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StartseiteInterview der Woche"Geld bringt keinen Frieden"19.01.2020

Entschädigung für Missbrauch in der Kirche"Geld bringt keinen Frieden"

Pater Klaus Mertes hat vor zehn Jahren als Leiter des Canisius-Kollegs sexuelle Straftaten in der katholischen Kirche öffentlich gemacht. Im Dlf warnte er davor, die Anerkennung und Entschädigung der Opfer auf Geldleistungen zu beschränken. Das seien Angebote einer Freikauf- und Ablassmentalität.

Pater Klaus Mertes im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Der Jesuiten-Pater und ehemalige Schulleiter des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, vor dem Canisius-Kolleg in Berlin  (picture alliance/ dpa/ Marc Tirl)
Der Jesuiten-Pater Klaus Mertes war von 2000 bis 2011 Schulleiter des Canisius-Kollegs in Berlin (picture alliance/ dpa/ Marc Tirl)
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Christoph Heinemann: Pater Mertes, genau vor zehn Jahren haben Sie Briefe an ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs verschickt. Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an den 19. Januar 2010 denken?

Pater Klaus Mertes: Als Erstes fällt mir das Gespräch ein, das ich ein paar Tage vorher geführt habe mit drei ehemaligen Schülern, die 1980 Abitur gemacht hatten und die mir glaubwürdige Geschichten erzählt hatten von Missbrauch, den sie erlebt hatten, aus dem ich schloss, dass es neben diesen drei Herren bei zwei damals agierenden Mitbrüdern mindestens 100 Opfer gegeben haben muss – zusätzlich. Und daraus ergab sich zwingend für mich die Notwendigkeit, wissen zu wollen und in die Verantwortung zu gehen, wissen zu wollen, wer noch betroffen ist.

  (Imago / Daniel Haskett) (Imago / Daniel Haskett)Katholische Kirche - Zehn Jahre Missbrauchsskandal Am 28. Januar 2010 wurden die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg erstmals in der Öffentlichkeit publik. Daraus entwickelte sich der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Was genau ist geschehen und welche Folgen hatte er? Ein Überblick.

Heinemann: Ab dem 28. Januar berichteten dann Berliner Medien über Ihren Brief. Was haben Sie in den folgenden Tagen und Wochen erlebt?

Mertes: Nach dem 28. meinen Sie?

Heinemann: Genau.

Mertes: Ja, das Allererste war natürlich erst mal der Aufschlag an dem 28. morgens selbst. Die Schülerinnen und Schüler des Kollegs und auch die Kollegen und Kolleginnen waren durch die Stadt gegangen. An jeder Litfaßsäule hing die Morgenpost mit dem Titel, das Bild des Canisius-Kollegs, "Schule des Grauens". Und die kamen natürlich selbst völlig erschüttert in die Schule hinein. Und eine Kollegin brach zusammen mit dem Satz: "Was tut Pater Mertes uns an?" Die kleineren Kinder fingen schon an, die Fünft- und Sechstklässler, Plakate zu malen, weil sie vor die Straße gehen wollten, auf der schon die Übertragungswagen von ARD, ZDF und anderen Medien standen, um zu protestieren. So nach dem Motto: "Das war vor 30 Jahren, damit haben wir nichts zu tun, macht unsere Schule nicht schlecht", und so, also, ich sage mal, der Schmerzensschrei in der Institution.

Und da haben wir die Schüler und die Kollegen sehr, sehr schnell versammelt und anderthalb Stunden lang in der Turnhalle miteinander gesprochen. Da waren große Emotionen. Und zum Schluss war allen Beteiligten klar, vor allem den Jugendlichen, wenn man so etwas in der eigenen Institutionsgeschichte aufklären will, dann muss man bereit sein, den Preis der Stigmatisierung der Institutionen zu zahlen. Und das haben die Jugendlichen dann auch gemacht. Sie haben es verstanden, dass sie jetzt bereit sind, diese Last zu tragen. Und, wenn ich das mal sagen darf, sie tragen sie ja bis heute. Jedes Mal, wenn kirchlicher Missbrauch in den Medien thematisiert wird im Fernsehen, kommt ein Bild vom Canisius-Kolleg. Und das muss man tragen. Ich habe denen dann gesagt, also, wir werden vielleicht zehn, 15 Jahre lang die Missbrauchsschule sein und dann werden wir im Rückblick in 20 Jahren vielleicht die Schule sein, bei der der Aufklärungsprozess begonnen hat, aber das ist mit Geduld zu tragen. Und das haben die dann auch getan. Deswegen bin ich bis heute stolz, vor allem auf die Jugendlichen, die das mitgetragen haben.

Pater Klaus Mertes  (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)Pater Klaus Mertes (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

"Protest gegen die Aufklärung"

Heinemann: Sie sprachen gerade über die Stigmatisierung der eigenen Institution. Wie sind Sie aus den eigenen Reihen kritisiert worden?

Mertes: Ja, entscheidend ist ja, dass eine Aufarbeitung gar nicht funktionieren kann, wenn man nicht irgendwie die Institution hinter sich bringt. Aber aufgrund der notwendigen Stigmatisierung entsteht ja auch gerade eine Spaltung. Und die Spaltung kommt dann zum Ausdruck im Protest gegen die Aufklärung. Und das ist natürlich dann der Vorwurf, der mir dann weniger aus meiner eigenen Institution, für die ich Verantwortung trug, also dem Canisius-Kolleg, das sozusagen dann geschlossen hinter mir stand, sondern dann im weiteren Verlauf aus der Kirche entgegengekommen ist. Das lässt sich immer zusammenfassen unter dem Vorwurf "Nestbeschmutzer".

  (dpa-Bildfunk / ZUMA / Evandro Inetti) (dpa-Bildfunk / ZUMA / Evandro Inetti)Untersuchung zu Missbrauch in der katholischen Kirche - "Die Studie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem" Dass die Katholische Kirche selbst Auftraggeber ihrer Missbrauchsstudie ist, führe zu einem Glaubwürdigkeitsproblem, sagte Klaus Mertes im Dlf, der 2010 als Schulleiter einen Missbrauchsskandal öffentlich machte. Es müsse eine innerkirchliche Gewaltenteilung geben, um die strukturellen Hintergründe endlich aufzuarbeiten.

Heinemann: Wie sind Sie damit umgegangen?

Mertes: Das ist mir ziemlich am Hintern vorbeigegangen, wenn ich das mal so sagen darf, denn ich habe ja nicht den Schmutz gemacht. Und es gibt gar keine andere Möglichkeit, verantwortlich mit dem Schmutz, der Gewalt und dem Schaden, den er in Biografien von Menschen angerichtet hat, umzugehen als ihn aufzudecken und dann das aufzuarbeiten. Das hat mich also wenig tangiert. Viel anstrengender, wenn ich das sagen darf, ist zu ertragen die nachvollziehbaren, aber auch nicht leicht zu ertragenden Hass- und Misstrauensgefühle von Opfern, die dann manchmal von der Presse verstärkt werden gegenüber der Institution oder gegenüber mir als Jesuiten und katholischen Priester. Damit musste ich lernen umzugehen. Das ist viel anstrengender.

Heinemann: "Schmutz", haben Sie gesagt. Sprechen wir über schmerzliche Verfehlungen oder über schwere Straftaten?

Mertes: Ja, wir sprechen über schwere Straftaten. Wir sprechen auch hier nicht über Kopfnüsse oder Ohrfeigen oder so etwas, sondern wir sprechen über schwere Verbrechen an Kindern und Jugendlichen.

"Straftaten sind nicht ordentlicher Gerichtsbarkeit zugeführt"

Heinemann: Wie viele katholische Priester gehörten eigentlich ins Gefängnis?

Mertes: Ich kann keine Zahl nennen. Aber einer der großen Schmerzen der Opfer besteht eben darin, dass die Straftaten nicht bestraft worden sind, also nicht einer ordentlichen Gerichtsbarkeit zugeführt worden sind. Und das liegt wiederum in der Verantwortung der Verantwortlichen, die vertuscht haben oder nicht begriffen haben, was geschehen ist – Missbrauch geschieht ja sozusagen nicht auf der Bühne – und die Symptome nicht richtig begriffen haben und dann Symptomatik beseitigt haben, aber nicht wirklich in die Tiefe gegangen sind, um zu erkennen, wo das eigentliche Problem liegt und dadurch eben die Strafe vereitelt haben – bis hin natürlich zu bewusster Strafvereitelung.

Heinemann: Genau. Was sollte mit den Bischöfen, Erzbischöfen, Kardinälen geschehen, die Täter decken oder gedeckt haben?

Mertes: Ja, also, es gibt ja den Strafbestand der Strafvereitelung. Das müsste bestraft werden. Oder sie müssten eben, falls es nicht sozusagen auf eine strafbare Weise geschieht, eben auf eine andere Weise Verantwortung übernehmen, bis hin zum Missbrauch. Vielleicht darf ich noch eine Sache sagen. Das Problem beim Missbrauch sexualisierter Gewalt besteht darin, dass es im Vorfeld zu strafrechtlich relevanten Straftaten schon eine Menge an Übergriffen gibt, die in der biografischen Wirkung auf die Kinder und Jugendlichen genauso schrecklich sein können wie eine schwere Straftat, die aber auch im weltlichen Recht gar nicht als Straftat bewertet werden.

Heinemann: Ein Beispiel?

Mertes: Es hat jetzt kürzlich in Karlsruhe den Fall gegeben, dass ein Vertretungslehrer auf einer Klassenfahrt eine sexuelle Beziehung zu einer 14-jährigen Schülerin begonnen hat. Und da kommt immer sofort das Thema "Einverständnis der Jugendlichen" oder angebliches "Einverständnis der Jugendlichen" also mit einer solchen sexuellen Beziehung. Dann hat die Schule darauf reagiert, indem sie den Kollegen gekündigt hat. Und der hat dann beim Arbeitsgericht geklagt und musste wiedereingestellt werden – keine Straftat. Oder ist es eine Straftat, wenn – wie es geschehen ist zum Beispiel in Berlin – der penisfixierte eine Pater Jugendliche gerne mal morgens auf dem Zeltlager geweckt hat, indem er ihn am Penis gestreichelt hat? Ist keine Straftat. Oder im Aloisiuskolleg hat ein Pater Jugendliche eingeladen in private Ferien und hat sie dann auf den FKK-Strand geführt und Nacktfotos von ihnen gemacht. Da hat die Staatsanwaltschaft gesagt, das sind erotische Fotos, ist keine Straftat. Aber trotzdem ist die biografische Wirkung dieser Tat, auch der ganzen Kontexte, was es auf der Beziehungsebene zwischen Erwachsenen und Kindern bedeutet hat und die langfristige Wirkung eben katastrophal. Und deswegen bedeutet Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und pädagogischen Institutionen mehr, natürlich nicht weniger, aber mehr als eine strafrechtliche Aufarbeitung.

"Die Opfer wollen Gerechtigkeit"

Heinemann: Pater Mertes, was wollen die Opfer?

Mertes: Die Opfer wollen die Anerkennung ihrer Geschichte auf Augenhöhe. Sie wollen zunächst einmal, dass die Institution die Wahrheit ihrer Geschichte anerkennt. Das ist der erste Punkt. Sie wollen durch das Erzählen ihrer Geschichte einen Beitrag dazu leisten, dass sich so etwas in Zukunft nicht wiederholt. Deswegen erwarten Sie auch von der Institution, dass sich die Institution verändert, damit so etwas nicht mehr geschieht. Darüber hinaus wollen die Opfer Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit besteht zum einen darin, dass Schaden, da, wo er entstanden ist, auch eventuell finanziell entschädigt wird. Das haben wir ja getan, indem wir Therapiekosten bezahlt haben.

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Heinemann: Der Jesuitenorden.

Mertes: Ja, der Jesuitenorden. Indem wir Ausbildungsgänge nachfinanziert haben, Rentennachzahlungen. Das Bistum Freiburg macht zurzeit ja auch was Vergleichbares. Sie wollen aber auch – das, was ganz wichtig ist, die Klärung der Beziehung zu der Institution. Also, entweder die Möglichkeit zurückzukehren zur Institution, und zwar mit ihrer Geschichte, ohne das Verbot, ihre Geschichte erzählen zu dürfen. Oder eben die Klärung dahin gehend, dass es für Sie jetzt definitiv klar ist, sie wollen nichts mehr mit der Institution zu tun haben. Wenn ich da mal ein Beispiel nennen darf. Also, vor einiger Zeit hier am Kolleg St. Blasien ein Treffen von Schülern, die vor 30 Jahren Abitur gemacht hat, und dann steht ein ehemaliger Schüler auf und sagt: "So, liebe Mitschüler, jetzt möchte ich euch einmal erzählen, warum ich 30 Jahre lang das Gelände des Kollegs nicht betreten habe." Und dann kommt eben eine Geschichte von Gewalterfahrung. Und dann wird plötzlich der idealisierende Blick der nicht betroffenen Mehrheit von Mitschülern auf ihre eigene Schulzeit durchbrochen und es entstehen ganz tiefe und neue Gespräche.

Das war ja übrigens auch einer der ursprünglichen Motivationen, warum die drei Männer zu mir gekommen waren. Es stand das 30-jährige Jubiläum an und sie wollten zurückkehren und an diesem Jubiläum teilnehmen, ohne diese Geschichte verschweigen zu müssen, weil sie mit dieser Geschichte natürlich sofort die Stimmung verderben und niemand – nicht nur in der Institution, sondern auch im sozialen Milieu der ehemaligen Schüler das überhaupt hören will. Das sind ja alles störende Geschichten. Und das ist auch ein ganz großer Wunsch der Opfer, wieder die ausgrenzende Kollateralwirkung von Missbrauch aufzuheben in der Institution, zu der sie ja wieder ein Verhältnis gewinnen wollen, entweder in Form von Abstand oder in Form von neuer versöhnter Nähe.

"Differenzierte Wunschkonstellation bei Betroffenen"

Heinemann: Bei Anerkennung und Entschädigung, welche Rolle sollten Geldzahlungen spielen?

Mertes: Geld ist ein Medium der Anerkennung, aber ich bin zugleich der Überzeugung, dass Geld keinen Frieden bringt, wenn es nicht verbunden ist mit einem Beziehungsgeschehen.

Heinemann: Das kann natürlich als Ausrede auch gewertet werden.

Mertes: Ja, alles Mögliche. Ich kann auch eine reine Geldzahlung unter den Verdacht stellen, dass damit die Institution sich freikauft. Misstrauen und Verdachtsperspektive ist immer möglich in diesem Zusammenhang.

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Heinemann: Sie haben in dem Zusammenhang von Ablasshandel gesprochen. Ist das das richtige Wort?

Mertes: Ja. Ich finde, dass hier eine Gefahr liegt, und zwar je höher die Beträge sind im Sinne von Pauschalbeträgen, also, die ich nicht noch mal differenziere tatsächlich, die ungewollt, da ich die Forderung der Opfer ja nicht einfach jetzt diskreditieren will und vor allem die Opfer selbst mit ihrer Forderung nicht diskreditieren will, trotzdem mit dieser Forderung ungewollt das Angebot an die Kirche ist, okay, wir zahlen jedem Opfer 300.000 Euro, dann ist die Sache erledigt. Und das ist eine Freikaufmentalität. Das ist dann eine Ablassmentalität, dass man über Geld die Sache regelt. Und da glaube ich nicht, dass das für irgendeinen der Beteiligten wirklich Frieden bringt. Es entspricht übrigens auch nicht der sehr differenzierten Wunschkonstellation, die von Betroffenen an die Institution herangetragen werden, wie ich das in hunderten Gesprächen und aberhunderten Gesprächen in den letzten zehn Jahren erlebt habe.

"Versagen der Institutionen"

Heinemann: Aus welchen Mitteln sollten, wenn sie denn gezahlt werden, Geldzahlungen kommen?

Mertes: Das ist eine schwierige Frage. Ich finde, sie dürfte nur dann, um auf die Kirchensteuerdebatte einzugehen, aus Kirchensteuern bezahlt werden, wenn es auch irgendwie eine Beteiligung der Kirchensteuerzahler an dem Prozess der Versöhnung gibt oder der Klärung der Beziehung zu den Opfern. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt finde ich es nicht korrekt, einfach die kirchliche Öffentlichkeit und die Kirchenmitglieder, die engagierten, einfachen Leute, die in den Gemeinden tätig sind, einfach in Mithaftung zu nehmen für Versagen von Bischöfen auf der Leitungsebene.

Das institutionelle Versagen sind ja vor allem nicht die Täter, sondern das Nichterkennen oder das Vertuschen der Tat, der unangemessene Umgang, die Verweigerung des Schutzes, den die Betroffenen damals gebraucht hätten. Das ist ja das Versagen der Institutionen, und zwar der Verantwortlichen der Institutionen. Und jetzt einfach vor das Kirchenvolk zu treten und zu sagen, ihr müsst mithaften, finanziell, ist nicht in Ordnung. Dann muss man das Kirchenvolk auch mit hineinnehmen in den Prozess. No Taxation without representation. Und spätestens hier müsste dann auch das monarchische System, in dem einfach die Untergebenen zahlen für die Fehler der Monarchen, unterlaufen werden.

Heinemann: Also, keine Zahlung ohne Mitwirkung.

Mertes: Keine Zahlung ohne Mitwirkung.

"Eine Mehrheit der Bischofskonferenz hat verstanden"

Heinemann: Wie haben die Straftaten die katholische Kirche verändert?

Mertes: Die Straftaten, vor allem aber auch die Aufdeckung der Straftaten, hat in den letzten zehn Jahren große Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt. Zum einen sind wir auf der mittleren und unteren Ebene sicherlich im Bereich der Prävention erheblich weitergekommen. Inzwischen rufen bei uns die staatlichen Institutionen an, die Kollegen von anderen staatlichen Schulen, um uns zu fragen, wie wir in bestimmten Fällen vorangehen, wie wir Prävention machen. Viel wichtiger noch ist: Ein Schweigen ist durchbrochen. Es sind plötzlich Themen ansprechbar, die in den letzten 30 Jahren nicht mehr ansprechbar waren.

Ganz viele Theologen und Theologinnen, aber auch ganz viele Normalgläubige haben ihre Angst verloren, systemische Fragestellungen anzusprechen, die mit dem Missbrauch ja verbunden sind und im Hintergrund stehen. Ich glaube auch, dass man sagen kann, spätestens nach der MHG-Studie, die im vorletzten Jahr im Herbst veröffentlicht wurde, nun auch eine Mehrheit der Bischofskonferenz verstanden hat, dass es hier um weit mehr geht als das Problem der Aufklärung, Bestrafung von Einzeltaten und Einzeltätern.

Heinemann: MHG-Studie, ganz kurz, das war die der Katholischen Bischofskonferenz über den Missbrauch, die aufgelistet hat, dass es zwischen 1946 und 2014 etwa 3.677 Fälle gab, begangen von 1.670 Priestern. Über die Dunkelziffer können wir nur spekulieren.

Mertes: Das ist nur das Hellfeld, ja.

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Heinemann: Genau. Interview der Woche im Deutschlandfunk mit Pater Klaus Mertes, dem Direktor des Jesuitenkollegs in der Schwarzwaldortschaft St. Blasien, in dem wir dieses Gespräch am vergangenen Donnerstag aufgezeichnet haben. Pater Mertes, Sie fordern ein drittes vatikanisches Konzil – mit welchem Ziel?

Mertes: Wie sich ja herausgestellt hat und inzwischen auch anerkannt ist, sogar Papst Franziskus hat es dann im Februar des letzten Jahres in Rom auf dem Missbrauchsgipfel gesagt, sexueller Missbrauch durch Kleriker ist ein gesamtkirchliches Problem. Es ist nicht nur ein Problem bestimmter Regionen, denn das ist ja ein Teil der Abwehrstrategie, zu sagen, das ist nur ein Problem eben von bestimmten Gegenden, wie im dekadenten Westen zum Beispiel. So, das ist also eine erste wichtige Klärung. Es ist ein gesamtkirchliches Problem. Das hat Papst Franziskus deutlich gesagt. Auch das ein Erfolg übrigens der letzten zehn Jahre.

"Überzogenes Loyalitätsverständnis einer klerikalen Kaste"

Das Zweite ist: Es ist Konsens, die MHG-Studie hat es auch gesagt, aber das kann man auch ohne MHG-Studie wissen, es gibt im Hintergrund der Vertuschungsproblematik und aber auch der Täterthematik systemische Fragestellungen. Also, die Sprachlosigkeit im Kontext von Sexualität und Homosexualität im Klerus. Fragestellungen der kirchlichen Sexualmoral. Eine Mentalität des Klerikalismus, das heißt eine Überhöhung und auch Selbstüberhöhung des kirchlichen Amtes. Also, nehmen Sie einfach nur das Beispiel, die Eltern, auf die ein Kind zugeht, das Gewalt durch einen Kleriker erfahren hat und das versucht zu erzählen und dann brüllen die Eltern und sagen: So redet man nicht über einen katholischen Priester. Also, das ist ja schon das ganze Problem mit drin. Oder auch das Problem eines überzogenen internen Loyalitätsverständnis einer, ich sage mal, klerikalen Kaste, die männlich geprägt ist. Loyalitätsstrukturen in männlichen Elitegruppen sind ja bekanntlich besonders stark, was zu einer besonders großen Gefahr wird für diejenigen, die aus dieser Kaste ausbrechen, weil sie als Opfer oder als Mitwissende, weil sie von Opfern ins Vertrauen gezogen worden sind, etwas zu sagen haben, was nicht gehört werden will in dieser Männergruppe. So, das sind alles Fragestellungen.

Dann die nächste große Frage ist die Beschwerdestrukturen. Bei wem kann man sich denn eigentlich beschweren und wer hat denn eigentlich die Macht, über solche Fragestellungen zu entscheiden? Ist das überhaupt aufarbeitbar in einem monarchischen System, in dem Kläger und Richter und Staatsanwalt sozusagen ein und dieselbe Person sind und letztlich sozusagen hierarchisch im Papst gipfeln? Das sind alles Fragen von gesamtkirchlicher Bedeutung, die nur letztlich auch gesamtkirchlich geklärt werden können. Der synodale Weg, der jetzt angedacht ist …

Heinemann: Der Katholischen Kirche.

Mertes: … der Katholischen Kirche, könnte eben ein ortskirchlicher Beitrag dazu sein, insgesamt den Druck daraufhin zu erhöhen, dass die Kirche als Ganze das Thema, auch die systemischen Themen annimmt.

Heinemann: Einige der genannten Punkte hatten Sie ja vor einem knappen Jahr in einem offenen Brief an Kardinal Marx genannt – "Neustart Sexualmoral", Abbau der Überhöhung des Weihamtes, seine Öffnung für Frauen und dem Pflichtzölibat für Diözesanpriester möchten Sie gerne weiterentwickeln zugunsten einer freien Entscheidung.

Mertes: Ja.

"Signifikant hoher Anteil an homosexuellen Männern"

Heinemann: Also, im Prinzip den Pflichtzölibat abschaffen. Das hatten Sie am 03. Februar letzten Jahres in der FAS in einem Offenen Brief zusammen mit acht weiteren Persönlichkeiten veröffentlicht. Wie weit sind Sie auf diesem Weg im vergangenen Jahr gekommen?

Mertes: Es ist aber ein ganz großer Schritt schon einmal, dass diese Dinge ansprechbar geworden sind. Und nehmen Sie jetzt zum Beispiel bei der Frauenfrage, nehmen Sie nur mal so eine Bewegung wie Maria 2.0. Da ist ja auch im letzten Jahr wieder etwas geschehen. Wenn ich mir anschaue, dass inzwischen homosexuelle Kleriker offener in der ersten Person Singular über sich sprechen, dass das Thema inzwischen auch als systemisches Problem innerhalb des Klerus wahrgenommen wird, dass auch die Wissenschaft beginnt, sich dem zuzuwenden und zu sagen, also, wie kann es denn sein, dass es da eine Gruppe von Männern, in der es einen signifikant hohen Anteil an homosexuellen Männern gibt, zugleich eine so extreme homophobe Sexualmoral und ein extrem homophobes, zumindest sprachlich nach außen hin, Verhalten zeigt. Das sind ja alles Widersprüche, die werden langsam aufgedeckt. Ich habe nicht die Erwartung gehabt, dass durch diese Forderungen, die wir als Orden stellen, das jetzt alles kippt. Aber es ist ein Beitrag zu einer gesamtkirchlichen Entwicklung.

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Heinemann: Der ehemalige Papst Benedikt XVI. hat sich jetzt wieder zugunsten der Beibehaltung des Pflichtzölibats ausgesprochen. Wie kann man das Menschen erklären? Was ist eigentlich so toll am Verzicht auf praktizierte Sexualität?

Mertes: Also, ich lebe zölibatär und im Evangelium sagt Jesus den schönen Satz: Es gibt Menschen, die eben zölibatär leben - ich übersetze das mal – um des Himmelsreiches willen. Das Problem ist ja die Freiwilligkeit. Ich könnte Ihnen jetzt wirklich viel erzählen darüber, warum ich zölibatär lebe und warum ich auch bei allen inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen mit mir selbst und meinen eigenen Begehren dennoch sozusagen in dieser Lebensform mit einer inneren Zufriedenheit lebe und sie als sinnvoll erlebe. Das Problem ist die Verpflichtung. Und das hat tiefe historische Gründe, die ich jetzt nicht im Einzelnen entfalten will. Mein Hauptproblem mit dem Pflichtzölibat besteht darin, dass ich glaube, dass es als Zeichen dafür, sich sozusagen mit Haut und Haar in die Arbeit sozusagen für das Himmelreich hineinzubegeben, als solches Zeichen, also als Zeichen eben auch der Freiheit dafür, nicht mehr gesehen wird, und zwar aufgrund der Verfehlungen der Kleriker selbst ist das Zeichen eben nicht mehr verständlich, nicht mehr glaubwürdig. Und deswegen, würde ich sagen, geht es da einfach nicht mehr. Da ist eben auch etwas verspielt worden.

Heinemann: Was bedeutet Benedikts Äußerung für Franziskus?

Mertes: Das kann ich nicht beurteilen.

"Klerikalismus als Grundtypus des Priesterseins"

Heinemann: Wobei der Papst jetzt sich äußern muss nach der Amazonas-Synode über die Zulassung der sogenannten Viri probati, also verheirateter Männer für das Weiheamt.

Mertes: Ja, das wird er wohl auch tun müssen. Und ein Aspekt, der auch hier schon in Deutschland immer sichtbarer wird, das ist: Die Menschen verstehen nicht, dass eine Gemeinde nach der anderen geschlossen wird, weil immer weniger Priester da sind, aber ganz viele auch theologisch gebildete Männer und Frauen, die Gottesdienst feiern könnten und die - und der Zugang zur Eucharistie immer verschlossener wird, es sei denn, man fährt mit dem Auto viele, viele Kilometer in eine Zentrale, wo dann ein Priester ist, der Eucharistie feiert.

Und jetzt kommt noch mal hinzu, immer öfter inzwischen Priester, die unter Niveau weiterhin den Klerikalismus als Grundtypus des Priesterseins eben gut finden und ihn dann auch noch vorne auf der Bühne ausagieren. Denn das ist ja ein weiteres Problem. Wir haben ja in der Kirche einen ganz, ganz massiven Konflikt mit denjenigen Gruppen und auch innerhalb des Klerus, aber auch innerhalb einer sozusagen oft lautstark auftretenden Minderheit, die ja das klerikale System gut und richtig findet und es deswegen immer stärker zum Gegenstand der Predigt macht. Dann kommt man also in eine Kirche und dann hat man einen Priester vor sich, der eben auf Schwule schimpft, der darüber spricht, warum Frauen keine Priester werden sollen und warum alle höchsten Respekt vor dem Weiheamt haben sollten.

Das sind natürlich drei wichtige Themen, da kann man auch gelegentlich mal drüber sprechen auf die eine oder andere Weise, aber man hört nichts mehr vom Evangelium, sondern man hört nur noch eben Kirchenpolitik aus einer ganz bestimmten Ecke.

"Die Kirche ist meine Heimat"

Heinemann: Warum halten Sie dieser Kirche die Treue?

Mertes: Weil sie meine Heimat ist. Und ich lasse mir von Tätern und Vertuschern diese Heimat nicht nehmen. Ich bin doch nicht deswegen Priester geworden, weil ich Klerikalismus toll finde und es ganz fantastisch finde, dass Frauen keine Priester werden dürfen, und weil es toll ist, zölibatär zu leben. Sondern ich bin wegen der Frage nach Gott Priester geworden, wegen der Frage nach Gott, die für mich weiterhin bis heute eine lebendige und mein Leben erfüllende Frage ist, auch eine Suche ist, in der ich immer wieder auch etwas finde, um wieder neu zu suchen. Deswegen bin ich doch Christ, sozusagen, um diesem Christentum noch einmal einen Dienst zu erweisen. Mit meinem ganzen Leben bin ich dann noch mal Priester geworden. Das lasse ich mir doch nicht von klerikalen Zerrformen, auch dann, wenn sie zum Mainstream sozusagen in großen Teilen sozusagen der Hierarchie in den letzten 30 Jahren geworden sind, durch eine reaktionäre Kirchenpolitik nehmen. Deswegen bin ich der Letzte, der die Kirche verlässt.

Heinemann: Sie werden aber – Stichwort – das Jesuitenkolleg verlassen, und zwar zum Ende dieses Schuljahres. Was folgt dann für Sie?

Mertes: Das ist noch offen. Ich werde zunächst einmal einige Monate eine Sabbatzeit machen und dann erwarte ich, dass ich – wie das bei uns üblich ist – im Gespräch und Absprachen mit den Oberen dann eine interessante seelsorgliche Tätigkeit bekomme.

Heinemann: Pater Mertes, dankeschön für das Gespräch.

Mertes: Bitte sehr.

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