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StartseiteForschung aktuell"CO2-Footprint reduzieren und die Biodiversität im Blick behalten"28.11.2019

Energiewende versus Artenschutz"CO2-Footprint reduzieren und die Biodiversität im Blick behalten"

Für Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung schließen sich Arten- und Klimaschutz nicht aus. Derzeit kämen Fledermäuse zu tausenden an Windkraftanlagen um, sagte er im Dlf. Doch seien Schutzmaßnahmen möglich - mit weniger als einem Prozent Verlust bei der Energieerzeugung.

Christian Voigt im Gespräch mit Arndt Reuning

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Eschweiler: Die Windkraftanlage vor dem Braunkohlengroßkraftwerk Weisweiler im Rheinland. (imago / Sepp Spiegl)
Das Ziel der Energiewende dürfe nicht über das Ziel der Biodiversität gestellt werden, sagte Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Dlf (imago / Sepp Spiegl)
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Arndt Reuning: Ein wichtiger Baustein für die Energiewende ist die Windkraft. Allerdings: An den gewaltigen Anlagen zeigt sich schnell der Konflikt zwischen Klimaschutz auf der einen Seite und Artenschutz auf der anderen, denn viele Vögel und vor allem Fledermäuse lassen an den Windrädern ihr Leben. Ein grün-grünes Dilemma. So beschreibt es ein Team vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im "Journal of Renewable and Sustainable Energy". Die Fachleute haben eine Umfrage durchgeführt unter gut 500 Expertinnen und Experten für Windenergie und/oder Biodiversität. Von einem der Autoren, nämlich Christian C. Voigt, wollte ich vor der Sendung wissen: Gibt es denn einen Konsens darüber, welches der beiden Ziele – Klimaschutz oder Tierschutz – den Vorrang haben sollte?

Christian Voigt: Es gibt einen ganz, ganz breiten Konsens, dass wir eine ökologisch-nachhaltige Energiewende erreichen müssen. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie das passieren soll, aber da ist auf jeden Fall der Konsens, dass wir keine Energiewende durchpauken dürfen, sondern dass wir tatsächlich ökologisch nachhaltig konzipieren sollten.

Reuning: Nun stehen aber hier zwei Ziele miteinander im Konflikt. Also ist es so, dass eines davon den Vorrang haben sollte oder eben nicht?

Voigt: Nach meiner Einschätzung sollte es nicht so sein, dass ein Ziel dem anderen höhergesetzt wird. Dazu gibt es auch keine wissenschaftlichen Befunde, warum Klimaschutz wichtiger sein sollte als der Biodiversitätsschutz. Tatsache ist ja, dass wir uns sowohl in der Biodiversitätskrise befinden, wir haben eine Aussterbespirale, die immer schneller sich dreht, und wir haben andererseits die Klimaerwärmung. Wir müssen uns auch um unseren Planeten große Sorgen machen.

Viele Leute sehen das als Schwarz und Weiß, entweder das eine oder das andere, aber das kann nicht die Lösung sein, sondern die Lösung kann nur sein, wenn wir uns beides betrachten und Sorge tragen, dass wir bei all den Unternehmungen, die wir machen, um den CO2-Footprint zu reduzieren, auch die Biodiversität im Blick behalten.

Ein nach wie vor ungelöstes Problem

Reuning: Sie haben sich in dieser Umfrage speziell Fledermäuse als Opfer von Windrädern angeschaut. Warum gerade diese Arten?

Voigt: Fledermäuse kommen zu vielen tausenden an Windkraftanlagen in Deutschland um, und das ist nach wie vor ein ungelöstes Problem. Wir kennen Anlagen hier in Berlin-Brandenburg, wo wir genau wissen, wenn wir zur Hauptsaison dort hingehen, dann finden wir mitunter dutzende von Fledermäusen. Das heißt, wir haben hier ein ungelöstes Problem. Fledermäuse sind zum Teil in ihren Beständen bedroht, wir haben Arten, die abnehmen, auch gerade diese Hauptrisikoarten, und die Biodiversitätsschutzziele sollten wir stärker in den Fokus fassen.

Reuning: Ist es denn technisch möglich, Schutzmaßnahmen für Fledermäuse zu ergreifen, wenn es um die Windenergie geht?

Voigt: Technische Schutzmaßnahmen sind in einem bestimmten Umfang möglich. Man kann die Anlagen ausstellen, wenn die Aktivität der Fledermäuse besonders hoch ist. Das ist zum einen während der Migration der Fall, also im Sommer, August, September, da bei bestimmten Umgebungstemperaturen und Windgeschwindigkeiten.

Tatsache ist, dass Fledermäuse eigentlich bei stärkeren Windgeschwindigkeiten, wenn die Windkraftanlagen anfangen, Energie zu produzieren, eigentlich in ihrer Aktivität abnehme, sinken, sodass der Überlapp eigentlich nur ein kleiner Bereich ist. Eigentlich sollte es wirtschaftlich tragbar sein, in diesem kleinen Bereich den Fledermäusen diesen Schutz zu gewähren.

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

Gesellschaft sollte für eine ökologisch-nachhaltige Eneergiewende Sorge tragen

Reuning: Sie bringen die Wirtschaft ins Spiel. Die Betreiber der Windparks erzeugen dadurch natürlich weniger Strom, sie verdienen weniger Geld. Wer sollte das denn bezahlen? Die Industrie selbst oder die Verbraucherinnen und Verbraucher? Wie sieht das denn die Branche in Ihrer Umfrage?

Voigt: Die Branche sieht das sehr geteilt. Die Windenergieunternehmen sehen natürlich sich da nicht so sehr in der Pflicht, das zu tragen. Ich selber stehe auf dem Standpunkt, dass die Gesellschaft dafür Sorge tragen sollte, dass wir eine ökologisch-nachhaltige Energiewende erreichen. Letztendlich sollte der Stromverbraucher dafür zahlen, da an erster Stelle vielleicht auch die Industrie genannt, die ja andere Strompreise zahlt als der private Verbraucher. Die Verluste, die entstehen, sind allerdings relativ gering, weniger als ein Prozent der Energieerzeugung an der Windkraftanlage würde verlorengehen, wenn man dem Fledermausschutz hier Rechnung trägt.

"Der Konflikt wird größer, stärker"

Reuning: Die Flächen für Windenergieanlagen sind begrenzt, man geht mittlerweile auch dazu über, immer öfter Windräder in Wäldern aufzustellen. Vergrößert das nicht den Zielkonflikt mit dem Artenschutz?

Voigt: Das ist wirklich zu erwarten. Der Konflikt wird größer, stärker, wenn wir in Bereiche gehen, die über eine hohe Fledermausaktivität verfügen. Wir zerstören ja auch zum Teil Waldstandorte, müssen sie zerstören, um die Freiflächen zu schaffen für die Anlagen. Dadurch werden unsere Wälder noch kleiner, zerstückelter, und wir wissen gar nicht, wie sich das letztendlich dann auch noch auf das Waldökosystem auswirkt.

Zum anderen haben wir tatsächlich den Trend, dass wir jetzt windschwache Gebiete explorieren, wo letztendlich nur noch größere Anlagen genügend Strom produzieren. Das heißt, wir haben zum Teil Konzepte von Windenergieproduzenten, wo das Rotorblatt bis auf 15 oder 20 Meter tiefer runtergeht, und das ist natürlich im starken Konflikt mit der Natur, mit niedrigfliegenden Arten.

Zweifelhaft, ob "wir mit Windkraft ökologisch nachhaltig zum Ziel kommen"

Reuning: Wie könnte denn die Zukunft der Windenergie aussehen, die den Schutz der Biodiversität mit einschließt?

Voigt: Wir müssen zum einen Standorte ausschließen, die ganz klar hohe Naturschutzpriorität haben. Wir müssen diese Beauflagung von Windkraftanlagen durchsetzen und die dadurch entstandenen wirtschaftlichen Einbußen in irgendeiner Weise kompensieren, aber wir müssen uns auch Gedanken darüber machen, ob wir tatsächlich über Windenergie zu unseren Zielen gelangen, einer ökologisch-nachhaltigen Energiewende, denn der Landverbrauch, der Verbrauch von Landschaft ist natürlich ganz immens. Mir kommen manchmal Zweifel, ob wir, wenn wir alle Karten auf dieses eine Pferd setzen, mit Windkraft wirklich ökologisch nachhaltig zum Ziel kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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