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StartseiteKultur heuteZwanghafte Burleske23.10.2017

"Entführung der Europa" am Berliner Ensemble Zwanghafte Burleske

Die Frau eines Syndikatschefs wurde entführt. Der Privatdetektiv Max Messer soll nach ihr fahnden: Das Stück "Die Entführung der Europa" stellt auf drei Ebenen die Frage, ob Europa wieder ein Zukunftsversprechen sein kann. Und mischt dafür eine Kriminalstory mit einer Burleske - und Zitaten von Heiner Müller.

Von Eberhard Spreng

Berliner Ensemble "Die Entführung Europas" von Alexander Eisenach; Premiere: 21.10:2017; Regie: Alexander Eisenach; Bühne: Daniel Wollenzin; Kostüme: Lena Schmid , Pia Diederichs; Dramaturgie: Frank Raddatz; Musik: Sven Michelson Es spielen v.l.n.r.: Christian Kuchenbuch; Kathrin Wehlisch; Peter Moltzen; Laurence Rupp. (dpa / Claudia Esch-Kenkel)
Zeitgenössische Dramatik, schwarz-weiß kariert: Darsteller des Berliner Ensembles (dpa / Claudia Esch-Kenkel)
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Schwarz gestreifter Anzug mit Weste, weißes Hemd und Hut, der Rauch einer Zigarette im Licht der Nacht, die Jalousieblenden mit dem Blick nach draußen. Mit schwarz-weißen Videobildern im Stile des Film Noir und dem Blick in Max Messers Office beginnt die Aufführung. Der Mann ist Privatdetektiv und zugleich Autor von crime stories. Aber die haben von seiner Seele Besitz ergriffen, weshalb Max durch die nun folgende Geschichte geistert wie die Mensch gewordene Frage des Autors nach der Kraft der Sprache und ihrer Möglichkeit, das Reale in Worte zu fassen: Das ist Ebene eins.

Die Frage nach Erkenntnissen

Max Messer soll aber eigentlich nach der angeblich entführten Europa fahnden, Frau des Zahnarztes und Syndikatschefs Jupiter Kingsby und das - Ebene zwei - wird in Stil einer Boulevardfarce mit drastischer Figurenzeichnung vorgeführt.

"Sie vermissen Sie nicht zufällig?

Ich kann Ihnen versichern, Sie verschwenden ihre Zeit. Europa geht es gut, Sie verschwindet immer wieder einmal für ein paar Tage oder Nächte, sie ist ein unabhängiges Wesen.

Es gibt Leute, die behaupten, dass Europa entführt wurde von Ihnen."

Auf einer abstrakten, schwarz-weiß-karierten Bühne wird die burleske Kriminalparodie aufgeführt. Trichterförmig verjüngt sich die Szene; ein Bild, das für das Verständnis des Geschehens kaum hilfreich ist. Eine der Fragen des Stückes ist, wie man zu gesicherten Erkenntnissen kommt. Das einzig taugliche Verfahren ist Archäologie, behauptet Max Messers Verlegerin Margaret. Schicht für Schicht müsse abgetragen werden auf der Suche nach dem ursprünglichen Ereignis.

Und dies führt zur Ebene drei: Der von Heiner Müller übernommenen allegorischen Funktion von Theaterfiguren im ewigen Mahlwerk der Geschichte. Alexander Eisenachs Teiresias ist eine solche allegorische Figur. Der ehemalige Seher ist hier als Anlageberater ein Prophet einer vom Geld gesteuerten Erkenntnis.

"Die alten Seher des tragischen Zeitalters, die mussten mit ihren Händen noch ständig in irgendwelchen Eingeweiden wühlen. In unserer Zeit lässt sich das Schicksal mit dem Geld wesentlich präziser vorhersagen. Alles was sich die Menschen vor ihrer Zukunft versprechen, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen, ihre Sehnsüchte, all das zirkuliert an den Märkten. Der Preis ist das Orakel."

Von Heiner Müller über den Kongo zu Castorf

Das sagt Laurence Rupp einem von Christian Kuchenbuch verkörperten Max Messer, der gerade Heiner Müllers Mann im Fahrstuhl nachgespielt hatte und sich nun im Kongo wiederfindet, wo eine Joseph Conrad-Mission ins Herz der Finsternis auf ihn wartet. Der Mann im Fahrstuhl ist nur das prominenteste der zahlreichen Müller-Zitate des Abends. Aber auch ein anderer Evergreen, Benjamins "Engel der Geschichte", lässt Eisenach in dieser Kollage über Welt- und Geschichtszustände nicht aus.

Auch Castorf-Theater wird, allerdings als blasser Abklatsch, zitiert, wenn der Apologet der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse, Peter Moltzen als Jupiter Kingsby für Schlossbauwerke wie das entstehende Berliner Humboldtforum wirbt. An dem solle man doch bitte seine ganz unschuldige, ahistorische Freude haben, wie an allem, was sich kaufen lässt. Er ist der Inbegriff eines Denkens, das sich jede globale Verantwortung für den narzisstischen Spaß schenkt, den der Konsum bereiten soll. Wo aber ist die Figur der Europa, von der man vermuten muss, dass sie in diese bösen Spiele tief verstrickt ist? Sie wartet in einer düsteren, unheilvollen Szene mit dahingehauchten Erkenntnissen auf.

Zu viel Konzept und Programm

"Der Tod ist die unvermeidliche Schattenseite einer Welt, die nichts kennt als ihre eigene Realität. Die ganzen abgehackten Hände, die versinkenden Schlauchboote, die Menschen in den Stacheldrähten, die Hungernden und Versklavten, sie sind nicht etwa das Nebenprodukt unseres Lebens, sie sind dessen Kern."

Am Ende leistet sich Alexander Eisenach in der Figur der Europa dann doch noch einmal einen emphatischen Wirklichkeitsbegriff. Stephanie Eidt spielt diese orakelnde Europa und ganz wunderbar auch ihre laszive Doppelgängerin Grace, die Ex-Geliebte des Detektivs.

"Die Entführung Europas" ist das erste Stück zeitgenössischer Dramatik, für die sich das neue Berliner Ensemble in seiner ersten Spielzeit stark macht. Aber Alexander Eisenachs Europa-Meditation leidet daran, dass sie ihren Stoff nur in ironischer Brechung, zwanghafter Burleske und mit Heiner Müllers Rückendeckung in den Griff nimmt. So als läge da ein Denken zugrunde, das sich seine eigenen Gedanken eigentlich gar nicht zutrauen möchte und jedes Mal, wenn es interessant wird, wenn es weitergehen müsste, in Formfragen ausbüchst. Und deshalb riecht das Ganze etwas nach: Papier, Konzept, Programm.

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