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StartseiteKalenderblattEntscheidung für Deutschland20.03.2006

Entscheidung für Deutschland

Vor 85 Jahren stimmen in Oberschlesien 60 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib im Deutschen Reich

Gemäß den Friedensverträgen von Versailles fand am 20. März 1921 in Oberschlesien eine Volksbefragung statt. Die Bevölkerung entschied über einen Verbleib im Deutschen Reich. Mehr als 60 Prozent stimmten dafür. 18 Jahre später lösten deutsche Provokationen im oberschlesischen Gleiwitz den Zweiten Weltkrieg aus.

Von Wolf Oschlies

Adolf Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg hetzte die Deutschen in Oberschlesien gegen die Polen auf. (AP Archiv)
Adolf Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg hetzte die Deutschen in Oberschlesien gegen die Polen auf. (AP Archiv)

Versailles, Trianon, Neuilly – in diesen Pariser Vororten wurden 1919 die Friedensverträge mit den Weltkriegs-Verlierern geschlossen. Die Verträge waren keine brutalen Sieger-Diktate, die von ihnen initiierte Abstimmung in Oberschlesien 1921, auf deren Basis die Region später geteilt wurde, war sogar eine Konzession an Deutschland. Aber das sah nicht einmal Otto Braun ein, Sozialdemokrat und in den 20er Jahren reformfreudiger Ministerpräsident von Preußen.

"Der erste Schlag ist Preußen aber in seiner Wirtschaft versetzt worden, durch die Entscheidung über Oberschlesien. Seit 700 Jahren ist Oberschlesien deutsches Land, verdankt seine hohe wirtschaftliche Blüte allein deutscher Intelligenz und deutscher Arbeit."

Kein Wort davon, dass in Oberschlesien auch Polen lebten und nach Jahrhunderten der Teilungen 1918 wieder ein souveränes Polen entstanden war, das auch Deutschland umgehend anerkannte. Premierminister war der berühmte Pianist Ignacy Paderewski, der im Krieg das westlich orientierte Polnische Nationalkomitee geführt hatte und im Juni 1919 den Versailler Vertrag mit unterzeichnete. Dessen erste Version hatte die fast völlige Abtretung Oberschlesiens an Polen vorgesehen. Warum daraus nichts wurde, erklären polnische Historiker bis heute mit den zunehmenden Gewalttaten der Deutschen:

"Die deutsche Niederlage und die Wiedergeburt des polnischen Staates ermöglichten die Abtrennung Oberschlesiens von Deutschland. Deutsche Behörden gingen brutal gegen Demonstranten vor, was im Juli 1919 den ersten Schlesischen Aufstand auslöste. Ein Jahr später folgte, als Reaktion auf das Vorgehen deutscher Sicherheitspolizei und paramilitärischer Verbände, der zweite Aufstand. Eine internationale Kommission beendete die Konflikte, zumal laut Versailler Vertrag ein Plebiszit über die Zukunft der Provinz entscheiden sollte."

In Oberschlesien waren deutsche Freikorps aktiv, aber die Unruhen waren von Polen ausgelöst worden. In der Region entstand eine Krise wie heute im Kosovo: USA, England, Frankreich und Italien schickten Truppen, in der südlichen Bezirksstadt Oppeln amtierte die Commission de Gouvernement Haute Silesie und bereitete das Plebiszit vor.

Ähnliche Abstimmungen waren zuvor in drei umstrittenen Regionen im Osten zugunsten Deutschlands ausgegangen, prodeutsch votierte auch Oberschlesien, aber wieder konnte Preußens Ministerpräsident Otto Braun dem nichts abgewinnen:

"Über 60 Prozent der oberschlesischen Bevölkerung hatten sich für das Verbleiben bei Deutschland ausgesprochen. Gleichwohl hat der Oberste Rat in Paris auf der Grundlage der Vorschläge des Völkerbundsrats eine Grenze diktiert, die das industrielle Wirtschaftsgebiet Oberschlesiens zerreißt."

Bei einer Wahlbeteiligung von fast 98 Prozent stimmten 60 für Deutschland und 40 Prozent für Polen. Damit unzufrieden starteten die Polen im Mai einen dritten erfolglosen Aufstand, der den Teilungsbeschluss des Völkerbunds Mitte Oktober nicht verhindern konnte: Polen bekam 29 Prozent des Landes, 50 aller Hüttenbetriebe und 76 aller Kohlengruben.

Im polnischen Teil lebten 260.000 Deutsche, im deutschen 500.000 Polen, und für eine Übergangsfrist von 15 Jahren verpflichteten sich Polen und Deutschland zu sorgfältigstem Minderheitenschutz. Eine grenzübergreifende multiethnische Industriezone hätte entstehen können, wären nicht Demagogen wie Hitlers späterer Chefideologe Alfred Rosenberg dagegen aufgetreten:

"Der polnische Außenminister (…) erklärte, das was sich im heutigen Polen abspiele, sei ein ganz normaler Entdeutschungsprozess. Dieser normale Entdeutschungsprozess hat dem Deutschtum in Polen bis heute eine Million Volksgenossen gekostet."

Die Polen, aus leidvollen Erfahrungen gemäßigter, waren jedoch nicht gewillt, sich später Hitlers Diktat zu unterwerfen – bekundete ihr Außenminister Józef Beck 1939 im polnischen Sejm, kurz bevor mit deutschen Provokationen im oberschlesischen Gleiwitz der Zweite Weltkrieg ausbrach:

"Unsere Kriegsgeneration weiß den Frieden zu schätzen, aber wir in Polen wollen keinen Frieden um jeden Preis. Frieden entsteht unter zwei Bedingungen: friedliche Absichten und friedliche Methoden."

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