kündigte das niederländische Kabinett an, das die Gasförderung in Groningen in den kommenden Jahren massiv zurückgefahren werde und im Jahr 2030 komplett stoppen soll. Groningen bekommt zudem ein Milliardenpaket an Hilfen. Sind die Groninger jetzt zufrieden?

"Jetzt heißt es, Ihr bekommt 1.15 Milliarden Euro um in die Zukunft von Groningen zu investieren. 1.15 Milliarden gegenüber 260 Milliarden, die hier verdient wurden. 1.15 Milliarden Euro, die in Groningen auf eine große Bandbreite von betroffenen Parteien verteilt werden muss und das auch noch über einen Zeitraum von zehn Jahren. In Sachen Schadenersatz und Stabilisierung läuft es nicht so gut. Man konzentriert sich jetzt auf die Zukunftsinvestitionen. Und wir haben große Angst, dass dadurch die Geschädigten nun im Regen stehen gelassen werden. Also den Beteuerungen der Regierung, dass die Bewohner hier und ihre Sicherheit im Mittelpunkt stehen, daran glauben wir hier in Groningen schon lange nicht mehr."

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