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StartseiteKommentare und Themen der WocheVolkswagen simuliert Aufklärung09.06.2021

EntschädigungszahlungVolkswagen simuliert Aufklärung

Volkswagen erhält von Ex-Konzernchef Martin Winterkorn Schadenersatz. Kaum ist die Tinte des Vergleichs trocken, verkauft VW ihn als Heldengeschichte, kommentiert Alexander Budde. Doch mit der Wahrheit habe diese nichts zu tun. Gerechtigkeit im Dieselskandal lasse weiter auf sich warten.

Ein Kommentar von Alexander Budde

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Volkswage-Vorstandschef Martin Winterkorn im Jahr 2007 bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg (picture-alliance/ dpa | Jochen Luebke)
Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn (Aufnahme aus dem Jahr 2007) (picture-alliance/ dpa | Jochen Luebke)
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Dieselgate - klingelt da was? Der millionenfache Betrug mittels manipulierter Abgasreinigung von Dieselmotoren flog im September 2015 auf. Er ist der ewige Wiedergänger unter den großen Industrieskandalen. Geduld war in dieser Sache von der ersten Stunde an eine gefragte Tugend.

Den spontanen Unschuldsbeteuerungen der damaligen Top-Manager folgten Jahre der internen Ermittlungen - und das stets wie ein Mantra wiederholte Versprechen, die ungeheuerlichen Vorgänge würden schonungslos aufgeklärt.

Vermutlich eine verschmerzbare Summe

Fünf Jahre brauchte Wolfsburg allein für die Erkenntnis, dass der damalige VW-Lenker Martin Winterkorn womöglich für das Debakel haftbar gemacht werden könnte, das den Konzern bereits mehr als 32 Milliarden Euro Kosten zur Bewältigung der Rechtsfolgen bescherte.

An einem Autohaus prangt das Logo des Volkswagen-Konzerns - aufgenommen aus dem öffentlichen Raum. Rheda-Wiedenbrück,  (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress) (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress)Die schleppende Aufarbeitung des VW-Diesel-Skandals Der Dieselbetrug und seine Aufarbeitung haben den Autokonzern VW bereits mehr als 30 Milliarden Euro gekostet. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Von schneller Aufarbeitung kann nicht die Rede sein.

Ursprünglich hatte VW eine Milliarde Euro Schadenersatz gefordert, da Winterkorn fahrlässig gegen seine Sorgfaltspflichten als Vorstandsvorsitzender verstoßen habe. Hinter den Kulissen schacherten Konzern, Anwälte und Versicherer weiter.

Immerhin etwas über elf Millionen Euro soll Winterkorn nun aus eigener Tasche hinblättern - für den über viele Jahre hinweg bestverdienenden Dax-Vorstand vermutlich eine verschmerzbare Summe. Weitere Co-Führungskräfte aus Winterkorns Zeit wollen sich mit geringeren Beträgen am Schaden beteiligen.

Kaum ist die Tinte trocken, verkauft VW den Vergleich als Heldengeschichte: Am Ende lassen wir die Großen nicht laufen! Schön - aber mit der Wahrheit hat sie leider nichts zu tun. Volkswagen simuliert Aufklärung, lässt Spezialisten einer Anwaltskanzlei hunderte Mitarbeiter des Autobauers befragen und Dokumente in unvorstellbarer Zahl sichten - und am Ende steht das kaum überraschende Ergebnis, dass der allmächtige Konzernchef fahrlässig unterwegs war.

Für Winterkorn kommt das dicke Ende wohl noch

Selbst diese Pflichtverletzungen bestreitet Winterkorn - doch juristisch spielt die mühsam ausgehandelte Lesart der Vorgänge eben auch dem Diesel-Sünder VW bestens in die Karten: Zusätzlich 270 Millionen Euro zahlt die Manager-Haftpflichtversicherung - und die deckt den Schaden nur, wenn Winterkorn nicht vorsätzlich getäuscht oder geschwiegen hat.

Mit VW mag Winterkorn nun quitt sein - doch das dicke Ende für ihn kommt wohl noch. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig kauft dem früheren Konzernchef sein angebliches Unwissen nicht ab. Im September soll am Landgericht dort der Prozess unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs starten.

Das Publikum darf auf Gerechtigkeit warten

Hinzu kommt womöglich ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage vor dem Abgas- Untersuchungsausschuss. Auch die Ankläger in Berlin sehen eindeutige Beweise, dass Winterkorn bereits bei einem Manager-Treffen im Mai 2015 von der illegalen Abschalteinrichtung erfahren habe. Wenn der Konzernchef da nicht voll im Bilde war, wofür einiges spricht, so hat er zumindest den Rauch nicht sehen wollen, wo alles lichterloh brannte.

Späte Verantwortung, Gerechtigkeit gar - darauf muss das geneigte Publikum dieser Dauervorstellung wohl noch ein Weilchen länger warten.

Alexander Budde –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde wurde 1971 in Kerpen geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Völkerrecht in Köln und Berlin. Parallel zu seinem Studium war er als freier Journalist u.a. für die Westdeutsche Zeitung, dpa und RTL-Aktuell tätig. 2001 wechselte er als Redakteur zum deutschen Programm von Sveriges Radio (Schweden) und arbeitete ab 2004 als Korrespondent für die ARD-Hörfunkprogramme sowie für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Seit 2013 ist er Landeskorrespondent in Niedersachsen.

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