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StartseiteEuropa heuteEntführt, gefoltert, ermordet10.07.2009

Entführt, gefoltert, ermordet

Paris: Urteil im Foltermord an Ilan Halimi

Am Abend des 20. Januar 2006 war der 23-jährige Ilan Halimi in Paris mit einer jungen Frau verabredet, von dieser Verabredung kehrt der junge jüdische Mann nicht mehr zurück. Am nächsten Tag werden die Befürchtungen für seine Eltern zur schrecklichen Gewissheit: Ein Anrufer fordert 450.000 Euro Lösegeld für die Freilassung ihres Sohnes. Die Verhandlungen scheitern. Am 13. Februar - drei Wochen später - wird Ilan Halimi ermordet in der Nähe eines Pariser Vorstadtbahnhofs gefunden. Sein toter Körper ist gezeichnet von den Spuren schwerer Folter. Schnell wird klar, dass er nicht nur ein Opfer der Geldgier wurde, sondern dass der Mord auch antisemitisch motiviert war. Im Laufe des heutigen Tages wird das Urteil für die mutmaßlichen Täter erwartet. Doch auch wenn sie die geforderte Höchststrafe erhalten, bleibt die Frage, warum der Antisemitismus in Frankreich erstarkt ist.

Von Margit Hillmann

Ruth Halimi hält ein Urlaubsfoto ihres Sohnes Ilan Halimi in die Kamera. (AP)
Ruth Halimi hält ein Urlaubsfoto ihres Sohnes Ilan Halimi in die Kamera. (AP)
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Die Rue Petit im jüdischen Viertel des 19. Pariser Arrondissement: Ein junger Mann, der eine Kippa - die jüdische Kopfbedeckung - trägt, sitzt auf der Terrasse eines kleinen Cafés. Er trinkt seinen Espresso und liest Zeitung. Ja, natürlich verfolge auch er - wie alle Juden in Frankreich - den Mordprozess mit größter Aufmerksamkeit:

"Es fällt mir sehr schwer, darüber zu sprechen. Jemanden so zu quälen, ihm solche Schmerzen zuzufügen - das ist einfach von Grund auf unmenschlich."

Er ist froh, dass er nicht mehr in Frankreich lebt, sagt er plötzlich. Vor vier Jahren, mit knapp 20, ist er nach Israel ausgewandert. Wegen der spürbar antisemitischen Stimmung hierzulande. Er komme nur noch, um seine Eltern zu besuchen.

"Es gibt hier für uns zu viele Probleme. Deswegen sagen sich heute immer mehr Juden, dass sie in Frankreich nicht mehr ihren Platz haben. Dass es besser ist nach Israel, in ihr Land zu gehen."

Als wenige Tage nach dem Tod Ilan Halimis die ersten Informationen über Täter und Tatumstände bekannt werden, deutet alles auf ein antisemitisch motiviertes Verbrechen hin. Die insgesamt 27 an der Entführung beteiligten Tatverdächtigen - damals zwischen 17 und 27 Jahre alt - kommen aus einem der muslimisch geprägten Einwandererviertel der Pariser Vorstadt. Deren Bewohner gelten als besonders judenfeindlich. Außerdem hatte ihr Anführer - der zum Tatzeitpunkt 25-jährige Youssouf Fofana -- bereits mehrfach versucht, bei bekannten jüdischen Persönlichkeiten Geld zu erpressen - darunter Rony Brauman, Gründer der französischen Organisation "Mediziner ohne Grenzen". Dabei gab sich Fofana - in seinem Viertel bekannt unter dem Spitznamen "Oussama" - immer wieder als Mitglied der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" aus. Für den französischen Soziologen und Spezialisten für Antisemitismus und Jugendgewalt, Michel Wieviorka, ist das Tatmotiv der Barbarengang dennoch nicht von Anfang an antisemitisch.

"Die Gang der Barbaren hat anfangs nur Geld im Sinn. Deswegen entschließen sie sich, jemanden zu kidnappen. Und weil sie glauben, dass Juden Geld haben, sagen sie sich: Kidnappen wir am besten einen Juden. Das ist primitiver Antisemitismus, der bei der Auswahl des Opfers zwar zum Kriterium wird. Aber das eigentliche Motiv ist krimineller Art, sie wollen Geld."

Der Hass auf die Juden kommt zum erst zum Vorschein, als das Lösegeld ausbleibt, so der Soziologe. Die Täter misshandeln das Entführungsopfer; sie schlagen Ilan, verbrennen ihn mit Zigaretten und fügen ihm mit einer Rasierklinge Schnittwunden zu. Tatsächlich begründen einige der Täter die begangenen Grausamkeiten in ersten Verhören mit ihrer Abneigung gegen Juden.

Für Michel Wieviorka ist der Antisemitismus, in den die Tat schließlich abgleitet, keine Überraschung. Seit 30 Jahren beobachtet der Soziologe einen neuen Antisemitismus, der insbesondere in den isolierten Vorstädten zunehme.

"Es ist eine Mischung aus sozialen Gründen, die man so nur in Frankreich findet. Die Immigrantenkinder in den Einwanderervierteln sagen sich: Ich bin arm, ich lebe in einem Getto und bin von allem ausgeschlossen; für mich gibt es keine Anerkennung, ich werde ständig diskriminiert. Und die Juden haben all das, was mir versagt wird. Hinzu kommt: Die arabisch-muslimische Jugend identifiziert sich mit den Palästinensern im Nahen Osten und ihren Kampf gegen die Israelis als Unterdrücker. Und weil sie die Israelis mit den Juden in Frankreich gleichsetzen, werden die automatisch zu ihren Gegnern."

Für den Soziologen Wieviorka ist dieser neue Antisemitismus das Ergebnis einer gescheiterten Integration der Einwanderkinder.

"Seit 40 Jahren nimmt das Integrationsvermögen unserer Gesellschaft kontinuierlich ab. Das heißt, unser republikanisches Ideal wird von der Wirklichkeit eingeholt. Damit erhöht sich das Risiko von Gewalt und Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Und das ist genau das, was wir jetzt beobachten."

Die Pariser Staatsanwaltschaft forderte in seinem Plädoyer für den Anführer der sogenannten Barbarengang Youssouf Fofana die Höchststrafe: lebenslänglich mit einer anschließenden Sicherheitsverwahrung von 22 Jahren.

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