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StartseiteDie neue PlatteMusik zu "Il Pentamerone"24.02.2019

Ensemble Oni Wytars auf SpurensucheMusik zu "Il Pentamerone"

Zehn Frauen erzählen sich an fünf Tagen 50 Geschichten. Das ist das Setting des "Pentamerone" von Giambattista Basile. Er legte damit im Frühbarock die Grundlage für die europäische Märchenerzählung. Das Ensemble Oni Wytars erzählt erstmals die Geschichten und die Stimmung durch Musik.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Das Ensemble Oni Wytar, mit verschiedenen Instrumenten wie Trommel, Maultrommel, Harfe, Barockgitarre und Blockflöte mit der Sängerin Gabriella Aiello beim Konvergencie Chamber Music Festival, Bratislava 2018 (Martina Z.Šimkovičová)
Das Ensemble Oni Wytars mit Gabriella Aiello beim Konvergencie Chamber Music Festival, Bratislava 2018 (Martina Z.Šimkovičová)

Wir möchten Ihnen die neueste CD des Ensembles Oni Wytars mit dem Titel "Pentameron" vorstellen. Sie erschien jetzt bei Sony Music/deutsche harmonia mundi und ist einer der bedeutendsten Zusammenstellung von Märchen, Geschichten und Volkslegenden in der europäischen Literaturgeschichte gewidmet. Verfasst hat sie der neapolitanische Schriftsteller und Hofpoet Giambattista Basile zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Von der Bedeutung her ist diese in fünf Tage eingeteilte Sammlung, die wiederum von einer einzigen Geschichte umrahmt wird, vergleichbar mit dem "Decamerone" oder den "Geschichten aus 1001 Nacht", wobei sich Oni Wytars hier auf die Spurensuche nach der passenden Musik dazu gemacht hat.  

Musik: "Dolce amoroso focho" aus: Canconiero de Palacio

Das Ensemble Oni Wytars hat ein unnachahmliches und sehr sensibles Gespür für Zeitkolorit. Hier, bei Basiles Pentameron Programm, wird man gleich mit den ersten Takten hineingezogen in eine entspannte Klangwelt der Renaissance, bei der ein Sprecher Zeilen aus Basiles fantastischen Geschichten liest. In deutschen Märchen hieß es später: Es war einmal…..

Musik aus dem Mittelmeerraum ist Schwerpunkt bei Oni Wytars

Die zentralen Merkmale der Arbeit von Oni Wytars sind zum einen die ausgefallene Programmauswahl und zum anderen Länder übergreifende Projekte, wobei der Mittelmeerraum im Zentrum steht. Das multinationale Ensemble besteht seit 1983 und singt und spielt bei "Pentameron" sozusagen in der Kernbesetzung. Das sind Katharina Dustmann, Marco Ambrosini, Riccardo Delfino, Michael Posch und Peter Rabanser. Bei dieser Einspielung ist auch die "Cantatrice", die italienische Sängerin Gabriella Aiello mit dabei, die das Programm mit Peter Rabanser zusammen erarbeitet hat. Unterstützung hat Oni Wytars hier von zwei Erzählern bekommen, die in Italien sehr populär sind: Patrizio Trampetti und Bruno Buoninconti.

Die Sängerin Gabriella Aiello und Peter Rabanser, der einen italienischen Dudelsack spielt, während einer Konzertaufführung beim Konvergencie Chamber Music Festival, Bratislava 2018 (Martina Z.Šimkovičová)Die Sängerin Gabriella Aiello und Peter Rabanser, der einen italienischen Dudelsack spielt (Martina Z.Šimkovičová)

Das besondere Klangbild des Ensembles entsteht nicht zuletzt durch das Spiel auf historischen, rekonstruierten Instrumenten, von denen viele in der eigenen Werkstatt entstanden sind, wie zum Beispiel die Schlüsselfidel, die Tamorra oder die Langhalslaute Colascione. Zum anderen wiederum gelingt es den Musikern, durch eigene Arrangements, die auch der Improvisation Raum lassen, verschiedene Zeiten miteinander zu verbinden und immer wieder auch die Kontinuität durch die Jahrhunderte aufzuzeigen.

Musik: La Funtanelle, Anon./Trad./Marco Ambrosini

Die erste europäische Märchensammlung entstand in Italien

Das Programm zum "Pentameron" hat Oni Wytars parallel zur Vorlage gestaltet.
Die Sammlung von Giambattista Basile ist die erste schriftliche Aufzeichnung von Geschichten, Mythen, Sprüchen und Legenden in der europäischen Literatur, die bis dahin nur mündlich überliefert waren. Das Charakteristische an dieser neapolitanischen Dichtung ist die Verbindung von volkstümlichen Elementen mit einer barocken Erzählweise, die Allegorien, Wortspiele, Witz und Humor und skurrile Sprachgebilde hervorbringt. Dabei schöpfte Basile auch aus orientalischen Überlieferungen sowie aus Geschichten aus der griechischen Mythologie.

Die Zielgruppe waren in erster Linie Erwachsene, die einerseits vielleicht nicht so gebildet waren, andererseits aber die vielen Zweideutigkeiten und Metaphern verstehen konnten. So sollten die fabelhaften Geschichten sowohl der Unterhaltung dienen, als auch auf diese Weise moralische und ethische Prinzipien verbreiten.

Musik: Anon./Trad., Beddha ci dormi

Für spätere Märchensammler galt die Sammlung Pentameron als Quelle und Inspiration, so holten sich die Gebrüder Grimm hier ebenso Anregungen wie Charles Perrault, Clemens Brentano und Ludwig Tieck.

Veröffentlicht wurde das Werk erst zwei Jahre nach dem Tod Basiles, zwischen 1634 und 1636, von seiner Schwester Adriana, einer bekannten und einflussreichen Sängerin. Es erschien unter dem Pseudonym Gian Alesio Abbattutis, das ist ein Anagram des Autorennamens. Der Titel lautete zunächst: "Lo cunto de li cunti, overo Lo Trattenemiento de Peccerille", "Märchen der Märchen oder Unterhaltung für Kinder!" Ab 1674 wurde die Sammlung dann "Il Pentamerone" – 5-Tage-Werk genannt. Zehn Frauen erzählen in neapolitanischem Dialekt, an fünf Tagen fünfzig Geschichten, die eingebettet sind in eine Rahmenhandlung, versehen mit moralisierenden Sprichwörtern und Sentenzen, zeitgenössischen und ironischen Zusätzen.

Il Pentamerone als Urform berühmter Märchenfiguren

Viele vertraute Figuren der europäischen Märchenliteratur sind in diesen Geschichten zu finden: Kluge Prinzessinnen, Tierkönige, Drachentöter, Ungeschickte Tölpel, wackere Abenteurer, grimmige Oger, hilfreiche Feen, Prinzen und Könige, sie alle sind Teil der phantastischen wie der realen mediterranen Lebenswirklichkeit des 16. und 17. Jahrhunderts. Zu finden sind hier die ersten vollständigen Fassungen vieler bekannter Märchen wie Aschenputtel, Der gestiefelte Kater, Schneewittchen, Die Schöne und das Biest, Der Froschkönig und Rapunzel. Oder Geschichten wie hier, über "den Floh im Ohr", von Karl dem Großen.

Musik: Baldassare Donato, "No pulece m'entrato nell'orecchia

Basile hat seine oft aberwitzigen und fantastischen Erzählungen für eine ritualisierte Kunstform geschrieben, die sich zusammen mit Musik, Tanz und Schauspiel zu einem "dynamischen Miteinander" entwickelt, so Oni Wytars.

Das Ensemble hat dann nach intensiver Suche Lieder aus der traditionellen und der Kunstmusik zusammengestellt, die in etwa den Handlungen oder den Figuren des Buches entsprechen. Fündig wurden die Musiker auch außerhalb von Neapel in den Gegenden Basilicata und Apulien, die Basile in seinen Erzählungen erwähnt. So, wie sie, handeln auch diese Lieder oft von vom Schicksal geplagten Gestalten, deren größter Wunsch es ist, dass sich ihre Situation zum Besseren hinwende.

Traditioneller Gesang und Kunstmusik vereint

Die Musik "erzählt" vom traditionellen Gesang zur großen Trommel Tammorra, bis zur reichlich ausgeschmückten Villanella, von der schwindelerregenden Tarantella der Straßen und Gassen Neapels bis zur höfischen Tanzmusik.
Zu hören sind auch Werke bekannter neapolitanischer Komponisten, zu denen Basile teilweise persönliche Kontakte pflegte, wie z. B. Baldassare Donato, Giovanni Domenico Da Nola, Gian Leonardo Dell’Arpa, Johann Hieronymus Kapsberger und Velardiniello.

Musik: Gian Leonardo dell'Arpa, " Vurria crudel tornare"

Oni Wytars ging es darum, die Hörerinnen und Hörer "zurückversetzen in jene Atmosphäre der Innenhöfe und Stuben, in denen beim letzten Licht der Dämmerung in Geschichten und Liedern tragische Figuren zum Leben erweckt werden, die davon träumen, aus der Armut zu Reichtum zu kommen, von der Hässlichkeit zur Schönheit, von einem niedrigen zu einen höheren sozialen Rang, von der Einsamkeit zur Liebe."
Und das ist es, was das Ensemble zum großen Teil auch ausmacht, dass es ihm mit seinen Programmen immer wieder gelingt, dem Publikum nicht nur ein paar Stücke und Lieder zu präsentieren, sondern einen ganzen Klangkosmos  lebendig werden zu lassen mit Geschichten und Melodien, die man nie wieder vergisst.

Hits aus dem Neapel des 16. und 17. Jahrhunderts

Der Rote Faden sind hierbei die Figuren der Geschichten, sie erscheinen, wie in der Handlung, immer wieder durch die fünf Tage hindurch.
Instrumentalstücke und kleine Textpassagen, die dem Buch entnommen sind, verbinden die verschiedenartigen Lieder, wodurch sich eine gewisse Geschlossenheit ergibt. Viele der Melodien sind eher melancholisch oder traurig als fröhlich und erzählen von den Grenzgebieten menschlicher Gefühle. Einige haben nie etwas von ihrer Popularität verloren, waren sie doch schon damals in Neapel Gassenhauer, wenn auch kaum jemand von außerhalb die Texte verstehen konnte.

Im Booklet zur CD sind sie auch ins Deutsche übersetzt. Damals waren sie so populär, dass sie von Musikern, die am Hofe wirkten, niedergeschrieben und  bearbeitet wurden, und so Eingang in die Kunstmusik fanden. Auch die neapolitanische Kanzone hatte hier ihren Ursprung.
Vor Oni Wytars hatte sich merkwürdiger Weise in den letzten fast 500 Jahren noch nie jemand mit dem musikalischen Aspekt von Basiles Pentameron beschäftigt. Allein dafür gebührt dem Ensemble die Anerkennung.

Die Lektüre des Buches, das es jetzt auch in einer gut kuratierten deutschen Ausgabe gibt, ist nur zu empfehlen. Die einstige sonstige gegenwärtige Beschäftigung mit dem Stoff ist in dem Film "Das Märchen der Märchen" von Matteo Garrone aus dem Jahre 2015 dokumentiert. Garrone hatte auch schon Roberto Savianos Mafia-Epos "Gomorrha" verfilmt.   

Musik: Anon./Trad./Arr. G.Aiello, P.Rabanser, "Tarantella finale"

Oni Wytars - Pentameron (Legends, Magic and Love in Music at the Time of Basile's "The Tale of Tales")
Werke von Donato, Dell'Arpa, Kapsberger, Bernaldino detta Velardiniero, Nola, Anonymus & aus dem Cancionero de Palacio
Ensemble Oni Wytars
Sony Music/deutsche harmonia mundi

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